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Neue Landwirtschaftsministerin: Weiblich, ledig, ehrgeizig - Ilse Aigner

Ilse wer? Ilse Aigner, CSU. Die 43-Jährige wird Horst Seehofer im Amt des Landwirtschafts- und Verbraucherministers nachfolgen. Warum die Wahl auf die Oberbayerin fiel, die sich bislang vor allem in der Bildungspolitik profiliert hat, ist klar: Die CSU will mit einer Frau bei den Frauen punkten. Ein stern.de-Porträt.

Sie mag Gulasch. Am liebsten mit viel, viel Zwiebeln. Und zum Nachtisch selbstgebackene Mandarinen-Käsesahnetorte. Ilse Aigner, 43, steht auf Kraftnahrung, und das lässt sich erklären. In ihrer Freizeit geht die Oberbayerin Schwimmen, Langlaufen oder Rollerbladen. Und beruflich fightet sie seit ihrem 19. Lebensjahr für ihren Platz in der männerdominierten CSU. Beides kostet Kraft, aber nun hat sie es tatsächlich aufs Treppchen geschafft: Aigner wird auf Vorschlag des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer dessen Berliner Ministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz übernehmen. Das ist karrieremäßig ein Quantensprung für Aigner - und eine Konsequenz aus dem Wahldebakel der CSU in Bayern.

Fachlich wäre Gerd Müller, CSU, Staatsekretär im Landwirtschaftsministerium, am besten geeignet gewesen, auf den Ministerposten vorzurücken. Deswegen galt er in den vergangenen Wochen als heißer Kandidat. Doch Müller musste sich Aigner, der "Miss Bundestag 2001", aus einem einfachen Grund geschlagen geben: Aigner ist eine Frau - und das ist in der CSU derzeit ein sicheres Karriereticket. Die Analyse der Wahlergebnisse in der Münchner Parteizentrale hatte ergeben, dass sich vor allem die Gruppe der 25 bis 45-jährigen Frauen nicht mehr mit dem Altherrenverein der Christsozialen identifizieren kann. Auf diese "Marktlücke" hat Horst Seehofer mit seinen Personalentscheidungen reagiert. Die CSU soll jünger und weiblicher werden - Vorteil Aigner.

Der Mehdorn-Geröllheimer-Vergleich

Dass sie grundsätzlich für höhere Aufgaben in Frage kommt, war der CSU schon lange klar. 2007 wollte die Landesgruppe im Bundestag Aigner als CSU-Generalsekretärin installieren, den Job bekam Christine Haderthauer, eine Fehlbesetzung, wie sich herausstellen sollte. Also blieb Aigner in Berlin, sie vertritt dort die wohlhabenden bayerischen Landkreise Starnberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Bildungspolitik, sie ist bildungs- und forschungspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Mit Landwirtschaft und Verbraucherschutz hatte sie bislang nur in zweiter Linie zu tun - sie ist Berichterstatterin für diese Themen im Haushaltsausschuss. Mit provokanten Vorschlägen zu ihren Fachgebieten ist Aigner, die immerhin seit zehn Jahren im Bundestag sitzt, bisher nicht aufgefallen. Dass sie "Schnauze" hat, spricht ihr gleichwohl niemand ab.

So gab sie im vergangenen Jahr nach einer Sitzung des Haushaltsausschuss, auf der Bahnchef Hartmut Mehdorn aufgetreten war, zu Protokoll, Mehrdorn sei ein "g'standenes Mannsbild", erinnere sie aber auch an Barney Geröllheimer, den Kumpel der Zeichentrickfigur Fred Feuerstein. Der nicht eben schmeichelhafte Vergleich fand sofort viele Fans. Unter Bundestagsabgeordneten sei der Spitzname "Barney Mehdorn" seitdem geläufig, berichtete der "Spiegel".

Für mehr Frauenpower

Es fiel auch auf, dass Aigner immer mal wieder kritische Bemerkungen über den Status von Frauen in der Politik machte. 2002 mokierte sie sich darüber, dass in Stoibers Wahlkampfteam praktisch keine Frauen vorkämen. Jeder Schritt, den Frauen in der CSU nach vorne gehen würden, sei hart erkämpft, sagte sie, der Anteil von Frauen in der Politik sei generell verbesserungswürdig. 2002 outete sich Aigner in einem "Neue Revue"-Interview als Fan von Monika Hohlmeier, der Tochter des CSU-Säulenheiligen Franz Josef Strauß. Hohlmeier war damals der weibliche Star der CSU. Nach zahlreichen Affären musste sie drei Jahre später zurücktreten, bei der Wahl im September schaffte es Hohlmeier nicht einmal mehr in den Landtag.

Solche Einbrüche hat Aigner bisher nicht erleben müssen - CSU-Insider nennen sie in Hintergrundgesprächen die "Tüchtige", die "Fleißige", und kritisieren allenfalls, dass sie beim erzwungenen Abgang von Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber zu lange an seiner Seite gestanden habe. Doch diese Zögerlichkeit mag der Stammeslogik gefolgt sein: Aigner ist Oberbayerin, Stoiber ist Oberbayer - und er wohnt auch noch in ihrem Wahlkreis. Kriegsentscheidend war für sie letztlich auch nicht, dass sie das Wohlwollen von Stoibers Nachfolgern Günther Beckstein und Erwin Huber erwirbt. Sondern dass sie weiterhin in der Gunst von Stoibers Nach-Nachfolger Horst Seehofer bleibt.

Seehofers Baustellen

Zufall oder Strategie: Bislang hat sich Aigner in der CSU gut geschlagen. Vielleicht hat ihr dabei geholfen, dass sie seit Kindheitstagen auf Selbstbehauptung trainiert wurde. Auf ihrer Homepage heißt es, sie habe als jüngste von vier Töchtern das Motto "Ich beiß mich durch!" verinnerlicht. In der Familie hätten nicht nur Kameradschaft sondern auch Kampfgeist gezählt. In die gleiche Richtung deutet ein Spruch, den Aigner unter ein Foto setzen ließ, dass sie als junge Frau beim Instandsetzen einer Antenne zeigt. "Während ihrer Ausbildung zur Radio- und Fernsehtechnikerin musste sie oft so manchem aufs Dach steigen. Das hat sich bis heute nicht geändert", heißt es da. Dass sie, der Familientradition folgend, überhaupt eine technische Ausbildung machte und später sogar an der Entwicklung von Hubschraubern mitarbeitete, werten ihre Anhänger als Ausweis von Charakterstärke. Hätte sie jetzt noch - ganz CSU-like - geheiratet und ein oder zwei Kinder bekommen, wäre sie eine perfekte bayerische Vorzeigefrau. Doch Aigner hat nie geheiratet. Sie hat Karriere gemacht. Von der Jungen Union (da war sie 19) bis ins Amt der Landwirtschafts- und Verbraucherministerin (da ist sie 43).

Nun muss sie in der knappen Zeitspanne bis zur Bundestagswahl im September 2009 beweisen, dass sie mehr ist als eine Übergangskandidatin. Vielleicht hat sie selbst noch keine klare Vorstellung, welche politischen Projekte sie anpacken soll. Ihre politischen Gegner wissen zumindest, was sie nicht anpacken sollte. "Die EU bereitet gerade mit der Reform der Zulassungspraxis den Durchmarsch für die Gentechnik vor. Ich befürchte, dass sie dabei tatkräftig von der neuen Ministerin unterstützt wird", sagt Landwirtschaftsexpertin Bärbel Höhn von den Grünen zu stern.de. Aigner sei bedauerlicherweise eine klare "Verfechterin der Gentechnik auf dem Acker." Neben diesem Problem müsse sich Aigner um die Neuordnung der Agrarsubventionen und den Anlegerschutzes bei Finanzgeschäften kümmern. Zu tun gäbe es für Aigner reichlich, meint Höhn. "Seehofer hinterlässt viele Baustellen."

Lutz Kinkel, Mandy Schünemann, Hans Peter Schütz