HOME

NAZI-VERGLEICH: »Ungeheuerliche Entgleisung«

»Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring«, soll Helmut Kohl im kleinen Kreis über Wolfgang Thierse gesagt haben. Der Altkanzler schweigt zu den Vorwürfen.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat Altbundeskanzler Helmut Kohl eine »ungeheuerliche Entgleisung« vorgeworfen. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« hatte Kohl nach der Bundestagssondersitzung zur Hochwasserkatastrophe letzte Woche im kleinen Kreis über Thierse gesagt: »Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring.«

Ein Sprecher Kohls wollte die Aussage am Montag nicht kommentieren. Der frühere CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler nehme zum Inhalt privater Gespräche nicht Stellung, erklärte er.

»Ich erwarte eine unmittelbare Entschuldigung«

Thierse forderte die politische Verantwortlichen in der Union auf, sich von der Äußerung unverzüglich zu distanzieren. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte: »Ich erwarte eine unmittelbare Entschuldigung.« Die Bundestagsvizepräsidentinnen Anke Fuchs (SPD), Antje Vollmer (Grüne) und Petra Bläss (PDS) appellierten in einer gemeinsamen Erklärung an die Gemeinsamkeit aller Demokraten, dass eine solche »pamphletische Äußerung nicht ignoriert werden darf«.

Sie forderten die Unionsspitze auf, sich von dieser »unglaublichen Attacke auf den zweithöchsten Repräsentanten der Bundesrepublik« zu distanzieren. »Solche Vergleiche sind eines Demokraten unwürdig«, betonte Fuchs. Wenn diese Äußerung tatsächlich gefallen sei, handle es sich um eine Beleidigung des gesamten deutschen Parlaments, hatte SPD-Fraktionschef Ludwig Stiegler bereits am Wochenende erklärt.

FDP-Chef Guido Westerwelle wollte den angeblichen Vergleich von Thierse mit Göring nicht kommentieren. Sollte sich aber die Äußerung bewahrheiten, sei sie nicht akzeptabel, unterstrich er.

Weder Kommentare noch Dementis

Nach dem »Spiegel«-Bericht war die Äußerung Kohls am Donnerstag nach der Sondersitzung des Parlaments zu den Hochwasserhilfen im Bundestagsrestaurant gefallen. Hintergrund sei offenbar, dass Thierse während der Rede von Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber spät gegen rot-grüne Zwischenrufe eingeschritten sei. Die Äußerung sei im Beisein von drei bekannten CDU-Politikern und einem Ex-Minister der FDP gefallen, hieß es in dem Bericht. Auf Anfrage des Nachrichtenmagazins wollten die Anwesenden die Äußerung weder kommentieren noch dementieren oder waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.