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Kommentar: Türkische Justiz scheitert an Marco W.

Wieder ist ein Verhandlungstag in Antalya ohne erkennbaren Fortschritt verstrichen: Marco W. bleibt in Haft. Dabei muss der 17-jährige Uelzener die Unzulänglichkeit der Richter und der Prozessführung ausbaden. Für die türkische Justiz ist das ein Armutszeugnis.

Von Malte Arnsperger

Eigentlich wollte er nur die Osterferien am Strand von Antalya verbringen. Aber jetzt wird Marco W. wohl auch Weihnachten in der Türkei sein. Unfreiwillig. Denn das Gericht hat den Prozess gegen den deutschen Schüler am Dienstag zum x-ten Mal vertagt: Der nächste Verhandlungstermin ist für den 14. Dezember avisiert. Dabei mittlerweile ensteht der Eindruck, dass die türkische Justiz und die türkischen Ermittlungsbehörden versagt haben.

Zunächst die Untersuchungshaft. Es ist völlig nachvollziehbar, dass Marco W. nach der mutmaßlichen Tat - er soll eine Minderjährige sexuell misshandelt haben - hinter Gitter gebracht wurde. Das wäre ihm angesichts der erheblichen Vorwürfe in Deutschland auch nicht anders ergangen. Zudem ist nachvollziehbar, dass die Richter eine Fluchtgefahr sahen.

Befremdlich ist jedoch die Dauer dieser Untersuchungshaft: Seit sieben Monaten sitzt Marco W. nun in Haft. Befremdlich daran ist, dass es vor allem die Vertreter der Kläger sind, die dafür verantwortlich waren, dass der Prozess nur schleppend vorankommt. Außerdem wurde offensichtlich schlecht ermittelt und obendrein scheinen die Richter überfordert. Ausbaden muss dies allein der 17-Jährige aus dem niedersächsischen Uelzen.

Verteidiger konnten Charlotte M. bislang nicht befragen

Die Britin Charlotte M. hat sich in Widersprüchen verstrickt. So wurde aus einer früheren Aussage des Mädchens zitiert, wonach sie gesagt haben soll, Marco habe sich lediglich an ihr gerieben. Mittlerweile will sie einen Schmerz "von innen" gespürt und sich mit Schlägen gegen den Deutschen gewehrt haben. Dem steht entgegen, dass sowohl ein Arzt als auch Sasha - einer der Jugendlichen, die in der fraglichen Nacht in jenem Hotelzimmer in Antalya dabei waren - Marco entlasten.

Unverständlich ist, dass das Gericht den Verteidigern des Marco W. bisher nicht die Möglichkeit einräumte, das mutmaßliche Opfer persönlich zu befragen. Stattdessen wurde Charlotte lediglich in Großbritannien zu einer Video-Aussage gebeten, deren Abschrift noch nicht nicht einmal vorliegt. Eine solche Aussage ist zu wenig. Denn die Richter haben so auch nicht die Chance, sich persönlich vom physischen Zustand, sprich: Reifegrad, Charlottes ein Bild zu machen. Das ist aber ein entscheidendes Detail, denn schließlich behauptet Marco, er hätte Charlotte für 15 Jahre alt gehalten - nicht erst für 13. Das ist deshalb wichtig, weil - unabhängig davon, ob nun eine versuchte Vergewaltigung vorliegt oder nicht - sexuelle Kontakte mit Kindern unter 15 Jahren strafbar sind. Hätte Marco W. also gewusst, dass Charlotte M. jünger war als 15, hätte er sich nach türkischem Recht in jedem Fall strafbar gemacht.

Ermittler verzichteten auf Spurensicherung

Aber nicht nur Charlotte kam bisher in dem Prozess nicht zu Wort. Außer Sasha wurde auch keiner der Jugendlichen gehört, die an jenem Abend im Hotelzimmer anwesend waren - auch nicht Megan, Charlottes Freundin. Ihre Version der Nacht könnte wichtige Aufschlüsse über die Art der Begegnung zwischen Charlotte und Marco W. geben. Schließlich schlief Megan friedlich, während Charlotte im Nebenbett mutmaßlich von Marco W. missbraucht wurde. Neben diesen Nachlässigkeiten der Richter schlampten die Ermittlungsbehörden offenbar auch bei der Beweisaufnahme. Am vermeintlichen Tatort wurden keine Spuren gesichert.

Und schließlich ist da noch der Vorsitzende Richter, der den Eindruck erweckt, er fühle sich von dem Verfahren überfordert, oder sei zumindest amtsmüde. In den vergangenen Woche wollte er sich selbst vom Verfahren entbinden lassen. Ein Ansinnen, dass dann von der nächsthöheren Kammer abgelehnt wurde.

Ausbaden muss all dass Marco W., dessen Zeit in Untersuchungshaft durch die verschiedenen Fehler, Nickeligkeiten und Ungereimtheiten bei den Ermittlungen und in der Prozessführung unnötig in die Länge gezogen wird. Dabei ist der Rahmen der Fairness und der Billigkeit mittlerweile gesprengt. Würde es den türkischen Richtern um eine faire Behandlung eines Asthma und Neurodermitis geplagten Jugendlichen gehen, könnten sie eine Freilassung gegen eine hohe Kaution veranlassen. Ungeschoren würde Marco auch in Deutschland nicht davonkommen, schließlich hat auch die Staatsanwaltschaft in Lüneburg Ermittlungen gegen ihn eingeleitet.

War es vorschnell, der türkischen Justiz schon vor Beginn des Prozesses zu unterstellen, sie genüge den Kriterien der Rechtsstaatlichkeit nicht, so gibt es für diese Behauptung mittlerweile schwer wiegende Argumente. Die türkische Justiz, so scheint es, hat versagt - auf Kosten eines 17-Jährigen aus dem niedersächsischen Uelzen.