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Interview mit Renate Künast: "Wir brauchen keinen Ablasshandel"

Die Preise für Getreide und Reis explodieren und Menschen hungern. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, verrät im stern.de-Interview ihre Lösungsansätze: Subventionen streichen, ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Entwicklungspolitik betreiben.

Frau Künast, wie oft essen Sie Fleisch?

Ein bis zwei Mal pro Woche. Natürlich nur Bio- und Neulandfleisch.

Ein Grund für die drohende Hungerkatastrophe ist, dass weltweit riesige Flächen dafür genutzt werden, Futtermittel für Tiere herzustellen. Sollten die Deutschen also weniger Fleisch essen - ebenso wie Chinesen und Inder?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gesagt, dass es ein Problem sei, dass Inder und Chinesen nun mehr Fleisch essen würden. Das ist zynisch. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen.

Was heißt das konkret? Ein Mal pro Woche Fleisch, drei Mal?

Meine Empfehlung ist, weniger Fleisch zu essen - und besseres. Die Verbraucher können ein Zeichen setzen: für ökologisch produzierte Nahrungsmittel.

Ackerflächen werden auch genutzt, um Pflanzen für Biosprit anzubauen. Entwicklungsministerin Heidi Wieczorek-Zeul fordert, die Biospritproduktion nicht weiter auszudehnen. Unterstützen Sie diesen Vorschlag?

Die Biospritproduktion ist ein Problem, aber nicht das einzige. Frau Wieczorek-Zeul benutzt die Debatte für ein Ablenkungsmanöver. Ihr Ministerium fördert viele große Staudämme und Straßen - aber nur 3,1 Prozent der Mittel fließen in den ländlichen Raum. Auf dem Land leben aber 70 Prozent der Menschen, die Hunger leiden. Die Leute brauchen Zugang zu Wasser und Saatgut. Darum sollte sich die Entwicklungshilfeministerin kümmern.

Die Grünen sind keine Freunde von genmanipulierten Pflanzen. Aber um die Erträge kurzfristig zu steigern und den Hunger zu bekämpfen, wären genmanipulierte Pflanzen ideal.

Das stimmt nicht! Genmanipulierte Pflanzen laugen die Böden aus und die Chemikalien, die für den Anbau gebraucht werden, verschmutzen die Umwelt. Auf Dauer sinken die Erträge wieder. Wir müssen - und das merken inzwischen ja auch die Chinesen - viel ökologischer wirtschaften. Und das Saatgut für genmanipulierte Pflanzen müssen die Bauern jährlich für viel Geld bei den großen Agrogentechnik-Konzernen immer wieder neu kaufen.

Bundesverbraucherminister Horst Seehofer sagt, dass nun auch in Deutschland wieder mehr Landwirtschaft betrieben werden müsse. Er will die stillgelegten Flächen wieder bewirtschaften lassen. Ist das nicht ein guter Vorschlag?

Ach, Seehofer geht es doch nur um Masse statt Klasse. Außerdem folgt das der Ideologie: Wir Deutschen bauen mehr an und exportieren in alle Welt. Damit fördern wir nur umweltschädliche Transporte, die CO2 raus blasen und den Klimawandel vorantreiben. Nein, die Devise muss heißen: Die Menschen sollen sich von Produkten der Region ernähren, in der sie leben.

Das verhindern die EU-Subventionen. In Afrika ist Gemüse aus Holland zum Teil billiger zu haben als Gemüse vom heimischen Bauern.

Die EU-Exportsubventionen sollten wir lieber heute als morgen ersatzlos streichen. Bei den derzeitigen Weltmarktpreisen brauchen wir sie sowieso nicht mehr.

Was ist mit den EU-Geldern, die direkt an die deutschen Bauern fließen?

Die Europäische Kommission hat vorgeschlagen, 10 bis 20 Prozent der direkten Subventionen zu kürzen und in Programme für den ländlichen Raum zu zahlen. Die Gelder dürfen dann nur noch für spezielle Maßnahmen genutzt werden. Zum Beispiel für den Klimaschutz. Oder für den klugen Umgang mit Wasser. Aber dieses EU-Vorhaben blockiert Seehofer, dabei wäre es ein richtiger Schritt.

Selbst dann blieben noch 80 Prozent der Subventionen übrig.

Wir Grünen wollen die Subventionen runterkürzen auf eine Basisprämie. Das könnten 50 Prozent der jetzigen Subventionen sein. Der Rest wird nur ausgezahlt, wenn jemand ökologisch und nachhaltig wirtschaftet.

Wozu brauchen wir die Subventionen überhaupt noch? Die Preise für Nahrungsmittel sind so stark gestiegen, dass Bauern wieder viel besser verdienen.

Wer die Subventionen plötzlich auf Null senkt, gefährdet Arbeitsplätze. Außerdem darf man nicht glauben, dass die Länder außerhalb der EU mitziehen würden. Wir hätten also einen extrem verzerrten Wettbewerb.

Die Subventionen werden vorerst sowieso bleiben. Trotzdem hat Bauernpräsident Gerd Sonnleitner angekündigt, dass die Nahrungsmittel in Deutschland nun jährlich zwei bis drei Prozent teurer werden. Das trifft vor allem die Armen, also Hartz-IV-Empfänger und mittellose Rentner. Also hat Deutschland kein Hungerproblem aber ein soziales Problem?

Völlig richtig. Die Grünen fordern deshalb schon lange, die Hartz-IV-Regelsätze anzuheben. Politiker wie Jürgen Rüttgers wären gut beraten, sich damit mal zu beschäftigen. Aber wir müssen auch aufpassen, dass hier kein Schindluder getrieben wird: Der Preis eines Brötchens ist nur zu zehn Prozent vom Getreidepreis abhängig. Da werden auch Kosten reingemogelt, die nicht auf die Landwirtschaft zurückzuführen sind. Da ist Seehofer als Verbraucherminister gefragt.

In Deutschland sind die Probleme vergleichsweise harmlos. Weltweit sind nach Schätzung der UN 100 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Was ist akut zu tun?

Wir müssen Geld schicken, um die Not zu lindern. Aber das darf kein Ablasshandel sein - nach dem Motto: Entschuldigung, wir geben Euch diese Woche was, nächste Woche sind wir aber wieder weg. Deshalb müssen wir über Strategien gegen den Hunger reden, über nachhaltige Landwirtschaft und nachhaltige Entwicklungspolitik.

Interview: Lutz Kinkel