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NPD-Demo in Berlin: Viel Lärm um zwei Tempel

In Berlin-Neukölln zieht die NPD einen halben Tag lang aus Protest gegen zwei geplante Hindu-Tempel durch die Straßen. Der Zusammenstoß mit den hunderten Gegendemonstranten bleibt aus, der Auftritt des NPD-Vorsitzenden Udo Voigt blass. Und auf dem Tempel-Grundstück haben die Inder ihre Ruhe.

Von Kristina Pezzei, Berlin

Am eigentlichen Zankapfel war von der ganzen Aufregung am Samstag nichts zu spüren. Vor der mit Mauern abgeschirmten Baustelle des Hindu-Tempels für den Verein "Berlin Hindu Mahsabhai" in Berlin-Neukölln lungerte eine Handvoll Polizisten, auf dem Grundstück selbst standen ein paar Inder und tranken Mangosaft. "Wir demonstrieren nicht", sagte Nadarajah Thiagarajah, Sprecher des Vereins. "Wir bleiben auf unserem Hof."

So bekam die Gemeinde an der Riesestraße, die mit ihrem Bauprojekt die NPD auf den Plan gerufen hat, kaum etwas mit von den Demonstrationen und Gegenzügen, die ein paar Straßen weiter im Neuköllner Süden Hundertschaften der Polizei beschäftigten und die Anwohner des Wohnviertels unterhielten. Etwa 150 NPD-Anhänger hatten zum Kampf gegen den "Multikulti-Terror" aufgerufen und zum Protest gegen den geplanten Tempel an der Riesestraße sowie einen weiteren im Volkspark Hasenheide. Ausgerechnet in dem Berliner Problembezirk, in dem auf kleinem Raum Menschen aus 160 Nationen zusammenleben, wollten die Nationalisten einen halben Tag lang durch die Straßen marschieren.

Die Gegendemonstranten ließen nicht lange auf sich warten. Schon am Vormittag, lange bevor die NPD-Klientel anreiste, zog der erste Antifa-Zug durch die Straßen. Bis zum NPD-Treffpunkt drangen sie nicht vor, die Polizei stoppte den Zug eineinhalb Kilometer zuvor. Gegen Mittag formierte sich eine zweite Demonstration, zu der die Linken und weitere Antifaschisten aufgerufen hatten; hier waren auch Fahnen der Grünen und von Verdi zu sehen, Eltern mit Kinderwägen liefen neben älteren Bewohnern, ganze Familien waren dabei. Die mehreren hundert Gegendemonstranten - angekündigt waren 2000 - teilten sich am Startpunkt den U-Bahnhof Blaschkoallee mit der NPD. Eine Gruppe bekam den Nordausgang, eine den Südausgang, los ging es in unterschiedlichen Richtungen.

Kopfschütteln bei Anwohnern

Beim Marsch der NPD durch die beschauliche Hufeisensiedlung standen die Anwohner am Rand und schüttelten die Köpfe. "Verstehe ich gar nicht", sagte ein Familienvater. "Was wollen die denn hier in unserer Wohngegend?" Die Siedlung an der Grenze zu Britz ist wegen ihrer einzigartigen Architektur und der zu ihrer Zeit revolutionären Anlage unlängst zum Unesco-Welterbe gekürt worden. "Hindu-Tempel, die gibt's doch hier gar nicht", sagte eine weitere Passantin. Spontan sammelten sich junge Antifaschisten und Schaulustige zu "Nazis raus"-Sprechchören, stets abgeschirmt durch die Einsatzkräfte.

Gut zwei Stunden später trafen die gegnerischen Gruppen im Britzer Süden fast aufeinander. Für das "Antifaschistische Bündnis Neukölln" und die Linken im Bezirk war an einem Absperrungsgatter und der Polizistenriege auf Höhe eines abgewirtschafteten Supermarkts Schluss, die NPDler mussten sich 150 Meter Luftlinie entfernt halten. Die Gäste der Bierschänke am Platz machten es sich in ihren Plastikstühlen gemütlich und folgten der Vorstellung. Verstanden dürften sie allerdings nicht viel haben: Von Westen schallte es ohne Unterlass "Nazis raus", von der Ostseite gaben nationalistische Bezirkspolitiker ihre Schlachtrufe zum Besten.

Mäßiger Applaus für Voigt

Schließlich durfte auch Udo Voigt ran, von dem niemand so recht weiß, wie lange er noch als NPD-Vorsitzender sprechen kann. Anwärter auf seinen Posten gibt es genügend, zudem steht einer seiner Schützlinge bald in Münster vor Gericht. Der ehemalige Schatzmeister Erwin Kemna soll 800.000 Euro unterschlagen haben - wird er verurteilt, könnte auch Voigts Stuhl wackeln.

Voigts Auftritt war demnach mit Spannung erwartet und für den Abschluss der Demonstration angekündigt worden. Nun verlor sich der kleingewachsene, grauhaarige Mann mit dem Schnauzer bereits zwischendurch in gängigen Parolen. Voigt warnte wie üblich vor Überfremdung, wünschte Mitbürgern nicht-deutschen Stammbaums eine gute Heimreise und wiederholte im großen und ganzen, was sein Berliner Landesvorsitzender Jörg Hähnel zuvor proklamiert hatte. Mäßiger Applaus. Ein souveräner Auftritt sieht anders aus.

In Neukölln liegen zwei Baugenehmigungen für Tempel vor. Eine für ein Gebetshaus des Hindu-Vereins Sri Ganesha Hindu Tempel Berlin im Volkspark Hasenheide in Neukölln; das Gebäude soll mit rund 1000 Quadratmetern Fläche nach dem Hindutempel im westfälischen Hamm das zweitgrößte seiner Art in Deutschland werden. Eine weitere Genehmigung gibt es für den Bau der südindischen Gemeinde an der Riesestraße. Bislang treffen sich die Südinder in einer Wohnung in der Urbanstraße, der Platz aber wird für die Gläubigen zu knapp.

Wann konkret gebaut wird, ist noch unklar. Den Vereinen fehlt Geld. In der Hasenheide dient derweil ein Container als Ersatz. "In den nächsten Jahren sind gar keine weiteren Tempel mehr geplant", sagte Thiagarajah von der Riesestraße-Gemeinde. Die NPD-Demonstration entbehre schon deswegen jeder Grundlage - von einer Überhandnahme könne gar keine Rede sein.

Antifa-Gruppen durchbrachen Polizei-Reihen

Macht nichts, die NPD skandierte trotzdem weiter ihre Parolen auf dem Weg durch Neukölln. Immer häufiger gelang es Antifa-Gruppen, die Reihen der Polizei zu durchbrechen und die Taktik der Einsatzkräfte zu stören. "Ohne den Verfassungsschutz wärt ihr doch nur zehn", grölten die teils vermummten jungen Menschen in Anspielung auf das misslungene NPD-Verbotsverfahren, und immer wieder "Nazis raus". Die Rangeleien wurden aggressiver, die Stimmung heizte sich auf. Bevor sie eskalierte, war der Zug angekommen am Ausgangspunkt. Bilanz des Tages: Ein ausgebrannter Golf, auf dem ein Thor-Steinar-Bild klebte, eine angezündete Papiertonne, sechs Festnahmen linker Demonstranten und die Verhaftung eines gesuchten Rechten.

An der Riesestraße lag das von Unkraut überwucherte Baugelände um diese Zeit längst verlassen da. Am Nachmittag hatte Gemeindesprecher Thiagarajah den Zen-Früchtekorb eingepackt, den CDU-Bezirkspolitiker am Mittag vorbei gebracht hatten (mit garantiert nicht gärenden Säften - kein Alkohol). Er sammelte Plastikbecher und Müll ein und verstaute die Baupläne im kleinen Container am Eingang. Dann schloss Thiagarajah das Tor im Zaun und ging nach Hause. Er hofft, dass es noch in diesem Jahr losgeht mit dem Tempelbau.