HOME

Neue Stuttgart-21-Proteste: "Bleibt aufrecht!"

Pünktlich vor der Landtagswahl protestieren die Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 wieder. Auch Schauspieler Walter Sittler, Erfinder des "Schwabenstreichs". stern.de hat ihn begleitet.

Von Sebastian Kemnitzer

Derzeit bekommt er zweimal am Tag donnernden Applaus. Für zwei völlig unterschiedliche Auftritte. Das ist selbst für einen alten Schauspielrecken ungewöhnlich. Aber Walter Sittler, 58, bekannt aus der TV-Serie "Nikola", schafft es. Tagsüber Anti-S21-Demo, Ansprache und Trillerpfeife. Abends Theater in München, große Bühne und Sektglas.

Sittler ist inzwischen das Gesicht des Widerstands gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Einer der letzten Trümpfe, die den Gegnern nach der Schlichtung durch Heiner Geißler verblieben sind. Die Proteste, im Winter abgeflaut, nehmen jetzt wieder Fahrt auf: Am Wochenende waren Menschen in ganz Baden-Württemberg auf der Straße. Sie fiebern auf das große Finale hin: Bei der Landtagswahl am 27. März wollen die S21-Gegner die heimische CDU nach mehr als fünf Jahrzehnten Regentschaft in die Opposition schicken. In den Umfragen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab, mal liegen Schwarz-Gelb und Rot-Grün bei jeweils 46 Prozent, mal bei jeweils 45.

Die Markenzeichen: Cordhose, Hut

Er interessiere sich für das Phänomen Macht, sagt Walter Sittler zu stern.de, er sei ein politischer Mensch. Zwei Mal ließ er sich von der SPD als Wahlmann bei der Kür des Bundespräsidenten aufstellen. Zwei Mal gewannen die Kandidaten von CDU und FDP. Warum geht Sittler nicht selbst in die Politik? Der Schauspieler ist in der Lage, komplizierte Sachverhalte einfach zu formulieren. Und er hat sich optisch zur Marke gemacht. Graue Schläfen, Cordhose, Hut, in Baden-Württemberg weiß jeder, wer das ist. Aber Sittler winkt ab. Ihn interessiere die Macht, aber er wolle sie persönlich nicht.

Fakt ist: Er hat sie schon. Um 14.43 Uhr erklimmt Sittler am Samstagnachmittag die Bühne auf dem Marktplatz in Göppingen. Ein Ort, 40 Kilometer östlich von Stuttgart, dessen Bewohner fürchten, durch S21 im verkehrspolitischen Abseits zu landen. Die Bahn soll künftig an Göppingen vorbei fahren, stattdessen soll eine S-Bahn her. Kaum einer glaubt daran, dass das Göppingen Vorteile bringen würde, eher im Gegenteil. "Wir werden S 21 noch zu verhindern wissen", ruft Sittler den 300 Demonstranten zu. Applaus. "Alle Gewalt muss von uns, den Bürgern ausgehen." Wieder Applaus. "Bleibt aufrecht, bleibt friedlich und habt einfach Rückgrat." Punkt 15 Uhr folgt der Schwabenstreich.

Eine Minute Lärm

Sittler ist ein bisschen stolz darauf. Schließlich hat er den Schwabenstreich selbst erfunden. Das Prinzip ist simpel: eine Minute Lärm, Radau, zumeist mit Tröten oder Trillerpfeifen. Sittler zählt den Countdown runter, pfeift anschließend wie ein Beserker in seine Trillerpfeife. Nach einer Minute eine grazile Handbewegung - das war's. Mission erfüllt, in Göppingen wird der Widerstand weitergehen.

Die Befürworter von S21, vor allem Anhänger der Union und der FDP, haben es mit Sittler nicht leicht. Er ist höflich, stilsicher, interessiert. Kein Typ, der zum Feindbild taugt. Vor dem Schwabenstreich ist er durch die Göppinger Altstadt zum Marktplatz gelaufen. Plötzlich wird er von einem jungen CDU-Mann angesprochen, der ein paar Meter weiter entfernt einen Wahlkampfstand betreut. Sittler stoppt, plauscht und packt einen Stapel CDU-Informationsmaterial ein. "Schaue mir alles an", sagt er dem verdutzten CDU-Vertreter. Der weiß natürlich, dass Sittler nicht direkt für die SPD trommelt. Wohl aber für einen Regierungswechsel. Denn S21 lässt sich nur stoppen, wenn die Union nicht den Ministerpräsidenten stellt.

Boxsack und Hochzeit

Bayerischer Hof, auf dem Spielplan die Beziehungskomödie Gut gegen Nordwind. Sittler spielt einen Single, der sich durch zufälligen E-Mail-Kontakt einer Frau nähert. Auf der Bühne hängt ein schwarz-roter Boxsack, auf den der herzschmerzige Sittler einmal während der Vorführung eindreschen muss. Das ist der Moment, in dem Sittler an diesem Tag nicht authentisch wirkt. Er ist kein Haudrauf. Sondern ein ziemlich sortierter Bürgersmann. Verheiratet, drei erwachsene Kinder.

"Stuttgart 21 hat mich verändert, das ist gut für meine Arbeit", sagt er nach der Vorstellung. Ein Beispiel? Er habe jetzt mehr Lust, sich einzumischen, sagt Sittler. Und er habe eine neue Gemeinschaft gefunden. "Ende Mai bin ich auf einer Hochzeit von Leuten eingeladen, die sich auf Demos gegen Stuttgart 21 kennengelernt haben." Das bleibt. Egal wie die Landtagswahlen ausgehen.