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Skandal um Corona-Schutzkleidung Laschet in Bedrängnis – Kittel, die das Land bei Van Laack bestellen ließ, sind womöglich nicht reißfest

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet
NRW-Ministerpräsident Armin Laschet will CDU-Chef werden. Jetzt muss er sich für die Bestellung von Corona-Schutzkitteln rechtfertigen.
© AFP
In der Debatte um Millionenaufträge des Landes NRW an die Firma Van Laack sind neue Ungereimtheiten aufgetaucht. Es gibt Zweifel, ob vom Land für 45 Millionen Euro bestellte Schutzkittel reißfest und damit sicher genug sind.
Von Hans-Martin Tillack und Thomas Steinmann

Es ist gut zwei Wochen her, da redete sich Armin Laschet fürchterlich in Rage. Die oppositionelle SPD sei "schäbig", schimpfte der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Kanzlerkandidatenkandidat der CDU. Bei den Sozialdemokraten des Landes gehe es  "immer" um das "Diffamieren", polterte Laschet. Und jetzt treibe man sogar seine Familie durch die politische Arena!

Der Grund des Wutausbruchs: Der Chef und Besitzer des Textilherstellers Van Laack, Christian von Daniels, hatte einer Zeitung freimütig erzählt, wie er zu Beginn der Corona-Pandemie an Aufträge des Landes gekommen sei. Dabei spielte Laschets Sohn Johannes ("Joe") eine wichtige Rolle, der gelegentlich als Influencer gegen kleines Geld Van-Laack-Hemden auf seiner Instagram-Seite feilbietet. Dem Laschet-Sohn, so von Daniels, habe er Ende März erzählt, dass Van Laack in die Produktion von Schutzmasken einsteige. Darauf habe gleich Vater Armin angerufen und kurz darauf hätten sich Fachleute des Landesgesundheitsministeriums zum Besuch am Firmensitz in Mönchengladbach eingefunden.

Am 20. April schließlich bestellte das Landesministerium 10 Millionen Schutzkittel für Krankenhäuser und andere Einrichtungen im Gesamtwert von 45,4 Millionen Euro. Die Landespolizei zog im Juni und November nach und orderte für insgesamt vier Millionen Euro Stoffmasken für den Dienstbetrieb. Bis in den November hinein vergab das Land die Aufträge - krisenbedingt - immer freihändig und ohne Ausschreibung. Laut einer Liste des Gesundheitsministeriums avancierte Van Laack so zum zweitgrößten Lieferanten der Behörde für Schutzkleidung.

SPD wittert Klüngelverdacht

Die SPD wittert seitdem Klüngelverdacht. Immerhin hätten sich damals auch andere Anbieter gemeldet und nicht gleich einen Anruf vom Landesvater bekommen. Laschet wies das zurück, sprach von der Materialnot in der Frühzeit der Krise. Und  der Van-Laack-Chef betonte die Qualität seiner zertifizierten Produkte.

Doch ausgerechnet an der gibt es jetzt nach Recherchen von stern und "Capital" Zweifel. Die Uniklinik Essen bestätigte jetzt auf Anfrage, dass sie vom Land am 27. August 2020 insgesamt 40.320 Kittel der Firma Van Laack zur Corona-Behandlung erhalten habe. Die Kittel seien aber "durch unsere Hygiene geprüft und nicht für die Verwendung in unserem Haus freigegeben" worden, "da sie beim Anziehen schnell reißen", teilte ein Sprecher mit.

Angestoßen hatte das der frühere Piraten-Politiker und jetzige Publizist Christopher Lauer. Er hatte vergangene Woche für seinen Podcast verschiedene Universitätskliniken des Landes angeschrieben und sich nach Erfahrungen mit den Van-Laack-Kitteln erkundigt. Das Uniklinikum in Münster antwortete ihm am Donnerstag in einer Weise, die weitere Zweifel an den Kitteln erlaubte. Man habe Anfang September insgesamt 28.800 Van-Laack-Kittel von der Landesregierung bekommen. Genutzt habe man sie bisher nicht, denn erst stehe eine "Überprüfung" bevor, ob die Van-Laack-Kittel die Norm EN 14126 für Infektionsschutzkleidung erfüllten. Diese Prüfung stehe "noch aus", so das Klinikum in seiner Mail an Lauer, die stern und "Capital" vorliegt. "Deswegen kann zu dieser Lieferung noch keine Aussage getätigt werden", schrieb das Uniklinikum. Sollten die Kittel die Norm "nicht erfüllen, werden diese nicht entsprechend eingesetzt".

"Van Laack Schutzkittel liegen ungenutzt in NRW herum, da sie nicht nach EN 14126 zertifiziert sind", titelte der Ex-Pirat darauf leicht zugespitzt am Freitag. Am gestrigen Montag fragten stern und "Capital" beim Klinikum nach. Woran scheiterte bisher die Prüfung der Kittel? Darauf ruderte die dem Land unterstellte Gesundheitseinrichtung zurück.

„Van Laack Health and Care Tunisia“ steht auf Pappkartons, in denen das Land NRW die Kittel verteilt hat
„Van Laack Health and Care Tunisia“ steht auf Pappkartons, in denen das Land NRW die Kittel verteilt hat.
© Privat

Die Kittel hätten "bei Lieferung selbstverständlich nachweislich die notwendige DIN-Norm" erfüllt, versicherte eine Sprecherin des Uniklinikums. Man habe jetzt "anlassbedingt" eine "adhoc-Prüfung der Unterlagen veranlasst und es liegen uns zweifelsfreie Unterlagen vor, die die Einhaltung der DIN EN 14126:2004 belegen". Somit stehe "dem hiesigen klinischen Einsatz nach dieser freiwilligen Zusatzprüfung nichts entgegen".

Noch am Donnerstag gegenüber Lauer hatte das anders geklungen. Und schaut man auf die Webseite des Textilherstellers selbst, findet man dort zu den Gesundheitsprodukten der Firma nur eine einzige Konformitätserklärung - für Kittel gemäß der Norm EN 13034. Diese Kittel, erklärt die Firma da "in alleiniger Verantwortung", erfüllten als Schutzkleidung die entsprechenden Vorschriften, mit "eingeschränkter Schutzleistung gegen flüssige Chemikalien und Infektionserreger".

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Über welche Zertifizierung verfügen die Van-Laack-Kittel?

Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist EN 13034 freilich die Norm für Flüssigchemikalien – nicht für Infektionsschutz. Kittel gegen Infektionsschutz müssen die auch vom Uniklinikum Münster erwähnte Norm EN 14126 erfüllen. Die Van-Laack-Bescheinigung stammt zudem erst vom 24. September. Über welche Zertifizierung verfügte das Unternehmen also im April, als die Landesregierung zehn Millionen Stück bestellte?

Die Frage stellt sich auch deshalb, weil es damals in Deutschland gar nicht möglich war, solch eine Zertifizierung von Infektionsschutzkitteln zu bekommen. Das bestätigte das Bundesgesundheitsministerium noch Anfang Mai auf eine Anfrage der FDP-Abgeordneten Sandra Weeser. Hierzulande gebe es gegenwärtig nur solche Konformitätsbewertungsstellen, die Chemikalienschutzanzüge zertifizierten, "ohne die zusätzliche Prüfung gegen Infektionserreger nach DIN EN 14126", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Gebhart (CDU).

Die Firma Van Laack ließ konkrete Fragen von stern und "Capital" nach der Kritik an der Reißfestigkeit und den ihnen vorliegenden Zertifikaten bisher unbeantwortet. Man verfüge über sechs verschiedene "Kittel-Produkte mit unterschiedlichen Qualitäten und den jeweils zugehörigen Zertifikaten", versicherte eine Sprecherin aber. Das "Verschwiegenheitsgebot" verbiete es Angaben über einzelne Lieferungen zu machen: "Selbstverständlich erhalten unsere Kunden ausschließlich Lieferungen, die den Anforderungen und Kriterien der Bestellungen entsprechen", sagte die Sprecherin.

Das von dem CDU-Politiker Karl-Josef Laumann geführte Landesgesundheitsministerium bestätigte am Dienstag Abend auf Anfrage von stern und „Capital“, dass die Van-Laack-Kittel "nicht vollständig den Anforderungen" der europäischen Verordnung für Schutzausrüstung entsprächen. Schutzausrüstung mit korrekter Kennzeichnung sei auf dem Höhepunkt der Krise "faktisch nicht" verfügbar gewesen, erklärte ein Sprecher. Im Auftrag von Van Laack habe das Prüfinstitut Hygcen Austria GmbH aber bestätigt, dass das Material der Kittel die Anforderungen der Norm EN 14126 erfülle. Das Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung habe dann im Auftrag des Gesundheitsministeriums nachgeprüft und bestätigt, dass die Kittel die Anforderung "Abweisungsfähigkeit gegenüber Flüssigkeiten" erfüllten. Darauf habe man zugelassen, dass die Kittel "nur in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen" im Land zum Schutz vor Coronaviren und "nur für die Dauer der Corona-Pandemie verwendet werden dürfen".*

Van-Laack-Chef von Daniels beruft sich gerne darauf, dass viele Behörden in ganz Deutschland seine Corona-Schutzprodukte bestellt hätten. Größere Einkäufe können das freilich nicht gewesen sein, denn die müssten im Amtsblatt der EU veröffentlicht werden. Und da findet man nur die Kontrakte in NRW.

Dass Van Laack seinen Unternehmenssitz in dem Bundesland hat, spielte offenbar eine Rolle. Man habe eben Produkte "möglichst aus Nordrhein-Westfalen" gewollt, hatte Ministerpräsident  Laschet Anfang Dezember als Antwort auf die Anwürfe der SPD argumentiert. Van Laack setze bei den Schutzprodukten sogar  "ausschließlich auf deutsche Materialien und eine deutsche Fertigung", tönte von Daniels bereits Ende April.

"Made in Tunisia"

Aber da nahm er den Mund etwas voll. Tatsächlich produziert der Mönchengladbacher Hersteller wie die meisten deutschen Textilunternehmen seit Jahren überwiegend im Billiglohnausland, im Fall von Van Laack in Vietnam und Tunesien. Auch die Kittel für NRW seien zum großen Teil in Tunesien hergestellt worden, bestätigte von Daniels Anfang Dezember gegenüber dem stern. Masken produziere man auch in Vietnam.

"Van Laack Health and Care Tunisia" steht auch auf Pappkartons, in denen das Land NRW die Kittel verteilt hat. Dem stern und "Capital" liegen entsprechende Fotos vor. Sie stammen aus der Messe Düsseldorf, von wo aus Organisationen aus der Katastrophenhilfe wie das Deutsche Rote Kreuz im Sommer kostenlos mit Schutzausrüstung beliefert wurden. Auch Tausende Van-Laack-Kittel – mit der Produktbezeichnung "Infektionskittel" auf dem Waschzettel im Nacken - landeten auf diese Weise bei Organisationen vor Ort. Im Alltag klagten dann allerdings auch dort Mitarbeiter, dass die Ware nicht geeignet sei, um sich etwa bei Abstrichen zu schützen - weil die Kittel nicht rissfest seien.

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Ebenfalls auffällig: Am deutschen Unternehmenssitz in Mönchengladbach von Van Laack herrschte bis vor kurzem sogar teilweise noch Kurzarbeit, wenn auch offenbar vor allem in der Verwaltung. In der Konzernzentrale gelte sie "aktuell nur noch für ganz wenige Mitarbeiter", schrieb von Daniels am 4. Dezember auf eine Anfrage.

Das Unternehmen machte zwar zuletzt gute Gewinne, schleppt aber Schulden aus der Vergangenheit mit sich herum. Im Konzerngeschäftsjahr 2019/2020 habe man "die Inanspruchnahmen der Bankenlinien" von 18,7 Millionen Euro auf fünf Millionen "deutlich" zurückführen können, heißt es im jüngsten Geschäftsbericht.

Laut dieser im August veröffentlichten Zahlen machte das Unternehmen zuletzt einen Umsatz von 56 Millionen Euro. Der dürfte sich in diesem Geschäftsjahr schon wegen der Aufträge des Landes praktisch verdoppeln.

* Die Stellungnahme des Landesgesundheitsministeriums auf eine Anfrage von stern und "Capital" von Montag Mittag traf erst am Dienstag Abend ein und wurde nachträglich eingefügt.


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