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Landtagswahl in Sachsen: Wer die AfD wählte

Knapp 10 Prozent holte die AfD in Sachsen - und feiert sich nun als neue FDP. Tatsächlich steht sie rechts von der CDU und lockt vor allem Protestwähler.

Von Maren Christoffer

Es klingt wie ein schlechter Witz, ist aber keiner: Die Bundesgeschäftsstelle der Alternative für Deutschland (AfD) sitzt in der "Schillstraße". Sofort denkt jeder an den bizarren Rechtspopulisten Ronald Schill, der in den Big-Brother-Container einzog. Schill war mal Innensenator in Hamburg, bevor er in einem Sumpf aus Skandalen, Drogen und Sex versackte.

Natürlich ist die Berliner Schillstraße nicht nach ihm benannt; es gibt andere, ehrenwerte Personen, die denselben Nachnamen tragen. Hier also hat sich die AfD einquartiert, im sechsten Stock eines modernen Bürogebäudes, mit Zugang zur Dachterrasse. Wie es der Zufall so will, ist an diesem Abend schönes Wetter, das Bernd Lucke noch genießen wird.

Zunächst jedoch warten an diesem Sonntagabend alle auf die erste Prognose der Landtagswahl in Sachsen. Es ist 17.59 Uhr und die letzten Sekunden dieser Minute zählt das Publikum laut herunter: Fünf, viiiier, dreiii, zweiii, eiinnsss! Dann flimmern die Balken über den Bildschirm. Bei der AfD bleibt er kurz unter zehn Prozent stehen. Bei der FDP kurz unter vier Prozent. Zwei Mal frenetischer Jubel.

Das Erbe der FDP

Parteichef Lucke lässt rasch den Ton der Fernseher abdrehen, er will selbst ein Statement abgeben. "Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Wir sind endgültig in der Parteienlandschaft angekommen", sagt er freudestrahlend. Das ist Unsinn, weil die AfD vorerst nur in einem Landesparlament sitzt. Zwar hat sie den Umfragen zufolge gute Chancen, nach Sachsen auch in Thüringen und Brandenburg über die 5-Prozent-Hürde zu springen. Aber selbst damit wäre Luckes These nicht belegt. Auch die Piraten hatten mal einen guten Lauf bei Landtagswahlen. Heute spricht niemand mehr von ihnen.

Was Lucke wichtig ist: Er sieht seine Partei als Erbe der FDP. "Wir sind liberal und freiheitlich ", sagt er. "Wir nehmen Inhalte auf, die eigentlich auch die FDP hätte aufnehmen sollen." Tatsächlich hat die die AfD im Wahlkampf keinen liberalen, sondern einen stramm rechten Kurs genommen. Spitzenkandidatin Frauke Petry plädierte für die Wiedereinführung von Grenzkontrollen, für eine schärfere Asylpolitik, ein strengeres Abtreibungsrecht, mehr deutschsprachige Lieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk - und etwas, das sie als Petry als "aktive Bevölkerungspolitik" bezeichnet: Die Drei-Kind-Familie soll die Norm werden.

Mit diesem Programm holte die AfD vor allem Wechsel- und Protestwähler ab. Ersten Analysen zufolge kamen 34.000 Stimmen von ehemaligen Anhängern der CDU. 18.000 Menschen hatten zuvor die FDP gewählt, 15.000 die Linke und 13.000 die NPD. Auch SPD und Grüne mussten abgeben, wenn auch in kleinerem Umfang. Bemerkenswert: 16.000 bisherige Nichtwähler machten ihr Kreuz bei der AfD.

Koalition ausgeschlossen

Die CDU, die die meisten Stimmen an die AfD abgeben musste, ist doppelt gestraft: Ohne die Verluste wäre sie näher an die absolute Mehrheit gerückt. So muss sie sich mit einer Konkurrenz am rechten Rand beschäftigen. Die Strategie des CDU-Spitzenkandidaten Stanislaw Tillich, die AfD weitgehend zu ignorieren, zugleich aber eine Koalition mit ihr nicht auszuschließen, ist nicht aufgegangen. Im Gegenteil: Er signalisierte damit offenbar den eigenen Anhängern, dass sie auch AfD wählen könnten. In diese Falle wollen Tillichs Kollegen nicht tappen. Die CDU-Spitzenkandidaten von Thüringen und Brandenburg schlossen an diesem Montag eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.

Das entspricht der Linie, die Kanzlerin Angela Merkel für den Bund vorgegeben hat. Wobei bei knappen Mehrheitsverhältnissen die Debatte sofort wieder aufflammen dürfte. Wie es so aussieht, hat die CDU mit der AfD nun das, was die SPD mit den Linken hat: ein Problem.

Mitarbeit: Lutz Kinkel