HONORAR-AFFÄRE Rausschmiss in 50 Sekunden


Ganze vier Sätze waren es, die der politischen Karriere Rudolf Scharpings ihren bisher schärfsten Knick verpassten. Als Nachfolger wurde SPD-Fraktionschef Peter Struck bestimmt.

Genau 50 Sekunden brauchte Bundeskanzler Gerhard Schröder am Donnerstag, um den Rausschmiss seines Verteidigungsministers und den Namen des Nachfolgers zu verkünden. Ganze vier Sätze waren es, die der politischen Karriere Rudolf Scharpings ihren bisher schärfsten Knick verpassten. Ob sie die Rolle des 54-Jährigen in der großen Politik vielleicht sogar ganz beendeten, wird die Zukunft zeigen - Scharping will um seine Rehabilitierung kämpfen.

- AKTE SCHARPING: Der Minister und sein Gönner -

Dabei hätte Scharping eigentlich gewarnt sein müssen. Schließlich war er seit der mitten in den Mazedonien-Konflikt geplatzten Veröffentlichung von Fotos über sein Liebesglück im Mallorca-Urlaub mit Kristina Gräfin Pilati »Minister auf Bewährung«. »Noch ein solches Ding, und er ist weg vom Fenster«, war seinerzeit als Schröders Haltung aus dem Kanzleramt kolportiert worden.

»Stern«-Bericht brachte Fass zum Überlaufen

Der berühmte Tropfen, der für den Kanzler das Fass zum Überlaufen brachte, war der »Stern«-Bericht über Honorare, die Scharping vom PR-Unternehmer Moritz Hunzinger erhalten hatte für Vorträge sowie als Vorschuss für seine Lebenserinnerungen. Dass Scharping wieder einmal relativ lange brauchte, um umständlich darzulegen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei, muss dem um jeden Prozentpunkt in der Wählergunst kämpfenden Kanzler gewaltig gegen den Strich gegangen sein. Ein Telefonat mit Scharping, so war aus dem Kanzleramt zu hören, habe Schröder nicht beruhigen können. Im Gegenteil: »Der Kanzler hat vor Wut quer unter der Decke gehangen«, war aus der Regierungszentrale zu hören.

Der Regierungschef musste in der Tat befürchten, dass Scharpings überheblich wirkende »Mir-kann-keiner«-Mentalität die Honorar-Geschichte wenige Wochen vor der Bundestagswahl zu einem Dauerbrenner mit täglich neuen Vorwürfen und Verdächtigungen aufblähen würde. Nicht ohne Grund verlangte CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer von Scharping ultimativ Auskunft darüber, ob er in seiner Zeit als Minister eventuell weitere Honorare erhalten habe. Entsprechende Gerüchte, auf die Meyer sich bezog, haben mit Sicherheit auch das Kanzleramt erreicht.

Dass das vom »Stern« veröffentlichte Material, auf das sich alle Vorwürfe stützen, aus dubiosen Quellen stammt, dass es laut Hunzinger seit Oktober 2000 den Medien wie sauer Bier erfolglos angeboten wurde, dass es ausgerechnet im Wahlkampf aus der Schublade geholt wurde, dass private Geschäftsunterlagen öffentlich gehandelt wurden, dass offenbar übereifrige »Aufklärer« dem Minister dabei noch eine 50.000-Mark-Kleiderrechnung zuordneten, mit der er offensichtlich nichts zu tun hatte - das alles zählt im Wahlkampf nicht. Auf die Wirkung beim Wahlvolk kommt es an. Scharping, der anstelle eines bürgerlichen Berufs das Politiker-Handwerk von der Pike auf gelernt hat, sollte das gewusst und dem mit einer schnelleren und geschickteren Reaktion Rechnung getragen haben.

Bis zuletzt nicht an seine Entlassung gedacht

Bis zuletzt hatte Scharping offensichtlich nicht damit gerechnet, von Schröder gefeuert zu werden. Erst am Donnerstagmorgen, als die sich überschlagenden Meldungen über Krisensitzungen der SPD-Gremien das nahende Gewitter ankündigten, brach Scharping einen Truppenbesuch in Nordrhein-Westfalen ab und ließ sich nach Berlin zurück fliegen. Als er zur entscheidenden Sitzung des SPD-Präsidiums im Willy-Brand-Haus eintraf, wirkte er noch relativ gelassen, wünschte den wartenden Journalisten einen »guten Tag allerseits«. 40 Minuten später verließ er mit unbewegter Miene die SPD-Zentrale direkt aus der Tiefgarage auf dem Beifahrersitz seiner Minister-Limousine.

Dass es in den 40 Minuten zwischen Schröder und Scharping gekracht hat, darf getrost vermutet werden. Hatte Scharping doch bis zuletzt erklärt, er werde nicht zurücktreten, weil er keinen Anlass dafür sehe. Der Kanzler jedoch sah einen Anlass, wie er mit versteinerter Miene vor Kameras und Mikrofonen mitteilte: »Die notwendige Basis für eine gemeinsame Arbeit in der Bundesregierung ist nach meiner Auffassung nicht mehr gegeben.«

Scharping selbst scheute sich nicht zu bestätigen, dass er nicht zurückgetreten ist, sondern gegangen wurde: »Mein Verhalten war gesetzeskonform. Also sah ich keinen Grund für einen Rücktritt«, erklärte er auf einer Pressekonferenz im Verteidigungsministerium. Er fügte hinzu: »Ich verlasse dieses Amt mit erhobenem Haupt und geradem Rückgrat.« Den Kampf um seine Rehabilitierung will er jetzt auf juristischem Parkett ausfechten.


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