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Einfaches Mitglied im Bundestag: Martin Schulz – er ist jetzt einer unter 709 Abgeordneten

Zuletzt war Martin Schulz krankgeschrieben. Bei seiner Rückkehr in den Bundestag wählte er die Kanzlerin – und verhalf der Regierung, die ja eigentlich er selbst ausgehandelt hatte, zum Start.

Martin Schulz im Bundestag

Martin Schulz liest im Bundestag auf seinem Handy. Er ist jetzt einfacher Abgeordneter im Bundestag.

DPA

hat seinen Humor offenbar wiedergefunden und kann wieder lachen. Der einstige und tief gefallene Hoffnungsträger der SPD war zuletzt wegen einer verschleppten Grippe krankgeschrieben und las in Würselen ein besonderes Buch. Dazu später.

Für Schulz ist der 14. März ein seltsamer Tag. Als der -Politiker um 9.24 Uhr im Bundestag zur Stimmabgabe aufgerufen wird, läuft er Kanzlerin Angela Merkel über den Weg. Mehr als 24 Stunden hatten sie am Ende diesen Koalitionsvertrag ausgehandelt - und der SPD-Chef der CDU-Chefin sechs Ministerien abgetrotzt. Schulz war kurz der künftige Außenminister, gemeinsam wollten sie die kriselnde EU reformieren.

und Schulz scherzen zusammen, winken Bekannten auf der Zuschauertribüne zu. Der SPD-Politiker legt den Arm auf die Schulter der CDU-Chefin; er hatte zuvor gesagt, dass er sie zur Kanzlerin mitwählen will. Sie ist ihm sehr dankbar für seinen Einsatz bis über die körperlichen Grenzen hinaus für diese Koalition, die nun ihre Macht nochmal sichert. Als um 9.52 Uhr feststeht, dass sie aber nur 364 der 399 Stimmen von Union und SPD bekommen hat, vermuten sie bei der SPD die Abweichler vor allem bei der Union, wo einige Merkel am liebsten abgelöst sähen.

Ein "Morgen, Jungs" von Martin Schulz

Schulz ist morgens etwas zu spät beim Zählappell der SPD-Fraktion, "Morgen, Jungs", begrüßt er ihm bekannte Gesichter. Es gibt einige Schulterklopfer. Schulz hat in zuletzt angeblich auch viel nachgedacht über Ehrlichkeit in der Politik, Intrigen, auch eigene Fehler und Fehleinschätzungen.

Er klatscht, als Merkels vierte Kanzlerschaft feststeht, und stellt sich bei den Gratulanten hinter Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und FDP-Chef Christian Lindner an. Hätten sie das Jamaika-Bündnis mit Merkel hinbekommen, wäre Schulz vielleicht noch SPD-Vorsitzender. Jetzt ist er nur noch eines von 709 Mitgliedern des (MdB).

Er will an diesem Tag öffentlich schweigen. Im Plenum sitzt Schulz in der dritten statt wie früher der ersten SPD-Reihe, er redet lange mit seinem Fraktionskollegen Matthias Miersch, der gerne Umweltminister geworden wäre. Das wird nun Svenja Schulze aus Nordrhein-Westfalen, die statt Schulz für den größten SPD-Landesverband ins Kabinett einrückt. Schulze statt Schulz. Das ist zwar nur ein Buchstabe Unterschied, doch die Geschichte dahinter ist großes Polit-Drama.

Der Baumeister einer wackligen Bundesregierung

Der 62-Jährige hat wie ein Architekt die Planungs- und Bauphase des fragilen Koalitionsgebäudes für die SPD-Seite gesteuert. Als das Haus dann stand, durfte er aber nicht miteinziehen. Schulz ist ja ein glühender Fan des 1. FC Köln. Den Fußballverein und den Rheinländer verbindet eine unglaubliche Auf- und Abstiegsgeschichte in diesem Jahr. Köln erreichte erstmals seit 25 Jahren den Europapokal und stürzte dann auf den letzten Platz der Bundesliga ab. Schulz wurde als "Gottkanzler" gefeiert, die SPD lag bei über 30 Prozent, mit 100 Prozent wurde er zum SPD-Chef gewählt. Dann reihten sich Pleiten, Pech und Pannen aneinander. Er bescherte der SPD als Kanzlerkandidat mit 20,5 Prozent das schlechteste Bundestagswahlergebnis überhaupt.

Schulz wollte die SPD danach in die Opposition führen und versprach, niemals Minister unter Merkel zu werden. Jamaika scheiterte, Schulz und die SPD legten eine 180-Grad-Wende hin, die große Koalition stand irgendwann. Um Dampf aus dem vor der Expolosion stehenden Kessel bei der SPD zu lassen, gab er den Vorsitz ab, Andrea Nahles soll im April gewählt werden. Aber er, der das Europakapitel des Vertrags quasi im Alleingang geschrieben hatte, wollte Außenminister werden. Wegen des gebrochenen Wortes rebellierte die Basis. Schulz musste registrieren, dass kein einziger aus der Führungsriege ihm öffentlich beisprang.

Früherer Buchhändler aus Würselen liest ein Buch

Und musste auch darauf verzichten, um nicht das Ja der SPD-Mitglieder beim Entscheid über den Eintritt in die Koalition zu gefährden. Ein letzter Dienst an der Partei. Über Nahles und den Außenminister statt seiner, Heiko Maas, hat er bisher kein ein schlechtes Wort verloren. Das Jahr schüttelt man nicht so aus den Kleidern, sagt er selbst.

In einem Buch hätte der Rheinländer sicher einiges zu erzählen. Zuletzt hat der frühere Buchhändler während der Auszeit in Würselen ein recht lehrreiches Buch gelesen: Die Biograhie des Historikers Peter Longerich über den NS-Propagandaminister Joseph Goebbels.

Besonders die Endphase der Weimarer Republik fand Schulz dabei sehr bemerkenswert, wie Goebbels das Vorgehen gegen NSDAP-Politiker als Verfolgungsakt des alten Systems gegen die neue Bewegung anprangerte.

Parallelen zur Weimarer Reprublik

Skandalisieren, sich als Opfer und Anwalt der Arbeiter und kleinen Leute inszenieren, das war damals die Methode. So mancher könnte Parallelen zur AfD erkennen. Auch damals wurde es immer schwieriger, noch Koalitionen zu bilden. Helmut Schmidt erzählte oft vom großen Fehler der SPD, die Große Koalition unter Führung von SPD-Kanzler Hermann Müller 1930 platzen zu lassen - wegen eines Streits um eine Senkung der Arbeitslosenversicherung um 0,25 Punkte. Es folgte ein Regieren mit Notdekreten bis zur Wahl Hitlers zum Reichskanzler. Der Koalitionsbruch war eine Zäsur; er leitete das Ende der Republik ein.

Merkel selbst erzählte diese Geschichte nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auch als Warnung in den Jamaika-Verhandlungen. Schulz sieht die ganzen aktuellen Zeitläufte im Inland wie im Ausland mit großer Besorgnis. Auch deshalb kämpfte er aus staatspolitischer Verantwortung so für die Regierung, der nun nicht angehört. Er will im Bundestag bleiben, auch wenn er einfach aufhören könnte. Denn er sieht in diesen nervösen Zeit durchaus noch eine Aufgabe für sich. 


anb / DPA