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Milliardenprojekt Stuttgart 21: Die Rebellion frisst ihre Anführer

Zu den Demonstrationen gegen Stuttgart 21 kommen so viele Menschen wie nie zuvor. Doch die Köpfe der Protestwelle streiten mittlerweile auch untereinander - über Macht und Medienauftritte.

Von Heimo Fischer

Sie stehen auf der Wiese, wippen ihre Hüften, klatschen in die Hände. Grüne Ballons tanzen in der Abendsonne, auf der Bühne bringt ein Rapper die Leute in Fahrt. Tausende von ihnen sind nach dem Protestzug gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 in den Schlossgarten gekommen. Dort, wo in den nächsten Jahren 282 Bäume fallen sollen, um Platz zu machen für die Baustelle. Dort, wo vor Kurzem Wasserwerfer auf Demonstranten zielten.

Heute lachen die Menschen hier wieder, die Lust am Protest ist ungebrochen. Bei der Demonstration am Samstag zählte die Polizei 63.000 Teilnehmer, so viele wie nie zuvor. Ein erfolgreicher Tag für die Veranstalter. Matthias von Herrmann, Sprecher der Organisation Parkschützer, ist zufrieden.

Herrmann ist einer der Leute, die der Stuttgarter Protestszene ein Gesicht in den Medien geben. Er mag diese Rolle und spricht vielleicht deshalb hin und wieder mehr aus, als gut ist. Vergangene Woche zum Beispiel stritt er im ZDF-"Heute Journal" mit Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner. Dort sorgte er mit der Aussage für Aufregung, er werde nur mit Ministerpräsident Stefan Mappus verhandeln, wenn dieser vorher zurücktrete. Eine widersinnige Forderung. Entsprechend Ärger gab es im eigenen Lager. Heute verteidigt sich Herrmann: "Ich habe das ironisch gemeint."

Einigen Gefährten wird die Prominenz des studierten Politologen unheimlich. Denn seine Parkschützer sind nur ein Teil des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, dem auch die Grünen, der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und der Verband Pro Bahn angehören. Und diese Allianz hat bereits mehrere Sprecher. Einer von ihnen ist Gangolf Stocker, er gilt als der Urvater des Protests gegen den neuen unterirdischen Bahnhof. Der 66-Jährige attackiert von Herrmann und dessen Co-Sprecher Fritz Mielert nun erstmals in der "Stuttgarter Zeitung": Die beiden hätten kein Mandat, für alle Gegner zu sprechen.

Wird die Protestbewegung auseinanderbrechen? von Herrmann wiegelt ab und keilt zurück. "Ich sehe eher die Gefahr, dass Stocker wegbricht." Dessen öffentlicher Angriff sei im gesamten Aktionsbündnis nicht gut angekommen.

Stocker ist unter anderem deshalb sauer, weil es vergangene Woche uneinheitliche Presserklärungen gegeben hat. Ein Statement von ihm, das abgesprochen war, so Stocker, sei vom Parkschützer Mielert später revidiert worden. Stocker will diesen Konflikt nun austragen, wenn es sein muss öffentlich. "Ich lasse mich nicht in Solidaritätshaft nehmen." Die Parkschützer Mielert und von Herrmann hat er ohnehin gefressen. "Es ist eine Unverschämtheit, was sich die beiden da rausnehmen", sagt er.

Mielert und von Herrmann sind zwei joviale Jungprotestler, rhetorisch gewandt, wenn es ein muss, rotzfrech. Vielleicht sind sie gerade deshalb als Gesprächspartner der Medien beliebter als der kantige Stocker. Mielert diskutierte vergangene Woche bei Maybrit Illner im ZDF mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth und FDP-Generalsekretär Christian Lindner vor einem Millionenpublikum. Er machte seinen Job gut, dennoch fragen sich viele, warum ausgerechnet er für die Protestler spricht.

Auch Vermittler Heiner Geißler sucht darauf eine Antwort. In den nächsten Tagen muss er entscheiden, mit wem er seine Gespräche führt. Stocker sagt, dass Geißler am Dienstag beschließen werde, wer mitreden darf. Der 80-jährige Ex-CDU-Generalsekretär will am Nachmittag mit Vertretern der Gegner sprechen. "Ich informiere mich darüber, was die wollen", sagte Geißler. Er räumt ein, dass die Meinungen darüber unterschiedlich sein können. "Aber das ist Aufgabe eines Schlichters, sich zu bemühen, dass es trotzdem zu einer gemeinsamen Beratung kommt." Geißler soll zwischen Regierung, Bahn und Gegnern vermitteln. Die Gegner wollen aber zunächst einen Baustopp durchsetzen, den sie seit Langem fordern.

Die Proteste gegen den unterirdischen Bahnhof laufen vergleichsweise friedlich. Donnerstag vor einer Woche setzte die Polizei dennoch Wasserwerfer und Pfefferspray ein. Die Landesregierung begründete das damit, dass Pflastersteine aus der Menge geworfen worden wären. Später musste sie einräumen, dass es lediglich Kastanien waren. Eine Vorlage für die Spötter im Schlossgarten. Sie verkaufen nun Kastanien in Pralinentütchen mit der Aufschrift "Original Stuttgarter Pflastersteine".

FTD