HOME

Jugendliche Gewalttäter: "Kriminalität hat keine ethnische Zugehörigkeit"

Hessens Ministerpräsident Koch fordert härtere Strafen für kriminelle Ausländer. Was lösen solche Aussagen bei Einwanderern aus? Talat Kamran leitet das Mannheimer Institut für deutsch-türkische Integrationsstudien. Auf stern.de kritisiert er die vermeintliche Einseitigkeit der Debatte.

Schreckensbilder aus der Münchner U-Bahn: Zwei junge Männer schlagen einen Rentner brutal zusammen. Weil die beiden aus Griechenland und der Türkei kommen, setzt der Vorfall eine Debatte in Gang: über Jugendkriminalität bei Ausländern. Hessens Ministerpräsident Roland Koch setzt sich daraufhin für "null Toleranz gegenüber Gewalt" ein. Außerdem fordert er eine Ausweitung und Verschärfung des Jugendstrafrechts. Die Debatte sorgt für Krach weit über die Grenzen Hessens hinaus: SPD, FDP und Grüne werfen dem hessischen Ministerpräsidenten vor, Wahlkampf-Propaganda zu machen. Aus Kochs eigenen Reihen kommt zunächst Unterstützung für seine harte Linie. Selbst Kanzlerin Merkel unterstützt die Forderungen des Ministerpräsidenten. Nur mit der Ausweitung des Jugendstrafrechts auf Kinder unter 14 stößt Koch auch in der CDU auf Widerstand.

Talat Kamran, Leiter des Instituts für deutsch-türkische Integrationsstudien in Mannheim, hat diese Debatte in den Medien verfolgt. In seinem Alltag kommt er viel in Kontakt mit Türken in Deutschland. stern.de berichtet er von der Kriminalitäts-Debatte unter Einwanderern in Deutschland, deren Ängsten und Wünschen.

Roland Koch hat eine Debatte über jugendliche Straftäter angestoßen. Er meinte, es gäbe zu viele kriminelle Ausländer in Deutschland. Fühlen Sie als türkischer Einwanderer sich dadurch weniger willkommen?

Nein, nicht direkt. Aber ich finde es nicht gut, die Jugendkriminalität auf den Schultern der Migranten abzuladen. Die Debatte ist zu einseitig: Nicht alle jugendlichen Einwanderer sind gefährlich. Es sollte eher um Jugendkriminalität an sich gehen. Oder auch darum, dass jedes Jahr zahlreiche ausländische Jugendliche von Rechtsradikalen in Deutschland angegriffen werden. Schließlich haben auch wir Migranten Angst vor Gewalt.

Haben Sie das Gefühl, seit Kochs Äußerungen mehr Angst haben zu müssen?

Nein. Ich weiß, dass Koch nur einen kleinen Teil der Bevölkerung repräsentiert. Trotzdem bilden solche Debatten Vorurteile in der Bevölkerung, die unser Leben in Deutschland erschweren. Wir deutsch-türkischen Muslime identifizieren uns schließlich mit Deutschland und leben im Einklang mit der Verfassung. Deswegen sind wir auch bereit, dazu beizusteuern, allgemeine Lösungsstrategien für Gewalt zu finden.

Inwiefern ist für Sie die Wortwahl bei einer solchen Diskussion wichtig?

Es ist ärgerlich und diskriminierend, zu sagen, dass kriminelle Ausländer abgeschoben werden sollten. Die Menschen sollten sich einmal in uns hineinversetzen: Wie würden sie sich denn fühlen, wenn sie im Ausland lebten und sich genauso verhielten wie Deutsche? Und dann gäbe es ein oder zwei Ausländer, die etwas Schlimmes tun. Und das wird dann verallgemeinert. Kriminalität hat keine Religion oder ethnische Zugehörigkeit, sie ist weder türkisch noch deutsch. Anstatt so zu verallgemeinern, sollten wir lieber gemeinsam gegen Jugendkriminalität vorgehen. Spezielle Lösungsvorschläge nur für Ausländer sind ungerecht.

Was sagen Sie zu der Aussage: "Sobald wir über Ausländerkriminalität diskutieren, werden wir in die rechte Ecke gestellt"? Glauben Sie, Deutschland hat wegen seiner Vergangenheit besondere Schwierigkeiten, solche Debatten zu führen?

Nein. Jeder vernünftige Mensch wird sich gegen eine solche Argumentation wehren. Noch einmal: Kriminalität ist ein Phänomen der Jugend und nicht der Ausländer. Diskussionen über Ausländerkriminalität sind erlaubt, solange sie sachlich bleiben. Und solange sie zum Ziel haben, das friedliche Zusammenleben zu fördern. Eine Suche nach dem Sündenbock macht einfach keinen Sinn.

Bietet diese Debatte Nährboden für rechtsradikale Gruppen wie die NPD?

Natürlich können diejenigen, die keine gute Absicht haben, von solchen Debatten profitieren. Deswegen sollten sie ja so sachlich wie möglich geführt werden.

Interview: Lisa Louis