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Junge Menschen vor der Wahl "Oft kommen Politiker, hören sich unsere Probleme an, schreiben sie auf und vergessen uns danach wieder"

Ali Caner Özatakus
Ali Caner Özatakus wünscht sich von der Politik mehr Gehör für Subkulturen
© Alex Kleis / ProjectTogether
Der 20-jährige Ali Caner Özatakus fühlt sich von der Politik nicht gehört – und fragt sich, welche Partei sich für die Arbeiter in der Gesellschaft einsetzt. Was er sich wünscht, hat er bei der "Unmute Now"-Kampagne in Frankfurt erzählt.

Das Klima geht den Bach runter. Corona hat die Unis dichtgemacht. Und Rente kriegen wir ja eh alle nicht mehr. Kurz vor der Bundestagswahl fühlen sich viele junge Menschen von der Politik alleingelassen. Ihre Perspektiven und Interessen finden im Wahlkampf kaum statt. Ihnen will die  "Unmute Now"-Kampagne der gemeinnützigen Organisation "ProjectTogether" Gehör verschaffen.

Seit dem 23. August 2021 ist das "Unmute Now"-Team mit einem Bus quer durch Deutschland unterwegs. Ihr Ziel: mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen und ihre Stimmen sichtbar zu machen. In Mannheim trifft das Team den Fotografen der Ausstellung von Kosmos e.V.,  die die lokale Integration verbessern will. Ali Caner Özatakus ist 20 Jahre alt und studiert Maschinenbau.

Wirst du im September wählen gehen? 

Ali: Nein, denn es gibt keine Partei, die meinen Ansprüchen genügt. Selbst wenn ich wählen würde, glaube ich, dass ich nicht gehört werde. Die einzige Partei, die infrage käme, ist gegen das KFZ. Aber ich liebe das KFZ, ich liebe Motoren, Diesel und Benzin. Ich spreche von den Grünen.

Was ist für dich das wichtigste Thema bei der Wahl?

Mir ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sehr wichtig. Ich habe eine jüngere Schwester und ich möchte, dass sie in demselben Beruf gleich viel verdient wie ich. Die Debatte über erneuerbare Energien gefällt mir als Maschinenbau-Student nicht. Ich denke Elektroautos werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren gut gehen. Danach nicht mehr, weil die Kalkulation nicht aufgehen wird. Wir haben 1,3 Milliarden Autos auf dieser Welt. Wie will man die auf einen Schlag loswerden?

Fühlst du dich von den etablierten Parteien repräsentiert?

Es heißt immer, die SPD sei die Arbeiterpartei. Mein Vater und meine Großeltern müssen so viel arbeiten – meine Oma musste sogar früher in Rente, weil sie davon krank wurde. Dass sie von der Politik ignoriert werden, kann ich nicht ignorieren. Nicht jeder hält bis 65 durch und nicht jedem geht es finanziell gut, aber diese Menschen werden nicht gesehen. In der Schule hatten wir einen Jungen aus Syrien. Der war in jedem Fach top, wurde aber wegen seiner Deutschkenntnisse vom Gymnasium in die Hauptschule versetzt. Darüber müssen wir uns Gedanken machen.

Was müsste passieren, damit du dich abgeholt fühlst von einer Partei? 

Subkulturen müssen mehr beachtet werden. Auf Youtube und auf den Straßen sehe ich arabische Clans, türkische Clans, Libanesen. Denen sollte mehr zugehört werden. Diese Menschen wollen Geld verdienen, sich ein gutes Leben aufbauen und Leistung erbringen. Das können sie aber nicht, weil ihnen die Integration fehlt. Dann verdienen sie Geld auf illegalem Wege. Das geht durch mehrere Generationen. Ich sehe bei Youtube und sterntv die Familien Ritter. Die leben im sozialen Brennpunkt und ganz Deutschland verfolgt diese Familie. Warum macht da keiner was? Warum hilft ihnen niemand?

Wie nimmst du den bisherigen Wahlkampf wahr? 

Teilweise lächerlich und lustig. Christian Lindner versucht sich als Model.

Was muss die neue Bundesregierung als erstes angehen?

Zuallererst sollten die sich ihre Umwelt wirklich anschauen. Weniger aufs Geld achten, den Menschen zuhören und fragen, was geht in Frankfurt ab, welche Probleme haben die Leute hier? Und auf gar keinen Fall vergessen! Oft kommen Politiker, hören sich unsere Probleme an, schreiben sie auf und vergessen uns danach wieder.

Hast du Angst oder Hoffnung vor der Zukunft?

Eher Angst, weil ich nicht weiß, wo es hingeht. Ich wünsche mir finanzielle und vor allem psychische Sicherheit. Ich habe einfach Angst, dass meine Eltern von der ganzen Arbeit krank werden. Als Angestellter macht man sich abhängig von anderen Menschen. Abhängigkeit macht mir persönlich Angst. Ich bin kein Mensch, der für die Träume von anderen Menschen arbeitet. Ich will für meine Träume arbeiten und meine Träume sind ganz weit weg von den Träumen anderer Menschen. 

Was würdest du der nächsten Bundeskanzlerin, dem nächsten Bundeskanzler gerne sagen?

Hör' auf dein Volk. Ich hatte nichts. Meine Eltern haben mir alles durch harte Arbeit ermöglicht. Politiker sollen aufhören an Profit zu denken. Ich bin froh, dass ich in einem Land lebe, wo man entscheiden kann, ob man wählt oder nicht. Wo ich meine Abneigung gegen Politiker aussprechen kann, ohne in den Knast zu wandern.

Hinweis: Im Rahmen der "Unmute Now"-Bustour stellen externe Moderator:innen jungen Menschen die wichtigsten Fragen rund um die Bundestagswahl 2021. Der stern veröffentlicht die Interview-Serie.

cl

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