Kritik an Merkel wächst Union sehnt sich nach dem Wir-Gefühl


Seehofer wertet Wulffs Wackel-Wahl als Warnschuss, Rüttger erinnert an Kohls seelige Zeiten und andere Unionsgrößen rufen laut nach Roland Koch - der parteiintere Druck auf Bundeskanzlerin Merkel wächst.

Die Schwierigkeiten der Union bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten haben die innerparteiliche Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkel erheblich verstärkt. Die CDU-Vorsitzende müsse die Partei und die Regierung besser aufstellen, forderte der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Josef Schlarmann, im "Spiegel". Nicht alle schwierigen Fragen könnten in einem kleinen Kreis um Merkel gelöst werden.

CSU-Chef Horst Seehofer nannte die Wahl des Regierungskandidaten Christian Wulff erst im dritten Durchgang einen Warnschuss für die Koalition. Dies sei ein klares Signal dafür gewesen, dass sich im Regierungsbündnis einiges gegenüber den ersten acht Monaten seiner Amtszeit ändern müsse, sagte Seehofer der "Bild am Sonntag". Sein deutlicher Appell: Die Koalition müsse verlässlicher und vertrauensvoller zusammenarbeiten.

Stoiber dringt auf Koch-Revival

Andere Unionspolitiker forderten Merkel auf, den angekündigten Ausstieg des scheidenden hessischen Ministerpräsidenten und CDU-Vize Roland Koch aus der Politik zu verhindern. Koch hatte nach Angaben von Teilnehmern in den entscheidenden Beratungen vor dem dritten Durchgang der Bundespräsidenten-Wahl mit einer aufrüttelnden Rede die Unions-Delegierten in der Bundesversammlung für die Wahl Wulffs zu gewinnen versucht. Der hessische Ministerpräsident habe "in schwieriger Situation ein Wir-Gefühl erzeugt", sagte der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber dem "Spiegel". Koch solle unbedingt in der Bundespolitik gehalten werden, forderte er.

Der neue niedersächsische Ministerpräsident David McAllister trat für eine stärkere Einbeziehung der Länder bei Entscheidungen der Bundesregierung ein. Der CDU-Politiker verteidigte Merkel aber im "Hamburger Abendblatt" gegen den Vorwurf der Führungsschwäche. Es sei ihr gelungen, binnen kurzer Zeit einen Nachfolgekandidaten für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler zu präsentieren.

Rüttgers vermisst Profil

Sein scheidender Amtskollege aus Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, beklagte den Zustand seiner Partei. "Helmut Kohl hat immer gesagt, die CDU sei eine Familie. Dieses Gefühl und der Zusammenhalt sind zunehmend schwächer geworden", sagte der Noch-Ministerpräsident dem "Spiegel".

Zudem verlangte Rüttgers von den Christdemokraten mehr Profil, notfalls auch gegen Mehrheitsströmungen. Die CDU müsse inzwischen darum kämpfen, Volkspartei zu sein. "Das ist ja wohl die Botschaft der Nordrhein-Westfalen-Wahl." Es führe aber nicht zu starken Parteien, wenn sich "alle Politiker" vor "Polarisierung und Konflikten scheuen" - aus Angst davor, die Mehrheitsfähigkeit zu verlieren.

joe/Reuters/DPA DPA Reuters

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