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Neue stellvertretende SPD-Vorsitzende Aydan Özoguz - Gabriels Antwort auf Sarrazin


Jung, weiblich, muslimisch: Aydan Özoguz ist wie dafür geschaffen, die eingerissenen Brücken zwischen SPD und Migranten wiederaufzubauen. Wer ist die Frau?

Das Wort "Quotentürkin" kann Aydan Özoguz nicht mehr hören. Gleichwohl weiß sie, dass es so falsch nicht ist. Denn hätte sie keinen "Migrationshintergrund", wie es neudeutsch heißt, wäre ihre Parteikarriere womöglich nicht so steil verlaufen. Nun hat Aydan Özoguz, 44, politisch einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Die Delegierten des SPD-Parteitags in Berlin wählten sie an diesem Montag zur stellvertretenden Parteichefin. Und zwar mit 86,8 Prozent, einem hoch respektablen Ergebnis, das sogar noch besser ist als das ihres Entdeckers Olaf Scholz (84,9 Prozent).

Scholz, mittlerweile Hamburgs Erster Bürgermeister, sprach Özoguz 2001 an, ob sie nicht für den SPD-Landesverband kandidieren wolle. Damals arbeitete sie noch für als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Körber-Stiftung, Scholz sah in ihr eine "kluge und politisch gut informierte Frau". Özoguz blieb vielleicht exakt deshalb vorsichtig: Sie zog zunächst als Parteilose in die Bürgerschaft ein, erst 2004 trat sie der SPD bei.

Frau der leisen Töne

Eine Frau der lauten Auseinandersetzungen ist Özoguz nicht. "Das war immer eine sehr sachliche, sympathische Frau, mit der man auch über inhaltlich strittige Themen immer noch ruhig reden konnte", erinnert sich Ronald Heintze, stellvertretender Fraktionschef der Hamburger CDU, im Deutschlandradio. Mit dieser Art hat sich Özoguz in der Politik viele Freunde gemacht - und genau das könnte eines ihrer Probleme werden. Wer in der Berliner Republik wahr- und ernstgenommen werden will, muss gelegentlich auch polemisch zuspitzen. Heinz Buschkowsky, der Neuköllner Bürgermeister, kann das, deswegen sitzt er in allen Talkshows, die sich mit dem Thema Integration beschäftigen. Özoguz, die 2009 in den Bundestag wechselte und integrationspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion wurde, ist hingegen nur Insidern ein Begriff.

Geboren wurde Özoguz 1967 in Hamburg, ihre Eltern waren aus Instanbul zugezogen, der Vater importierte auf dem Seeweg Haselnüsse. Die Tochter machte ihr Abitur, danach einen Magister in Anglistik. Auch ihre beiden Brüder studierten, schlugen aber einen anderen Weg sein: Sie betreiben seit 1999 die vom Verfassungschutz beobachtete Seite "Muslim-Markt", der antiisraelische und proiranische Propaganda vorgeworfen wird. Özoguz sagt dazu: "Es sind meine Brüder, ich werde sie nie verleugnen. Ich möchte aber nach dem beurteilt werden, was ich sage und tue. Sippenhaft gibt es in Deutschland nicht."

Multikulti zuhause

Özoguz bekennt sich zwar zum muslimischen Glauben, ist aber mit einem katholischen Reserveoffizier verheiraet - dem aktuellen Hamburger Innensenator Michael Neumann, SPD. Und obwohl Özoguz den Begriff "Multikulti" ablehnt, praktiziert sie mit ihrer Familie genau das: Ramadan wird ebenso gefeiert wie Weihnachten, die mittlerweile achtjährige Tochter des Paares trägt einen deutschen und einen türkischen Vornamen. Über die politischen Debatten zuhause sagt Neumann: "Meine Frau und ich bilden das gesamte Spektrum der Sozialdemokratie ab. Aber das schadet ja nicht."

Für SPD-Parteichef Sigmar Gabriel ist Özoguz ein Glücksfall. Als Reaktion auf die Debatte um die kruden Thesen Thilo Sarrazins hatte Gabriel angekündigt, 15 Prozent der Plätze in den Bundesgremien der Partei mit Menschen mit Migrationshintergrund besetzen zu wollen. In der SPD sind erfahrene Genossen, die dieses Kriterium erfüllen, jedoch eine Seltenheit. Özoguz musste deshalb auch gar nicht um den Posten der stellvertretenden Parteichefin kämpfen - eigens für sie wurde die Zahl der Vizes von vier auf fünf erhöht, einen Gegenkandidaten gab es nicht. Das ist, zweifellos: eine Quote.

Focus auf die Bildung

Özoguz mag nicht nur den Begriff "Multikulti" nicht, auch das Wort "Integration" stört sie, weil kaum jemand wisse, was damit genau gemeint sei. Özoguz, die sich auf ihrer Homepage als "Hamburger Deern" bezeichnet, will weg von den ethnischen und religösen Zuschreibungen und hin zu einer sozialen Interpretation. "Die größten Probleme gibt es, wo Menschen keine Ausbildung haben und nicht fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden können", sagt sie.

Auf diesem Feld will sie sich künftig stärker engagieren - für Jugendliche ohne Bildungsabschluss, für einen bundesweiten Vergleich, welche Art von Förderungen ihnen am besten hilft und welche nicht. Ein bisschen lauter sollte sie allerdings auch werden, denn ein Parteivize, der nicht auffällt, nützt wenig - egal ob er in der SPD ist oder anderswo.

lk/DPA/AFP DPA

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