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Michael Adam: Der CSU-Schreck - 23, schwul, evangelisch

Bei den Kommunalwahlen musste die CSU herbe Verluste hinnehmen, bei der Landtagswahl im Herbst wackelt sogar die absolute Mehrheit. Symbol des Wandels ist SPD-Politiker Michael Adam: Er ist jung, schwul, evangelisch und Deutschlands jüngster Bürgermeister. stern.de hat ihn besucht.

Von Sebastian Christ

Sein Dankeschön an die Wähler klingt so bayerisch wie eine Rede von Franz-Josef Strauß: "Vergelt's Gott", schreibt Michael Adam auf seiner Internetseite, und er meint damit die 56,28 Prozent der Bodenmaiser Wähler, die ihn im März mit ihren Stimmen zum Bürgermeister der Marktgemeinde in Niederbayern gemacht haben. Doch Adam will so gar nicht ins Klischee des politischen Bayerns passen. Das wird mit einem Blick auf seine Biografie klar: Er ist 23 Jahre alt, evangelisch, Sozialdemokrat, und - schwul. Sein Wahlsieg wurde für viele zu einem Symbol der Hoffnung, die auf einen Machtwechsel in Bayern warten.

"Aus vielerlei Hinsicht sollte die CSU Angst vor der Landtagswahl haben", sagt Adam. "Doch es hat mit dieser Wahl in Bodenmais nur sehr wenig zu tun." Die Marktgemeinde liegt im Kreis Regen, nahe der Grenze zu Tschechien. Insgesamt 3300 Einwohner leben hier. Regiert wurde Bodemais seit 1990 vom CSU-Politiker Fritz Wühr. Doch nach 18 Jahren im Rathaus verlor Wühr in der Stichwahl gegen seinen sozialdemokratischen Herausforderer Adam.

Der Überraschungseffekt

Niederbayern wird seit Jahrzehnten von der CSU dominiert. Bodenmais ist da keine Ausnahme. Allerdings ist die Vorherrschaft der Schwarzen in diesem Teil des Regierungsbezirks weniger stark ausgeprägt als anderswo. Selbst in der Kreisstadt Regen kommen die Christsozialen nicht auf eine absolute Mehrheit. Dort halten sie elf von 25 Sitzen im Kommunalparlament, die Bürgermeisterin wird von den Freien Wählern gestellt. Und in Viechtach, der drittgrößten Stadt des Kreises, regiert ein Sozialdemokrat. Die CSU hat also auch auf dem Land - und nicht nur in den großen Städten - inzwischen Schwierigkeiten.

Gleichwohl war es eine Überraschung, die Michael Adam mit seinem Wahlsieg erzielte. Zu unwahrscheinlich schien es, dass ein so junger Kandidat - mit seiner Vita - sich gegen einen etablierten Bürgermeister durchsetzen konnte. Bei aller erdverbundenen Skepsis, die Adam zeigt: Auch er sieht eine Möglichkeit, dass nach 51 Jahren CSU-Regierung so etwas wie Bewegung in die politische Landschaft des Freistaates kommen könnte. "Wenn es andere Parteien und auch deren Funktionäre schaffen, sich gesellschaftlich zu integrieren, und nicht losgelöst zu sein von jeglichem Alltag der Menschen, dann kann es auch für andere Parteien klappen", sagt er.

Vielleicht erleben die Deutschen schon bei den Landtagswahlen im Herbst eine Revolution, die die Gleichung CSU=Bayern aufhebt. Bleibt das Ergebnis unter 50 Prozent, wäre das ein Hinweis darauf, dass die CSU den Anschluss an moderne Lebensstile, wie ihn ein Michael Adam verkörpert, womöglich verliert.