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Merkel-Biograf: "Sie wird noch länger als Kohl regieren"

Gerd Langguth hat seine Merkel-Biographie um die ersten zwei Jahre ihrer Kanzlerschaft ergänzt. Im stern.de-Interview sagt er der Regierungschefin eine lange Regierungszeit weit über 2009 voraus. Und zwar als Chefin der großen Koalition.

Der Merkel-Biograph Gerd Langguth hat sein Buch über Angela Merkel ergänzt um eine Analyse der ersten zwei Jahre ihrer Kanzlerschaft. Seine Prognose: Die Kanzlerin wird die Wahl 2009 gewinnen, am liebsten die große Koalition fortsetzen und hat die Chance länger als Kohl an der Macht zu bleiben.

Herr Langguth, in Ihrer aktualisierten Merkel-Biografie, die jetzt auch die ersten beiden Jahre ihrer Kanzlerschaft umfasst, kommen Sie zu einer Prognose, welche die einen erschrecken, andere erfreuen wird: Angela Merkel, schreiben Sie, habe alle Chancen die Dauer der Amtszeit Helmut Kohls zu erreichen, ja zu übertreffen. 16 Jahre oder mehr Merkel, wie soll das gehen?

Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend geändert. Früher ging es meist nur um die Frage, mit wem eine kleinere Partei als Mehrheitsbeschaffer koaliert. In der Regel war das die FDP, von 1998 abgesehen, als die Grünen der SPD zur Macht verholfen haben.

In Zukunft dürfte die Regel sein, dass mehr als zwei Fraktionen für die Mehrheit benötigt werden. Beim Blick auf denkbare Koalitions-Konstellationen wird Angela Merkel für längere Zeit daher immer die Nase vorn haben, denn sie ist eine pragmatische, lösungsorientierte Politikerin.

Weshalb wird sie die Nase immer vorn haben?

Weil sie machtpolitisch hoch begabt ist und weil sie als amtierende Kanzlerin nach Wahlen die Koalitionsbildung am besten beeinflussen kann. Schwierig würde es für sie nur dann, wenn die SPD 2009 ihr Versprechen, nicht mit der Linkspartei und Oskar Lafontaine zu koalieren, nicht einhält. So lange die SPD zur Linkspartei Nein sagt, so lange ist das ein klarer strategischer Vorteil für die Union.

Schon heute denken viele in der SPD auch über ein Bündnis mit der Linkspartei nach.

Das stimmt, deshalb wird diese Frage im Wahlkampf 2009 eine große Rolle spielen – und sich zum Nachteil der SPD auswirken. Frau Merkel ist da in einer weitaus besseren Position, zumal sie sicher mit einer Fortsetzung der großen Koalition kein Problem hätte. Sie ist für sie die ideale Formation zum Umbau der Gesellschaft.

Wollen Sie uns erschrecken? Schon jetzt besteht die große Koalition weithin nur aus wechselseitiger Beschimpfung.

Solche Phasen hat es auch immer in kleinen Koalitionen gegeben. Denken sie nur an Rot-Grün und den ewigen Streit um die Entfernungspauschale. Merkel ist fest davon überzeugt, dass man wirklich große Reformen nur im Bündnis der beiden Volksparteien realisieren kann. "Rente mit 67" oder die Föderalismusreform wäre nur mit dem Partner FDP in der Bevölkerung wegen der zahlreichen Widerstände nicht durchzusetzen. Verfassungsändernde Mehrheiten hat sie nur mit der SPD.

Aber Frau Merkel hat mehrfach schon gesagt, ihr Lieblingspartner wäre die FDP.

Das muss sie sagen, weil die Basis der CDU das so sieht. Sie ist ja auch CDU-Vorsitzende. Ironisch gesagt: Sie vertraut vielleicht in dieser Frage auf die Wähler, dass die es nicht so weit kommen lassen. Inhaltlich ist sie den Sozialdemokraten - siehe Koalitionsvertrag und die Beschlüsse von Meseberg - sowieso weit entgegengekommen.

Natürlich müsste sie mit den Liberalen regieren, wenn es zur Mehrheit reichte. Aber ich bin mir sicher: Ihr innerer Wunsch, weiter mit der SPD zu koalieren, ist durchaus vorhanden. Sie fährt doch mit der bisherigen Moderation der großen Koalition sehr gut. Sehen sie sich nur die Umfragewerte an. Das sind Traumwerte. Zu Helmut Kohls Zeiten lag der Kanzler weit hinter der CDU zurück, jetzt ist Frau Merkel der Partei weit nach oben enteilt.

Mit einer Jamaika-Koalition von Schwarz, Gelb, Grün hat Merkel nichts im Sinn?

Ich glaube, dass die Grünen nur zu einer solchen Koalition bewegt werden können, wenn es in einem Bundesland eine funktionierende schwarz-grüne Regierung gibt, etwa demnächst in Hamburg. Ich glaube aber auch, dass Merkel großes Vergnügen daran hätte, eine Renate Künast oder Jürgen Trittin in einem von ihr geführten Kabinett zu haben, um sie dort zu domestizieren.

Das klingt, als ob Jamaika eine Art Lieblingsbündnis der Kanzlerin wäre.

Ihre Lieblingskonstellation ist unverändert die große Koalition, weil von ihrem Politikverständnis her überzeugt ist, dass damit schwierige Politikfelder am besten zu beackern sind. Die zweitliebste Lösung wäre ihr dann die Jamaika-Koalition. Mit der FDP allein geht sie nur zusammen, wenn es dafür ein klares Votum der Wähler gibt. Denn sie ist davon überzeugt, dass große Reformen am besten im breiten Konsens auf den Weg zu bringen sind.

Wer wird die Bundestagswahl 2009 gewinnen?

Natürlich ist es, wie man spottet, immer schwierig, Prognosen zu machen, vor allem im Blick auf die Zukunft. Aber ich bin überzeugt, dass die Deutschen ungern einen Kanzler nach kurzer Zeit wieder abwählen. Sie wird die Wahl 2009 sicher gewinnen. Selbst Gerhard Schröder hat die Wiederwahl 2002 unter schwierigsten Umständen einmal geschafft. Und dann hat er im Wahlkampf 2005 noch einmal dramatisch aufgeholt.

Merkel ist eine Meisterin im Erhalt ihrer Macht und besitzt ein hoch entwickeltes Gespür für Stimmungen der Wähler. Sie wird zum Beispiel von der SPD massiv für den Empfang des Dalai Lama kritisiert. Doch hat sie sich damit Sympathie in Kreisen der Wähler erworben, die bisher für sie und die CDU nicht erreichbar waren.

Sie haben sich intensiv mit Leben und Aufstieg der Angela Merkel befasst. Wie tickt diese Frau? Diese Frage stellen sich vor allem in der CDU immer noch viele Parteimitglieder.

Ihr Politikverständnis orientiert sich sehr stark an Fragen der Effizienz. Sie will Problemlöserin sein, mit Ideologie hat sie wenig im Sinn. Wie Kohl und Schröder auch besitzt sie zwar den unbedingten Willen zur Macht. Aber vor allem will sie sich durch Spitzenleistungen verwirklichen. Darin findet sie Lebenserfüllung und Selbstbestätigung durch die von anderen anerkannten Leistungen.

Was ist das wichtigste politische Thema dieser Kanzlerin?

Sie will als Klimakanzlerin in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen.

Interview: Hans-Peter Schütz