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Ex-SPD-Kanzlerkandidat: Wenige Abstimmungen im Bundestag, keine Termine - was macht eigentlich Martin Schulz?

Es ist ruhig geworden um den ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Auf seiner Website hat er keine Termine angegeben, an vielen Abstimmungen im Bundestag hat er nicht teilgenommen. Doch er ist auf dem Weg zurück - sowohl im Bundestag als auch beim Sonderparteitag der SPD.

Martin Schulz (l.) und SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles

Martin Schulz (l.) und SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles unterhalten sich im Deutschen Bundestag während der Debatte um den Einsatz einer Enquete-Kommission

DPA

Martin Schulz schreibt immer noch Schlagzeilen. Aber weniger mit den Dingen, die er tut oder sagt – sondern viel mehr getan oder gesagt hat. "Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht", ist so eine Aussage, die derzeit in einigen Medien kursiert. Sie stammt aus dem Buch "Die Schulz-Story" des "Spiegel"-Reporters Markus Feldenkirchen, der den ehemaligen SPD-Parteichef und –Kanzlerkandiaten ein Jahr lang begleitet hat. Und letztlich dabei zusah, wie dramatisch (s)eine politische Karriere verlief.

Seitdem herrscht gewissermaßen Funkstille. Martin Schulz scheint wie vom Erdboden verschluckt.

  • Seine letzte Rede im Bundestag: 21. November 2017
  • Seine letzte Abstimmung im Bundestag: 1. Februar 2018
  • Sein letzter Social-Media-Eintrag: 14. Februar 2018
  • Seine "Termine vor Ort": keine Einträge

Man ist geneigt zu fragen: Wo steckt Martin Schulz? Eine Erkrankung, offenbar eine Grippe, hatte ihn auf die Bretter geschickt, die er in Würselen auskurieren wollte. Die (bisher) letzte öffentliche Amtshandlung des ehemaligen Kanzlerkandidaten: für die Wiederwahl Angela Merkels zu stimmen, seine Konkurrentin im Kampf um das Kanzleramt. Aber wie geht es weiter? Bereits an sieben Abstimmungen im Bundestag hat Martin Schulz, der ein Mandat für den Bundestag besitzt, nicht teilgenommen. Nun scheint es allerdings, als werde er Sonntag auf die politische Bühne zurückkehren.

Martin Schulz will eine Rede halten

Am Sonntag hält die SPD einen Außerordentlichen Bundesparteitag ab. Der Termin ist tatsächlich von außerordentlicher Tragweite: Andrea Nahles, derzeit SPD-Fraktionschefin, wird mit großer Wahrscheinlichkeit zur Parteichefin ernannt. Martin Schulz, der das Amt vor ihr innehatte, empfahl die ehemalige Juso-Vorsitzende, nicht zuletzt, um selbst Bundesaußenminister zu werden. Der Rest ist Geschichte.

Dennoch könnte es ein historischer Tag für die SPD werden: Nahles wäre die erste Parteichefin der Sozialdemokraten. Das will man - also Martin Schulz, gewissermaßen Wegbereiter dieser kleinen Revolution - doch nicht verpassen?

Anruf bei der Pressestelle des SPD-Parteivorstands. Auf Schulz‘ Webseite wird diese immer noch als Kontakt für Medienvertreter angeführt. Hier hat sich offenbar lange nichts getan.

Ja, in der Tat, Martin Schulz wolle wohl am Sonntag dabei sein, heißt es. Bestätigen möchte man das aber (noch) nicht: Die Tagesordnung für den Bundesparteitag werde am Samstag erstellt, die Rednerliste am Sonntag. Beschlossen sei theoretisch noch nichts. Man solle sich aber noch einmal beim Bundestagsbüro von Herrn Schulz melden, heißt es weiter, sei man doch eigentlich nicht mehr für dessen Terminkalender zuständig.

Also Anruf in seinem Bundestagsbüro. Und tatsächlich: Martin Schulz will und wird am Sonntag dabei sein. Und die Planungen dafür scheinen offenbar bereits weiter fortgeschritten, als angenommen: Beim Bundesparteitag soll es eine Danksagung für Martin Schulz geben – und Martin Schulz will darauf antworten. Bezug auf Europa wolle er in seiner Rede auch nehmen.

Es gibt auch wieder was zu lachen: Martin Schulz und Andrea Nahles am Mittwoch im Bundestag

Es gibt auch wieder was zu lachen: Martin Schulz und Andrea Nahles am Mittwoch im Bundestag

DPA


Er ist (eigentlich) wieder da

Martin Schulz ist also offenbar wieder fit. Oder? Laut seinem Büro ist der Bundestagsabgeordnete wieder genesen und seit der Plenarwoche vom 12. bis 16. März wieder im Bundestag. Seitdem sei er "grundsätzlich" in den Plenarwochen anwesend. Wie gesagt: Bei der Kanzlerwahl war er auch anwesend. Martin Schulz ist also schon längst wieder da – nur mitbekommen haben es die wenigsten.

Vorher, also im Februar, war Schulz krankgeschrieben. Das erklärt auch, warum er nicht über den umstrittenen Antrag zum "Verhalten der Bundesregierung im Fall Deniz Yücel" (Drucksache 19/846) der AfD abgestimmt hat. Aber was ist mit den anderen sechs Abstimmungen, die im März stattgefunden haben – und bei denen Martin Schulz nicht votiert (keine Enthaltung) hat?

"Ab März hat er an den Plenarwochen im Bundestag teilgenommen, an den genannten Abstimmungen jedoch attestiert krankheitsbedingt nicht mitwirken können", teilt Schulz‘ Büro auf Anfrage des stern mit. Also war Martin Schulz doch noch krank? Jein, zu dem Zeitpunkt sei er noch nicht vollkommen fit gewesen. An den Plenartagen, an denen die sechs Abstimmungen stattgefunden haben (16. und 22. März), sei Schulz vorzeitig wieder abgereist.

Warum die Funkstille?

Bleibt nur noch die Frage: Keine Social-Media-Beiträge, Reden im Bundestag oder öffentliche Termine – warum die Funkstille? Auf Nachfrage des stern teilt sein Bundestagsbüro lediglich mit: "Die Social-Media-Kanäle von Herrn Schulz wurden vonseiten der SPD betrieben und werden aktuell umgestellt."

Man will Martin Schulz seine Pause nicht übel nehmen: Sein rascher Aufstieg und Absturz in der Bundespolitik ist vermutlich beispiellos. Der Wahlkampf, das bittere Wahlergebnis der SPD, das Wirrwarr um die Regierungsbildung und die Personaldebatten – all das zehrt an den Kräften. Und offenbar auch an der Gesundheit.

"Ich habe in diesem Amt Höhen und Tiefen erlebt, wie man sie in der Politik in dieser Form selten erlebt. Das ist schon so", sagte Schulz Anfang Februar, als er seinen Rücktritt als SPD-Chef verkündete. "Und das bleibt einem auch nicht in den Klamotten hängen." Am kommenden Sonntag wird Martin Schulz eine Rede halten, auch mit Blick auf Europa, sein Lieblingsthema. Es ist ein kleiner Schritt zurück in den Alltag seines Jobs: der Politik. 

Kommentar des stern-Herausgebers: Nach Schulz-Verzicht: Wie geht es mit der SPD weiter?

 

fs/feh
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