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Joachim Gauck und die Präsidentenwahl: Der missbrauchte Kandidat

Joachim Gauck wird derzeit verehrt, als wäre er der Retter der Demokratie. Dabei missbrauchen SPD und Grüne einen durchaus umstrittenen Mann - aus machtpolitischem Kalkül.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Der Mann ist ein Phänomen, ein mediales, ein politisches und ein persönliches. Einen bei den Bürgern so populären Bewerber fürs Amt des Bundespräsidenten wie Joachim Gauck gab es noch nie. Schon macht das Wort vom "Gauck-Fieber" der Republik die Runde.

Aber man könnte auch sagen: Einen Kandidaten, der derart politisch und medial missbraucht wird und sich auch missbrauchen lässt, gab es noch nie.

Der politische Missbrauch liegt auf der Hand. Sozialdemokraten und Grünen geht es nicht mal am Rande um die Frage, wer Erster Mann im Staate wird. Sie wollen über diese Personalentscheidung die schwarz-gelbe Regierung schwächen, vielleicht sogar stürzen.

Kein soziales oder ökologisches Profil

Wegen eines ausgeprägten sozialpolitischen oder ökologischen Profils ist Gauck gewiss nicht von Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin zum Kandidaten gekürt worden. Denn zur krassen sozialen Schieflage des so genannten Sparpakets der Regierung ist bislang kein eindeutiger Kommentar von ihm bekannt. Der Kandidat der SPD und Grünen schweigt sich eisern darüber aus, wie er sich den Sozialstaat von morgen vorstellt. In den Lobgesängen des rot-grünen Lagers ist dazu kein kritisches Halbtönchen zu hören. Dort hält man sich lieber die Ohren zu, wenn er mit Pathos verkündet, er wolle "nicht gnädig sein" zu jenen, die am Rande der Gesellschaft und des Wohlstands leben müssen. Nur die Linkspartei steht an diesem wichtigen Punkt zu ihrem Programm und nicht zu Gauck - wenngleich vielleicht nur bis zum dritten Wahlgang, so es dazu kommen sollte.

Der mediale Missbrauch Gaucks besteht darin, dass der offenkundige taktische Missbrauch seiner Person durch Parteien gar nicht oder allenfalls am Rande thematisiert wird. Viele Medien präsentieren ihn mit einer Art präsidialem Heiligenschein. Der bessere Präsident sei er, ist pauschal zu lesen. In einer angeblich viel höheren Etage deutscher Persönlichkeiten siedelnd als der Gegenkandidaten Christian Wulff.

Der eine ein vermeintlich blässlicher Berufspolitiker, der sich von Angela Merkel ins Präsidialamt abschieben lasse - womit sie noch einen Konkurrenten politisch kalt gestellt habe. Der andere ein gesamtdeutscher Versöhner, der mit seiner Arbeit als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen den Weg zur inneren Einheit erst frei geräumt habe. Allein: Ganz so ist es nicht.

Gauck als Person umstritten

Wer sich an den Beginn der gesamtdeutschen Arbeit Gaucks erinnert, kann nicht übersehen, dass er dieses schwierige Amt überaus selbstgerecht gegen jene DDR-Bürger ausgeübt hat, die sich dem System freiwillig oder aus opportunistischen Gründen nicht verweigert hatten. Er genoss als protestantischer Pfarrer sehr wohl Privilegien des Regimes. Seine Kinder durften ausreisen, die Stasi stufte ihn in seinen letzten Amtsjahren als dem System halbwegs angepasst ein, wie Akten belegen. Er werde "unser Nest nicht beschmutzen" soll er der Stasi gesagt haben, wie deren Unterlagen berichten. Es ist unfair, wie die Medien auf der Suche nach Schwachstellen das letzte Winkelchen im Leben von Wulff ausleuchten, seine schwierige Jugend kaum erwähnen, bei Gauck dagegen allein das menschlich Gewinnende beschreiben.

Wären SPD und Grüne tatsächlich an einem Kronzeugen des schwierigen Weges zur Einheit interessiert gewesen, sie hätten mit Friedrich Schorlemmer einen überzeugenderen Kandidaten aufbieten können. Der hat Jahrzehnte gekämpft, gelitten, gebüßt für seinen aktiven Widerstand gegen die DDR- Diktatur. Gauck hingegen, doch wesentlich kommoder als viele seiner DDR-Mitbürger durchs System gekommen, sollte sich auch heute nicht als Demokratielehrer inszenieren. Dass er die Nazi-Diktatur auf einer Ebene sieht wie die DDR-Diktatur, ist ein unentschuldbarer Vergleich. Denn er realtiviert den Mord an sechs Millionen Juden.