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Horst Köhler: Kühler Kopf mit Temperament

Nach außen tritt der Ökonom Horst Köhler ohne viel Aufhebens um seine Person auf, aber Mitarbeiter bescheinigen dem 61-Jährigen einen gewissen Hang zur Heftigkeit. Jetzt soll er als Kandidat von Union und FDP neuer Bundespräsident werden.

Horst Köhler kann richtig Tacheles Reden, wenn ihm ein Thema am Herzen liegt. Dann blitzt ein Temperament auf, das viele dem sonst eher kühlen Deutschen an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) gar nicht zugetraut hätten. Mitarbeiter bescheinigen dem 61-Jährigen, der in der Öffentlichkeit ohne viel Aufhebens um seine Person und meistens gut gelaunt zu sehen ist, einen gewissen Hang zur Heftigkeit. Wutausbrüche nennen es andere.

Die Globalisierung ist so ein Thema, bei dem Köhler Leidenschaft entwickelt. Wenn er in Fahrt kommt, kennt er diplomatisch keine Verwandten. Beim Weltwirtschaftsforum vor zwei Jahren in New York geriet er richtig in Rage. "Die Menschen in den reichen Ländern sind zu egoistisch, Vorteile aufzugeben!" wetterte Köhler vor der versammelten Unternehmerelite. "Aber sie müssen einsehen: Sie können nicht so weitermachen wie bisher."

Lauter Mahner gegen inakzeptable Ungleichgewichte

Zusammen mit Weltbank-Präsident James Wolfensohn ist Köhler in den vergangenen vier Jahren zum lauten Mahner gegen inakzeptable Ungleichgewichte zwischen Industrie- und Entwicklungsländern geworden. "Langfristig sind soziale Gerechtigkeit und eine akzeptable Einkommensverteilung wesentliche Pfeiler der politischen Stabilität und wirtschaftlichen Entwicklung", mahnte er bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank im Herbst in Dubai. Die reichen Länder müssten endlich ihre Entwicklungshilfe aufstocken.

Köhler bewegt sich seit 1998 auf internationalem Parkett. Vor seiner Berufung nach Washington leitete er die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) in London. Den "deutschen Hut" hat Köhler schnell abgelegt. Sollte sich in Berlin jemand von einem deutschen IWF-Direktor besonderes Wohlwollen erhofft haben, wurde er enttäuscht.

In seinem Weltwirtschaftsausblick schlug der IWF äußerst kritische Töne zu Deutschland an, und Köhler persönlich scheute sich nicht, in Deutschland immer wieder Reformen anzumahnen. Eine IWF-Studie über eine vielleicht drohende Deflation in Deutschland wurde in Berlin besonders schwer verdaut. Der IWF betont stets, dass seine Experten völlig unabhängig und rein sachorientiert arbeiten.

Unter Bundeskanzler Helmut Kohl Karriere gemacht

Köhler hat in Deutschland in der Ära unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) Karriere gemacht. Er ist seit 1981 CDU-Mitglied und wurde ein Jahr später von Gerhard Stoltenberg ins Finanzministerium geholt. In seine Zeit dort als Staatssekretär (1990 bis 1993) fiel der Maastricht-Vertrag über die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion, den er von deutscher Seite maßgeblich gestaltete. Mit Moskau handelte er die Milliardenzahlungen für den Abzug der Roten Armee aus Deutschland aus. Von 1993 bis 1998 war Köhler Präsident des Deutschen Sparkassen-und Giroverbandes.

Köhler stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wurde in Skierbieszow (Polen) geboren. 1943 floh die Bauernfamilie Köhler zunächst nach Leipzig, zehn Jahre später nach Westdeutschland. Köhler wuchs in Ludwigsburg auf und studierte in Tübingen Volkswirtschaft. Das Schwäbische ist auch in seinen englischen Diskursen bis heute unverkennbar. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

DPA