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Kanzlerin Angela Merkel: "35 Jahre DDR sind Teil meines Lebens"

War sie Mitläuferin, war sie Funktionärin? Kanzlerin Angela Merkel sprach mit dem stern über ihre Vergangenheit, die FDJ - und Joschka Fischers Straßenkämpfe.

Von Jens König, Axel Vornbäumen und Dominik Wichmann

Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt die öffentliche Diskussion über ihre Vergangenheit in der DDR gelassen hin. "35 Jahre DDR sind Teil meines Lebens. Und das öffentliche Interesse an meiner Person und meiner Lebensgeschichte gehört auch zu meinem Amt – ich finde es sehr verständlich", sagte Merkel in einem Interview mit dem stern. "Gerade in Wahlkampfzeiten erscheinen nun einmal einige Bücher über mich. Ich habe sie nicht zu bewerten."

Den Vorwurf, sie rede nur selten über ihre Biografie vor 1989, wies die Kanzlerin in der aktuellen Ausgabe des stern zurück. Sie habe "immer wieder und auch durchaus gern" über ihr früheres Leben in der DDR erzählt, am ausführlichsten in einem Interviewbuch mit dem Journalisten Hugo Müller-Vogg im Jahr 2004. "Was ich damals zum Beispiel zu meiner Zeit in der FDJ geantwortet habe, gilt auch heute noch. Neues habe ich da nicht beizusteuern."

Merkels Rolle in der FDJ

Merkel verteidigte damit indirekt ihre Version, sie sei Mitte der achtziger Jahre an der Akademie der Wissenschaften der DDR FDJ-Sekretärin für Kultur gewesen und nicht, wie von anderen behauptet, FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda. Durch eine aktuelle Biografie über Merkels Leben in der DDR ist eine Debatte darüber entbrannt, wie nahe die junge Angela Merkel dem politischen System in Ostdeutschland stand. Dabei geht es auch um ihre Rolle in der staatlichen DDR-Jugendorganisation FDJ.

Die Kanzlerin sagte in dem stern-Gespräch über ihr Engagement in der Jugendorganisation: "Die FDJ war Teil des Systems der DDR, ja, aber sie war auch ein Raum für gemeinschaftliche Unternehmungen, für Theaterbesuche und Diskussionen in der Gruppe." Im Umgang mit der deutsch-deutschen Vergangenheit plädierte Merkel gerade bei der Bewertung von Biografien für eine genaue historische Einordnung: "Wer über Lebenswege anderer redet, braucht Einfühlungsvermögen, und er muss den geschichtlichen Zusammenhang verstehen."

Joschka Fischers Straßenkampf

Sie selbst habe eine Weile gebraucht, bis sie das Lebensgefühl und die Bedeutung der 68er-Generation in Westdeutschland einigermaßen nachvollziehen konnte. "In der Debatte über Joschka Fischers Straßenkämpfer-Vergangenheit habe ich ihm 2001 empfohlen, er solle doch Buße tun. Darüber hat mancher bei SPD und Grünen gelacht", sagte die Kanzlerin.

"Straßenkämpfe finde ich immer noch schlimm, aber heute weiß ich, dass sie auch deshalb gelacht haben, weil sie wussten, dass ich die Studentenbewegung einfach nicht erlebt habe und sie es offenbar als anmaßend empfanden, wie ich über die Geschichte der Studentenbewegung, über ihre Geschichte, urteilte."