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Innenministerkonferenz: Keine Bombe, keine Panik

Auf Terrorwarnung folgt Bombenattrappe: Die Nerven der Deutschen liegen blank. Deutschlands Innenminister, angeführt von de Maizière, wollen nun vor allem eins: Das Volk beruhigen.

Von David Bedürftig

Nächster Halt: Rathaus. Das Ziel: die Innenministerkonferenz in Hamburg. Zwei Tage, nachdem Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Terrorwarnungen vekündet hat. Alles ruhig im Hamburger U-Bahnhof. Dann ein Knacken des Mikrofons, ein Räuspern. Eine monotone Stimme verkündet: "Der Ausgang zum Rathausmarkt ist gesperrt." Tatsächlich, ein massives Eisengitter hindert die verwirrten Passanten am Treppenaufstieg. Der nächste Ausgang ist schnell gefunden, an der Oberfläche geraten die Fußgänger in ein lebhaftes Treiben.

Rot-weiße Absperrungen schotten den Rathausmarkt von der Außenwelt ab. Der Weihnachtsmarkt steht schon, und die Lichterketten leuchten. Zu dem idyllischen Grün der Weihnachtsbäume gesellen sich unzählige Einsatzwagen der Polizei. Ordentlich aneinandergereiht besetzen sie weiträumig die Straßenseiten. Rund ums Rathaus stehen die Beamten in Vierergrüppchen. Mit ihren Maschinengewehren und Schienbeinschonern sehen sie aus, als erwarteten sie das Schlimmste. Touristen beäugen den Hochbetrieb interessiert, Jugendliche feixen im Vorübergehen. Die Polizisten geben darüber Auskunft, dass sie keine Auskünfte geben können. Die Anspannung steht ihnen ins Gesicht geschrieben.

Im Rathaus: Der Pressesaal ist proppevoll, ungeduldig warten die Journalisten auf die Politiker. Dann betreten Polizeibeamte und Leibwächter den überfüllten Raum. Sie gucken grimmig, der Stress der vergangenen Tage ist ihnen anzusehen. Es folgt der Auftritt der Politiker. Gemächlichen Schrittes bewegen sich Bundesinnenminister de Maizière und seine Länderkollegen Heino Vahldieck, Ehrhart Körting, und Uwe Schünemann zum länglichen Rednerpult. Ihre Mienen sind starr.

Hamburgs Innensenator Vahldieck setzt als Erster an. "Die Terrorwarnungen dürfen die Ergebnisse der Konferenz nicht überlagern", sagt er. Doch natürlich passiert genau das: Die Themen Änderungen des deutschen Ausländerrechts, Vorratsdatenspeicherung, Prostitution und Menschenhandel werden schnell abgehandelt.

Das Thema Terror dominiert

Während seine Kollegen reden, hört de Maizière ruhig zu, die Hände sind gefaltet. Er strahlt Sicherheit aus. Anders sein Kollege Körting aus Berlin, der eigentlich gerade zum Thema Integration redet. Der SPD-Politiker muss sich verteidigen, wirkt zunehmend nervöser, nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen. Mit gerötetem Kopf nimmt er Bezug auf seine Äußerungen vom Mittwoch, Berliner sollten "seltsame Menschen" aus der Nachbarschaft melden. Bloß nicht schon wieder in Ungereimtheiten verstricken. Er meinte natürlich, "dass man die Polizei rufen sollte, wenn man im Nachbarfenster Menschen mit Maschinengewehren in der Küche herumfuchteln sieht".

Hier ergreift der Bundesinnenminister das Wort. Langsam erhebt sich seine tiefe Stimme. Er spricht ruhig, macht Pausen, um die richtigen Worte zu finden. Fast wie ein Märchenonkel wirkt de Maizière jetzt. Noch vor zwei Tagen verkündete er die umfassendsten und konkretesten Warnungen vor islamistisch-terroristischen Anschlägen, die je ein deutscher Innenminister bekannt gegeben hat. Die Dinge, über die er heute spricht, sind keine Gute-Nacht-Geschichten. Es geht um die vermeintliche Bombe im Flugzeug von Windhuk nach München: "BKA-Experten haben den Koffer vor Ort untersucht. Es handelte sich um einen Real-Test-Koffer einer US-Sicherheitsfirma." Keine Angst also. "Zu keiner Zeit befanden sich die Passagiere in Gefahr. In dem Koffer befand sich kein Sprengstoff". Aufatmen, Deutschland.

Die Botschaft: Kein Grund, Angst zu haben

Ob, wie und wann der Koffer der Sicherheitsfirma an Privatleute verkauft wurde, bleibt weiterhin ungeklärt. Ist aber auch nicht weiter wichtig, denn die Aussage de Maizières ist eindeutig: keine Panik trotz Warnungen. Andernfalls hätten die Terroristen gewonnen. "Wir dürfen die Lage nicht psychologisch verschärfen." Der Bundesinnenminister wendet sich nun direkt an die Medien. Er spricht in die Kameras: "Stützt euch auf Tatsachen, Spekulationen helfen niemandem." Hamburgs Innensenator Vahldieck fährt fort mit dem Appell: "Lassen Sie sich nicht verunsichern, leben Sie normal weiter, gehen Sie auf den Weihnachtsmarkt." Mienen und Gesten bleiben ruhig. Die Botschaft ist klar: Wenn die Innenminister der Länder keine Angst ausstrahlen, haben die Menschen keinen Grund, Angst zu haben.

Keine Bombe, keine Panik. Mit einem Lächeln auf den Lippen erheben sich die Innenminister, mancher zupft sich das Jackett zurecht. Auch wenn es nicht um den Terrorismus gehen sollte, ging es eigentlich um nichts anderes.