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Horst Seehofer: "Für mich war es ein Stahlbad"

Er kämpft um den CSU-Vorsitz. Er kämpft um sein Privatleben. Er kämpft um seinen Ruf. Seit Anfang Januar steckt Horst Seehofer in der tiefsten Krise seines Lebens. Im stern-Gespräch erzählt der CSU-Politiker von seiner "begnadeten Konstitution" und den vergangenen sieben Monaten: "Das C heißt nicht Unfehlbarkeit"

Von Franziska Reich und Stefan Braun

Herr Seehofer, wie geht es Ihnen?

Sehr gut.

Sind Sie glücklich?

Ja.

Was bedeutet für Sie Glück?

Dass ich mich rundum wohlfühle.

Sind Sie stolz, noch mal Vater geworden

zu sein? Die Geburt eines Kindes ist ein Wunder. Ich freu mich, dass alles gut ging.

Ist Ihnen gratuliert worden?

Ja schon, aber meistens mit der Einleitung: Ich weiß gar nicht, ob dir das recht ist.

Wie haben Sie das letzte halbe Jahr erlebt?

Das war ein Stahlbad.

Meinen Sie damit die Suche nach der Antwort auf die Frage: Bleibe ich bei meiner Frau in Ingolstadt, oder entscheide ich mich für ein neues Leben mit Anette Fröhlich und der Tochter in Berlin?

Nein. Man muss auch schwierige Lebenslagen mit Anstand bewältigen. Das Stahlbad war das lückenlose mediale Trommelfeuer.

Trommelfeuer?

Als Politiker wird man immer mit Privatangelegenheiten konfrontiert. Das gehört dazu. Nicht aber, dass Privates instrumentalisiert wird. Bei mir war das teilweise kampagnenartig. Ich möchte die Schlagzeile einer Ausgabe der „Bild am Sonntag“ herausgreifen: „Papa eiskalt“. Ich habe in 40 Jahren nichts Widerwärtigeres erlebt. Ich habe mein Ministeramt in der Zeit der Geburt meiner Tochter voll ausgeübt und wie die allermeisten, die hart engagiert sind, zu wenig Zeit gehabt für das Private. Daraus zu schließen, das ist der Papa eiskalt – das war die giftige Spitze dieser Kampagne. Das hat mit Informationsbedürfnis der Bevölkerung nichts zu tun.

Wie haben Sie das Trommelfeuer

überstanden? Ich habe von Geburt aus eine begnadete Konstitution mitbekommen, körperlich und seelisch. Das ist ein Geschenk. Und ich denke, den Umgang mit solchen Angriffen kann man auch lernen. Spätestens seit meiner schweren Erkrankung 2002 beherrsche ich das optimal.

Ihre lebensgefährliche Herzerkrankung hätte doch auch dazu führen können, dass Sie sagen: Warum tue ich mir das an?

Das wäre Resignation gewesen. Die hilft Ihnen für den Augenblick, aber nicht auf Dauer.

Es gibt auch andere Politiker, die in private Krisen geraten sind, Gerhard Schröder oder auch Christian Wulff. Wie erklären Sie sich, dass es bei Ihnen so viel härter zur Sache ging?

Ich kann es Ihnen nicht erklären. Vielleicht liegt es auch an mir. Weil ich manchen Medien gegenüber einen Nicht-Kontakt gepflegt habe. Denen habe ich gesagt, ihr schreibt sowieso, was ihr wollt, von mir bekommt ihr dazu nichts.

Haben Sie im vergangenen halben Jahr mal daran gedacht hinzuschmeißen?

Nur ganz am Anfang. Im Januar. Aber als ich das erste Mal mit meiner Familie ausführlich gesprochen habe, haben alle gesagt: Das darfst du nicht tun.

Haben Sie Verständnis dafür, dass Frau Fröhlich vor zwei Wochen Ihre Geschichte öffentlich gemacht hat?

Nach den Veröffentlichungen der letzten Wochen ist mir noch klarer geworden, dass ich meine Sicht der Privatdinge für mich behalten muss.

Aber das heißt: Sie überlassen die Interpretation anderen.

Ja. Ich nehme in Kauf, dass viele Leute Hochämter der Fantasie feiern. Aber das muss ich aushalten. Mein Schweigen ist die beste Lösung für alle Beteiligten.

Das heißt, Ihnen war im Januar klar: Diese Prügel muss ich aushalten.

Ja. Und die halte ich auch aus.

</witi>Haben Sie sich verschätzt?

Nein, zumal es jeden Monat eine andere Strategie gegen mich gibt. Am Anfang hieß es, ich sollte meine Kandidatur für den CSU-Vorsitz zurückziehen. Dann wollte man die Zeit bis zur Wahl verkürzen. Dann hat man ein paar abenteuerliche Gerüchte gestreut, ich hätte Stoiber erpresst, um Minister zu werden. Dann kam ständig die Forderung: Der muss sich jetzt entscheiden. Und als ich mich für meine Frau entschieden hatte, kam der Vorwurf, das sei nur ein politisches Kalkül. So variiert man die Dinge pausenlos. Aber das kenne ich. So ist es wahrscheinlich nicht nur in der Politik.

Es waren also nicht nur die Medien, sondern auch Ihre politischen "Freunde".

Um das auch mal klar zu sagen: Es geht dabei nur um eine verschwindend kleine Zahl von Journalisten und Medien. Und die haben ihren Ankerplatz bei wiederum einer kleinen Zahl von Politikern. Es sind immer dieselben, die sich äußern, die Gerüchte pflegen. So will man die Angelegenheit frisch halten.

Werfen Sie Erwin Huber und Gabriele Pauli, Ihren Konkurrenten um den CSU-Vorsitz, ein schmutziges Spiel vor?

Nein. Wir gehen korrekt miteinander um.

Haben Sie selbst denn Fehler gemacht?

Ich bin nicht fehlerlos, aber ich sehe nichts Gravierendes. Wenn ich jetzt zurückdrehen könnte auf Januar, würde ich nicht anders agieren.

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, Ihre größte Leistung seien Ihre Familie und die Kinder.

Ja. Davon nehme ich nichts weg. So wie die Werte Werte bleiben.

Warum haben Sie so lange für diese Entscheidung gebraucht, ob Sie bei Ihrer Familie bleiben oder nicht?

Das werde ich nie öffentlich begründen, weil das wirklich eine sehr komplexe, private Angelegenheit ist. Die können nur die beurteilen, die sie betrifft. Es ist eine Illusion zu glauben, ich hätte es politisch leichter gehabt, wenn ich mich früher entschieden hätte. Wenn man einen Politiker in der Sache nicht so richtig packen kann, versucht man, eine solche Privatgeschichte eben ewig am Leben zu erhalten. Sie sehen doch, dass es jetzt auch so ist.

Es gibt auch in Ihrer Partei Stimmen, die sagen: Das Problem sind nicht Geliebte und uneheliches Kind. Das Problem ist Ihre Art des Umgangs damit.

Das halte ich für vorgeschoben. Einfach oberflächlich. Die ganze Geschichte ist gerade deshalb ein Problem für manche in meiner Partei, weil es eine ernste Sache war. Das macht die Angelegenheit besonders schwer.

Den Politiker Horst Seehofer kennt man, den Familienvater kannte man auch. Den Liebhaber kennt man nicht, den Zauderer auch nicht. Können Sie verstehen, dass es viele Leute gibt, die Sie nicht mehr verstehen?

Ja. Ich kann verstehen, dass Leute, die seit sieben Monaten nur auf Informationen aus Medien angewiesen sind, Fragen stellen oder sogar an mir zweifeln. Die Alternative aber wäre gewesen, meine Privatsache total aufzublättern. Aber ich werde meine Sicht der Dinge heute und auch in Zukunft nicht abgeben. Das ist politisch ein Handicap, aber privat die beste Lösung.

Was entgegnen Sie den 53 Prozent der Bayern, die laut einer Umfrage glauben, dass Sie sich nur aus politischem Kalkül für die Familie entschieden haben?

Das ist wie immer in der Politik: Die müssen Sie überzeugen.

Mit welchen Argumenten?

Durch die Realität.

Was sagen Sie denen, die Ihnen vorwerfen: Wer im Privaten so lange zaudert, der kann sich auch politisch nicht entscheiden?

Keine Ahnung.

Wer hat keine Ahnung?

Diese Leute haben keine Ahnung. Die, die das behaupten, haben von höchstpersönlichen Konfliktsituationen keine Ahnung. Wer dies mit politischen Entscheidungsprozessen vergleicht, ist in der Katego-rie Anfänger anzusiedeln. Die sollten im Sandkasten spielen.

Im Moment kann sich laut Umfrage der Münchner "Abendzeitung" nur gut ein Viertel der Bayern vorstellen, dass Sie der beste Mann für den CSU-Vorsitz sind.

Ich gehöre nicht zu denen, die Umfragen nur dann für richtig halten, wenn sie gut für einen sind. Man muss sie richtig interpretieren. Das heißt: Erwin Huber 32 Prozent, Horst Seehofer 28, Frau Pauli 24. Nach den sieben Monaten, die hinter mir liegen, kann ich über dieses Ergebnis nicht überrascht sein. Gleichzeitig muss man aber sehen, dass keiner der drei Kandidaten eine absolute Mehrheit hat. Das muss uns eigentlich in der Führung der CSU beschäftigen.

Nach Ihrer Krankheit haben Sie öffentlich geschwärmt, Sie fühlten sich jetzt freier, nicht mehr in einem so engen Korsett aus Kompromissen und Parteitagsbeschlüssen. Warum wollen Sie unbedingt wieder rein in die Mühle?

Es ist eine Riesenehre, an der Spitze einer so erfolgreichen Partei zu stehen. Man kann einen Wettbewerb auf höchster Stufe entspannt und gelassen betreiben. Nur so geht das in der höchsten Klasse. Wenn man flatternd aufs Spielfeld geht, wird man ein Endspiel nie gewinnen.

Nach Ihrer Krankheit klang das weniger cool.

Mich hat nie der Terminstress belastet. Was zur Belastung werden kann, ist die Verantwortung: das Verzehren, das Verbeißen in eine Aufgabe. Seelisch. Gefühlsmäßig. Heute habe ich eine ganz vernünftige Distanz gewonnen zu den Dingen. Das hat mir auch sehr geholfen in den letzten Monaten. Ich habe politisch Stahlbäder hinter mir, ich habe gesundheitlich Stahlbäder hinter mir, ich habe privat Stahlbäder hinter mir.

Horst, der Terminator?

Ich lass mich nicht leicht nervös machen.

Egal, welches Ergebnis Sie beim CSU-Parteitag einfahren?

Ja.

Kein Hinschmeißen?

Nein. Das kann ich ganz sicher sagen. Das ist ja auch eine dieser Maschen, die jetzt gespielt werden. Angeblich bin ich chancenlos. Das soll demoralisieren, wird aber nicht gelingen. Es wird keine Kurzschlusshandlung geben.

Warum wollen Sie Parteichef werden?

Schon in der griechischen Antike gab es den schönen Satz: Unter den Ersten ist etwas anderes als der Erste. Als Vorsitzender hast du ganz andere Orientierungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Unter den Ersten kann man sich im Notfall immer hinter dem Kollektiv verstecken. Das geht als Erster nicht mehr.

Aber wofür?

Die CSU ist ein gewaltiger Teil meines Lebens. Und so ganz unbeteiligt bin ich an den Mehrheitsverhältnissen in Bayern nicht. Jetzt habe ich den Ehrgeiz, dass wir diesen Erfolg weitergeben an die nächste Generation. Erst dann ist man als Politiker wirklich erfolgreich.

Dann ist Edmund Stoiber kein Großer.

Wenn die CSU ein Problem hat, dann ist es der Altersmix in ihren Führungsetagen, und das haben wir im Parteivorstand gemeinsam zu verantworten. Deswegen verspreche ich, dass unter mir noch in diesem Jahrzehnt 50 Prozent der Führungsfunktionen an Frauen und Männer fallen, die deutlich unter 50 sind.

Ihr Ziel heißt also ganz allgemein: Je jünger, desto besser. Das hat nichts mit Inhalten zu tun.

Erstens braucht Politik Gesichter, und zweitens müssen Sie doch erst mal das Ziel definieren.

Den Machterhalt?

Das sagen Sie.

Sie auch.

Es bleibt unser Ziel, die Rolle, die wir seit 40 Jahren in Deutschland und Bayern spielen, zu erhalten und möglicherweise noch auszubauen. Für meine Begriffe tummeln sich zurzeit zu viele bei der Frage, wie kann ich die Ernte verteilen, und nicht, wie kann man eine ordentliche Ernte einfahren.

Sie sind doch nicht anders.

Doch. Ich kümmere mich um die Erfolgsbedingungen. Wir brauchen viel offene-re Entscheidungsprozesse, über Personen und über Inhalte. Mitglieder und Bevölkerung müssen viel nachhaltiger einbezogen werden. Die Distanz zwischen dem Souverän, dem Volk, und der Politik ist viel zu groß. Ich möchte eine Gesellschaft der Teilhaber. Die Bürger stehen nicht vor der Tür, sondern mitten im Raum. Für unser Grundsatzprogramm sind wir durchs ganze Land gefahren und haben mit den Menschen gesprochen, und ich bin sehr stolz darauf, wie sich die Lebensrealität in diesem Programm widerspiegelt – übrigens auch in der Familienpolitik.

Halten Sie es dabei denn eher mit Bischof Mixa oder mit Bundesfamilienministerin von der Leyen?

Es ist absolut richtig, was Frau von der Leyen durchgesetzt hat. Das war eine politische Meisterleistung. Aber es bleibt richtig, dass man auch den Familien unter die Arme greift, die sich für die Erziehung zu Hause entscheiden. Das Betreuungsgeld muss kommen, und zwar auf keinen Fall in Form von Gutscheinen. Das wäre ein politischer Fehler.

Warum?

Ich kann doch nicht eine ganze Bevölkerung unter den Generalverdacht stellen, das Geld falsch einzusetzen. Wo sind wir denn! Ich spiele mal die letzten 20 Jahre mit meinen eigenen Kindern durch. Gutscheine wären ein totales staatliches Misstrauen gegenüber meiner Frau gewesen: Wir können dir nicht 150 Euro in Bargeld geben, du kriegst einen Gutschein. Das ist nicht lebenswirklich. Das hat die Politik nicht einmal bei Sozialhilfeempfängern geschafft!

Fühlen Sie sich angesichts des Zuspruchs für die Linkspartei eigentlich darin bestätigt, dass die Politik nicht zu neoliberal und unsozial sein darf?

Ja. Hartz IV ist im Grundsatz richtig, beinhaltet aber einige Strukturfehler, die von der SPD programmiert sind.

Aber auch von der Union. Sie hat das Gesetz mit beschlossen.

Stimmt. Unser Regierungsprogramm 2005 war auch kein Erfolgsmodell. Seit drei Bundestagswahlen überschreiten wir die 40- Prozent-Marke nicht mehr, weil wir in den Augen der Bevölkerung eine Volkspartei der Mitte nicht mehr voll abgebildet haben.

Wäre eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen die richtige Reaktion auf die Linkspartei, wenn es anders keine Mehrheit mehr gibt?

Nein. In meiner aktiven Zeit werde ich eine solche Koalition nicht erleben. Wir müssen wieder die ganze Breite einer Volkspartei haben, mit dann maximal einem Bündnispartner. Ich denke, wir sind da gegenwärtig auf einem sehr guten Weg.

Was bedeutet für Sie das C im Parteinamen?

Dass die Grundlage unseres politischen Handelns das christliche Sittengesetz ist. Mit allem Licht und Schatten. Den Schatten auszublenden wäre fatal. Das C heißt nicht Unfehlbarkeit. Regeln sind keine Belastung, sondern eine Hilfe. Selbst wenn man sie nicht einhalten kann, bleiben sie eine wichtige Orientierung im Leben.

Der Regisseur Dieter Wedel hält es für "reizvoll", Ihre Geschichte zu verfilmen. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Das ist mir ziemlich egal.

Würden Sie sich diesen Film angucken?

Natürlich. Das ist ein Stück meines Lebens.

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