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Möglicher Wulff-Nachfolger: Joachim Gauck - Freiheitsdenker und Ermutiger

Schafft es Joachim Gauck im zweiten Anlauf? Im Rennen um die Nachfolge von Ex-Bundespräsident Wulff gilt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler als heißer Kandidat.

Nicht nur für die SPD ist Joachim Gauck nach wie vor der beste Kandidat für das Bundespräsidentenamt. Auch aus der FDP gab es am Samstag fast überschwängliches Lob für den früheren DDR-Bürgerrechtler. "Gauck könnte das Amt des Bundespräsidenten wieder zu dem Rang erheben, den es verdient", sagte der frühere FDP-Innenminister Gerhart Baum. Andere Liberale lobten das hohe Ansehen und die große Sympathie, die Gauck im ganzen Land genieße. Im Juni 2010 war Gauck als Kandidat von SPD und Grünen erwartungsgemäß an der schwarz-gelben Mehrheit in der Bundesversammlung gescheitert. In seiner kurzen, aber intensiven Werbetour durch das Land verschaffte sich der parteilose Theologe viel Respekt und Anerkennung. Als der 72-Jährige nun mit der Möglichkeit konfrontiert wurde, erneut zu kandidieren, gab er sich betont zurückhaltend. "Ich bin ein glücklicher beschäftigter Mensch", sagte Gauck, der am Freitagabend im Stadttheater Koblenz aus seiner Autobiografie "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" gelesen hatte. "Ich habe in meinem Leben Ereignisse erlebt, die lange als unwahrscheinlich galten", hatte Gauck bei seinem ersten Anlauf für das Amt des Bundespräsidenten gesagt. Den Sturz des DDR-Regimes und die Wendezeit nennt er die "prägende Zeit meines Lebens". Gauck spricht vom "wunderbaren Glück, Teilnehmer einer Freiheitsrevolution" gewesen zu sein. Sein neues Buch, das in diesen Tagen erscheint, trägt den Titel "Freiheit. Ein Plädoyer".

Leben von Machenschaften der Stasi geprägt

Das Thema Freiheit ist sein steter Begleiter, auch, nachdem im Jahr 2000 seine Amtszeit als Stasiakten-Beauftragter endete. Seitdem ist er in ganz Deutschland unterwegs, um bei Vorträgen oder in Schulen Menschen zu ermutigen - damit sie nicht in Bequemlichkeit verfallen, sich ihres "Bürgerseins" bewusst werden und sich engagieren. "Im Miteinander von Ermutigten sehe ich die Zukunftsperspektiven für mein Land", sagte Gauck 2010 bei seiner Vorstellung als Kandidat.

"Joachim Gauck hat sich in herausragender, unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht, als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer, Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter, Joachim Gauck ist Mahner und richtiger Demokratielehrer" - so hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einmal in einer Rede geäußert. Der Wunsch, Merkel möge den so Gelobten als überparteilichen Kandidaten vorschlagen, könnte sich nun vielleicht doch noch erfüllen. Der Lebensweg des am 24. Januar 1940 in Rostock geborenen Theologen ist von den Machenschaften der Stasi geprägt. Als evangelischer Pfarrer musste er mit ansehen, wie der Geheimdienst einige junge Leute aus seiner Rostocker Kirchengemeinde monatelang ins Gefängnis steckte, nur weil sie regimekritische Parolen an eine Wand gesprüht hatten. In der Wendezeit widmete er sich ganz der Aufarbeitung des Stasi-Erbes: Als Vorsitzender des Sonderausschusses zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR-Volkskammer schmiedete Gauck im Sommer 1990 eine breite Koalition für ein Gesetz zur Öffnung der Stasi-Akten.

Beständiger Mahner und Warner

Am Tag der Wiedervereinigung, dem 3. Oktober 1990, übernahm Gauck dann die Leitung der bald nach ihm benannten Behörde. So wurde er zum prominentesten Gesicht der einstigen DDR-Bürgerbewegung. Es war vor allem Gauck, der beständig vor einem Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem Stasi-Erbe warnte - und damit fast zu einer moralischen Instanz wurde. Nach zwei fünfjährigen Amtszeiten gab Gauck 2000 sein Amt ab, doch er zog sich keineswegs aus der Öffentlichkeit zurück. 2001 versuchte er sich als Fernsehmoderator mit der Talkshow "Gauck trifft...". Im November 2003 wurde er schließlich Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen - für Demokratie. Die Organisation setzt sich ein für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der DDR-Vergangenheit. Die Vermittlung substanzieller Werte sei eine Aufgabe, "die ich ohne jedes Amt fortwährend ausübe", sagte Gauck einmal. Nach dem Abgang Wulffs hat er nun die zweite Chance, diese Aufgabe im höchsten Staatsamt zu übernehmen.

Claudia Haas, AFP / AFP