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Höchste Militärzeremonie der Bundeswehr: Der große Zapfenstreich

Gustav Heinemann lehnte ihn ab, Christian Wulff besteht darauf. Seit 1838 werden wichtige Politiker in Deutschland mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet. stern.de klärt auf, was dahinter steckt.

Der Große Zapfenstreich ist das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Die Ursprünge gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Eigentlich markiert der Zapfenstreich den Beginn der Nachtruhe. Wenn Landsknechte am Abend in das Lager zurückkehren sollten, ging ein Offizier mit einem Pfeifer und einem Trommler durch die Gaststuben und schlug mit seinem Stock auf die Zapfen der Fässer. Danach durfte der Wirt keine Getränke mehr ausschenken.

Während der Freiheitskriege ab 1813 bekam der Brauch zunächst in Preußen zeremonielle Bedeutung. Die heute noch geltende Form mit Aufmarsch und Musik wurde erstmals 1838 in Berlin aufgeführt. Mit dem Großen Zapfenstreich werden Bundespräsidenten und Bundeskanzler sowie Verteidigungsminister bei ihrer Verabschiedung geehrt. Auch bei Jubiläen und Gelöbnissen kann das Zeremoniell stattfinden.

Für die Verabschiedung wählen die Geehrten Musikstücke aus, zu denen sie eine persönliche Beziehung haben oder die ihnen besonders geeignet erscheinen. Meist sind es drei Stücke, manchmal aber auch vier - wie bei dem früheren Verteidigungsminister Peter Struck und jetzt bei Christian Wulff.

Abschiede mit Brecht, Gershwin und Deep Purple

Für den am 17. Februar zurückgetretenen Bundespräsidenten spielt das Stabsmusikkorps der Bundeswehr zunächst den "Alexandermarsch" von Andreas Leonhardt, dann "Over The Rainbow" von Harold Arlen. Der Song wurde in den 30-er Jahren durch Judy Garland bekannt. Es folgt das moderne Kirchenlied "Da berühren sich Himmel und Erde" von Christoph Lehmann und die Ode "An die Freude" von Ludwig van Beethoven. Zum Abschluss erklingt die Nationalhymne.

Wulffs Vorgänger Horst Köhler wünschte sich nach seinem Rücktritt 2010 neben zwei Märschen den Jazz-Klassiker "St. Louis Blues". Bundeskanzler Gerhard Schröder ließ 2005 "Summertime" aus George Gershwins Oper "Porgy and Bess" spielen. Anschließend war Kurt Weills "Moritat von Mackie Messer" aus Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" zu hören. Schließlich spielte ein Trompeter Frank Sinatras "My Way" - und rührte Schröder zu Tränen.

Bei Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wurde nach seinem Rücktritt wegen der Plagiats-Affäre 2011 die Musikauswahl mit besonderer Spannung verfolgt. Neben zwei Märschen entschied sich der AC/DC-Fan für den Rock-Klassiker "Smoke on the Water" von Deep Purple. Für Guttenbergs Amtsvorgänger Franz Josef Jung (CDU) erklang 2009 neben Märschen die Melodie von Andrea Bocellis Pop-Hymne "Time to Say Goodbye".

Helmut Kohl war 1998 der erste Bundeskanzler, der mit einem Großen Zapfenstreich aus dem Amt verabschiedet wurde. Auf seine Bitte hin spielte das Musikkorps außer dem Reitermarsch des Großen Kurfürsten auch den Choral "Nun danket alle Gott" und - ebenso wie jetzt bei Wulff - die auch als Europahymne bekannte "Ode an die Freude".

jwi/DPA / DPA