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Neonazi-Demo: Rechtsextreme finden Gefallen an Dresden

Der größte Neonazi-Aufmarsch Europas. Knapp 6000 Rechtsextreme demonstrierten in Dresden. Auch knapp 10.000 Nazi-Gegner gingen auf die Straße. Dennoch marschierten die Rechten ungehindert.

Von Tiemo Rink, Dresden

Dresden ist eine seltsame Stadt. Gegenüber der berühmten Semperoper an der Elbe sitzt am Samstag gegen vier Uhr ein graubärtiger Mann und kurbelt an seiner Drehorgel. Es ist zwar bitterkalt, doch Wolldecke und ein dicker Mantel schützen ihn vor den eisigen Temperaturen. So blickt er gutgelaunt unter seiner Baskenmütze hervor - zumal das Geschäft läuft und jede Menge Münzen in seinem Hut landen. Zeitgleich schlagen 100 Meter weiter linke Demonstranten und Polizisten aufeinander ein. Und einen knappen Kilometer weiter marschieren fast 6000 Neonazis durch die Dresdener Innenstadt - eine der größten rechtsextremen Demonstrationen Europas.

Am Jahrestag der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg finden seit Jahren regelmäßig Gedenkveranstaltungen statt. Am 13. und 14. Februar 1945 wurde die Elbstadt bei einem britischen und amerikanischen Bombenangriff schwer beschädigt, weite Teile der Innenstadt zerstört, bis zu 25.000 Menschen kamen ums Leben. Doch der verheerende Angriff dient seit mehreren Jahren auch Rechtsextremisten als Anlass, in Dresden ihre kruden Theorien zu verbreiten. Dabei hantieren die Neonazis mit überhöhten Zahlen von angeblich mehreren hunderttausend Toten und jeder Menge Legenden. Der Angriff auf Dresden? Aus rechtsextremer Sicht schlicht und einfach ein "Bomben-Holocaust". Die Absicht der Rechten: Die Deutschen als die eigentlichen Opfer des Zweiten Weltkriegs umdeuten.

Gegen diese Geschichtsverfälschung rührt sich seit einiger Zeit Widerstand. So ruft das überparteiliche Bündnis "Geh Denken" an diesem Wochenende zum Gegenprotest auf. Dabei verfolgen die Organisatoren vor allem ein Ziel: Die Stadt darf nicht länger den Rechten überlassen werden. Nach Neonazidemonstrationen am Freitagabend und am Samstag tauchen jedoch Zweifel auf, ob dieses Ziel wirklich erreicht wurde.

Erschreckende Gleichgültigkeit

Samstagnachmittag, 15 Uhr. In der Innenstadt herrscht reges Treiben. An der Altmarktgalerie unweit der historischen und komplett restaurierten Altstadt staut sich plötzlich der Verkehr. Denn die Hauptstraße ist verstopft. Von Rechtsextremen. Vom biederen Reaktionär mit Mantel und Hut über braune Kleinfamilien mit Kindern bis zu schwarz gekleideten Schlägertypen laufen Vertreter aller rechtsextremen Strömungen gemeinsam durch Dresden. Und ihre Demonstration, an der sich auch prominente Kader wie NPD-Chef Udo Voigt und der sächsische Fraktionschef Holger Apfel beteiligen, führt mitten durch die Innenstadt. Nun stehen sie dort, in einzelnen voneinander getrennten Blöcken und legen provozierend lange Pausen ein. Ihre Botschaft scheint deutlich: "Wir gehen, wann wir wollen." Und jetzt wollen sie nicht.

In der Bevölkerung treffen die rechtsextremen Aufmärsche dabei durchaus auf Zustimmung. "Wenn das erlaubt ist geht das schon in Ordnung", sagt ein Mann um die Fünfzig mit Blick auf die Neonazis. Seine Begleiterin wird grundsätzlicher: "Ich finde das gut, dass die hier demonstrieren."

Eine Handvoll Gegendemonstranten hat es bis an die Demoroute der Rechten geschafft. "Nazis raus", rufen sie - kritisch beäugt von der Polizei. Nach einigen Sprechchören geben sie auf. Bis auf die aus einem Lautsprecherwagen quäkende Posaunenmusik ist es nun still. Erschreckend still. Bald löst sich der Stau auf, die Passanten schlendern auf ihrem Einkaufsbummel durch die Reihen der Neonazis. Als seien rechtsextreme Massendemonstrationen das Normalste der Welt.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, was am Freitagabend auf einem rechtsextremen Fackelmarsch durch die Stadt passierte und warum die Neonazis den Polizisten dankbar sind.

Opfer trifft Täter

Annetta Kahane von der Antonio-Amadeu-Stiftung ist eine Mitinitiatorin der Anti-Nazi-Proteste. Nicht nur für sie ist völlig unverständlich, dass die Stadtverwaltung die rechten Aufmärsche nicht verbietet. So kam es bereits am Freitagmorgen zu einer unschönen Begegnung bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Dresdener Heidefriedhof. Ein Vertreter vom Zentralrat der Juden traf plötzlich auf die geschlossen angerückte NPD-Fraktion aus dem sächsischen Landtag. Wie also sich klar abgrenzen von den Rechten und ihren Verdrehungen der Geschichte? Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz fand zumindest am Freitagmorgen deutliche Worte. "Die Nazis besudeln das Andenken an die Toten", so die CDU-Politikerin, die am Samstagmorgen eine Gedenktafel auf einem zentralen Platz in der Altstadt enthüllte.

Im Vorfeld der Demonstrationen wurde indes Kritik laut am Kurs der Bürgermeisterin. Zwischen dem überparteilichen "Geh Denken"-Bündnis und Orosz knirschte es mächtig im Gebälk. Erst nach längerem Zögern konnte sich Orosz durchringen, die Gegendemonstrationen offiziell zu unterstützen. Das Bündnis - das neben Alt-Präsident Richard von Weizsäcker, Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden auch von Gregor Gysi unterstützt wird - sei zu sehr auf Spektakel ausgerichtet und widerspreche dem von der Union gewünschten stillen Gedenken. Man dürfe sich "von der Instrumentalisierung durch die Nazis seinerseits nicht eine immer stärkere Politisierung des Gedenkens aufzwingen lassen", sagte CDU-Kreischef Lars Rohwer der Welt.

1000 Rechte bei Fackelmarsch

So bleibt der Protest wie bei der Abschlusskundgebung mit prominenter Beteiligung wie SPD-Vorsitzender Franz Müntefering oder DGB-Chef Michael Sommer entweder weit entfernt von den Neonazis. Oder aber er versandet unbemerkt, da kaum ein Gegendemonstrant es schafft, die strengen Kontrollen der Polizei zu umgehen.

Dabei verblüfft schon am Freitagabend, wie milde sich Polizei und Ordnungsämter gegenüber den Neonazis verhalten. Bei einem Fackelmarsch marschieren rund 1000 Rechtsextreme ein erstes Mal durch die Innenstadt. Angeführt wird die Demonstration von zwei jungen Frauen, die einen Trauerkranz tragen. Vom Gesicht der einen Frau sind unter einem über die Nase gezogenen Schal nur noch die Augen zu erkennen. Ob die Rechtsextremistin sich so nicht strafbar mache, wird ein Polizist gefragt. Schließlich seien Vermummungen bei Demonstrationen verboten. "Sie bewegt sich in einer Grauzone", lautet die Antwort des Beamten. "In einer sehr grauen Grauzone."

Einen Grund einzuschreiten sieht der Beamte jedoch nicht. Das sei "die Entscheidung des Einsatzleiters" - und der drückt beide Augen ganz fest zu. So bekommt das schöne Bild einer Stadt voller Zivilcourage einige hässliche Kratzer.

Die Neonazis hingegen sind begeistert. Man müsse "auch den Polizeibeamten einen Dank aussprechen", die angeblich auf "Provokationen" verzichtet hätten, jubelt man auf rechten Internetseiten.

So kommen die Rechten auf ihre Kosten. Wer aber auf seine Kosten kommt, kommt gerne wieder. Im nächsten Jahr.