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NSU-Prozess: Das Grauen der Morde erreicht den Gerichtssaal

Im NSU-Prozess geht es am 14. Verhandlungstag um die Morde der Rechtsterroristen. Im Gerichtssaal werden die blutigen Fotos eines Opfers gezeigt. Beate Zschäpe vergeht das Lachen.

Von Lena Kampf

Das Bild zeigt einen schmalen Flur mit einer engen Tür, rechts davon steht ein beiger Teppich zusammengerollt an der Wand. Die Tür führt direkt ins Wohnzimmer. Direkt ins Leben des Nürnbergers Abdurrahim Özüdoğru, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft am 13.6.2001 in seiner Änderungsschneiderei von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen wurde. Er war das zweite Todesopfer des Nationalsozialistischen Untergrunds.

Es sind Tatortfotos, die an diesem 14. Verhandlungstag im NSU-Prozess zum ersten Mal an die Wände projiziert werden. Riesig erscheinen sie links über den Anklagten, rechts über der Bundesanwaltschaft. Sie zeigen Möbelstücke, Autoreifen, eine Leiter, Kleiderhaufen, Nähmaschinen, ein Bügeleisen. Auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Tischdeckchen, gelbe Blümchentapete, eine Topfpflanze auf der Wandkonsole, überall Zeitungsstapel der deutschen "Hürriyet“.

Eine "gewachsene Unordnung"

Das "sogenannte Wohnzimmer“, nennt es der pensionierte Polizist Norbert H. Er steht vorne am Richtertisch, hat den Arm locker aufgelegt und blättert die Lichtbildmappe mit den Tatortfotos durch. Als er vor "12 Jahren und 11 Tagen“, so genau weiß er es, in Özüdoğru Nähstübchen für die Tatrekonstruktion verantwortlich war, sei ihm vor allem die "gewachsene Unordnung" aufgefallen. Er wiederholt dies wenig sensibel mehrmals, dann sagt er auch noch, Özüdoğru hatte sich eine "Freundin zugelegt". Das scheinbar unordentliche Leben des Ermordeten, das Norbert H. am Tatort vorfand, scheint ihn mehr zu irritieren, als die Leiche, die da auch noch lag: In einer Blutlache, gegen eine Holztür gelehnt, mit ausgestreckten Beinen, der Kopf ist nach rechts gefallen.

Der Zeuge H. erläutert beflissen und zeigt dazu die Fotos: Ein Schuss traf das Opfer direkt von vorne unterhalb der Nase. Das Projektil trat am Hinterkopf wieder aus. Ein zweiter Schuss wurde an der rechten Schläfe von Özüdoğru angesetzt, das Projektil blieb stecken. H. spricht von "tastbaren Fremdkörpern" und "Bluttropfspuren".

"Wir spielen jetzt mal das Paulchen-Panther-Video ab"

Ganz hinten, unter der Pressetribüne neben ihrem Anwalt sitzt die Tochter der Ermordeten, Tülin Ö. Sie ist eine schmale Frau, die sehr ernst schaut. Sie ist als einzige Nebenklägerin an diesem Tag im Münchner Gerichtssaal. Da blickt ihr Vater plötzlich von einem Passfoto von der Wand hinab. Er schaut klar in die Kamera, lächelt ein ruhiges Lächeln. Die Obduktionsbilder wolle er zunächst zurückstellen, sagt Richter Götzl am Ende der Befragung des Zeugen H. Tülin Ö. kommt trotzdem nach der Mittagspause nicht mehr wieder.

Ihr Vater jedoch erscheint am Nachmittag noch einmal auf den Leinwänden. Während das Gericht auf einen anderen Zeugen wartet, sagt Götzl unvermittelt: "Wir nutzen jetzt mal die Zeit“ Plötzlich dröhnt ein Gitarrenriff aus den Lautsprechern. Zwischen zwei Zeugenvernehmungen werden die NSU-Bekennervideos an die Wand geworfen. Es ist das wichtigste Beweismittel, der Richter Götzl lässt es in einer Verhandlungspause einblenden: "Wir spielen jetzt mal das Paulchen-Panther-Video ab.“ Unterlegt mit dem Rechtsrock der Neonazi-Band "Noie Werte“ ziehen rote Großbuchstaben an dem Logo des NSU vorbei. Der blutverschmierte Abdurrahim Özüdoğru wird eingeblendet, die Täter haben dieses Foto selbst geschossen. "Özüdoğru weiß jetzt, wie ernst es uns um den Erhalt der deutschen Rasse ist“, heißt es da, während der Sänger "Kraft für Deutschland“ grölt. Auch von ihrem ersten Mord in Nürnberg haben die Täter ein eigenes Foto eingebaut in den Film. Original blinkt darunter. Und auf den Aufnahmen einer nachgestellten Szene aus dem ZDF: Fälschung. Stolz präsentieren sie ihre Beute. Auf anderen eigenen Bildern von Toten wird Applaus abgespielt, wie man es aus ameikanischen Serien kennt.

"Ein ganz lieber Mann und Nachbar“

Schon in dieser Vorgängerversion kündigt der NSU an: "Heute ist nicht aller Tage, wir kommen wieder, keine Frage.“ Es ist Paulchen Panthers Spruch, und schon bald erklingt die bekannte Musik von "Wer hat an der Uhr gedreht.“ Es weckt Erinnerungen an die Kindheit, doch dieses Paulchen ist nicht harmlos, es mordet und bombt und feiert die Taten. Ein gutes Dutzend von diesen Videos hat Beate Zschäpe nach dem Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt auf ihrer Flucht nach dem 4. November 2011 verschickt. Nun starrt sie an die Decke, runzelt die Stirn, hat die Arme verschränkt. Als Götzl nach dem letzten Video eine Pause ankündigt, steht sie, die sonst oft auch ohne ihre Verteidiger im Gerichtssaal bleibt, sofort auf und bitte eine Polizistin, ihr die Tür zum Angeklagtenraum zu öffnen. Die meisten Anwälte jedoch bleiben zunächst sitzen. Im Saal herrscht Stille.

An diesem Montag ist das Grauen der Morde zum ersten Mal im Gerichtssaal plastisch geworden. Die unsensible Sprache des pensionierten Polizeibeamten H. lässt erahnen, warum Abdurrahim Özüdoğru zunächst selbst verdächtig erschien. Warum man ihm Drogenspürhunde in die Wohnung und in den Keller schickte. Dass dabei nichts gefunden wurde, das sagt der Beamte nicht. Die Nachbarin Özüdoğrus hingegen wird nicht müde, zu betonen, was für ein guter Mensch er war. "Ein ganz lieber Mann und Nachbar“, sagt die Kioskbesitzerin aus der Nürnberger Südstadt. "Immer zu einem Späßle bereit:“ Özüdoğru hat jeden Tag bei ihr seine Zeitung gekauft. Sie will einen Mann erkannt haben, von einem Phantombild. Er habe bei ihr "Marlboros“ gekauft, mehr könne sie jetzt aber nicht mehr dazu sagen.

"Ich habe das Schneiderlein da liegen sehen“

Mehrere Personen hingegen hat eine andere Nachbarin gesehen: Zwei Männer und eine Frau mit blondem, lockigem Haar. Auf die Frage eines Nebenklagevertreters, ob es Beate Zschäpe war, wird sie plötzlich hochrot, fängt an zu weinen. Sie könne jetzt nicht mehr sagen, sie habe Angst, schluchzt sie.

Sie wirkt verwirrt, widerspricht den Angaben, die sie in polizeilichen Vernehmungen gemacht hat. "Ich habe das Schneiderlein da liegen sehen“, sagt sie. "Ich schwöre es Ihnen.“ Doch von ihrem Fenster aus konnte man die Änderungsschneiderei gar nicht einsehen, die Polizei hat das geprüft. Ihr Nachbar Özüdoğru, das war das "tapfere Schneiderlein“. Die Verfahrensbeteiligten sind sich einig, dass man auf ihre Aussage rein gar nichts stützen könne. Beate Zschäpe lachte laut auf bei der Gegenüberstellung mit der Zeugin. Doch am Morgen, zu Beginn des Verhandlungstages, war ihr das Lachen vergangen. Thomas Bliwier, Vertreter der Familie Yozgat aus Kassel, hatte beantragt, den Brieffreund von Zschäpe als Zeugen zu laden. Zschäpe hatte Robin S. im Februar einen 26-seitige Brief geschrieben. Als Thomas Bliwier seinen Antrag beginnt, werden Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer nervös, sie blicken entsetzt, auch Zschäpe starrt den Nebenklagevertreter hasserfüllt an.

Dabei ging es Bliwier gar nicht darum, den Brief im Gericht verlesen zu lassen. Viel mehr als der Inhalt interessiere ihn der Empfänger, sagt er. Der würde die Verbindungen zwischen den NSU-Tatorten Kassel und Dortmund wieder ins Blickfeld rücken und außerdem die Landesämter für Verfassungsschutz Hessen und Nordrhein-Westfalen. Beide haben mit Sebastian S. und Benjamin G. Spitzel in den jeweiligen Neonazi-Szenen gehabt. Auch sie will Bliwier als Zeugen laden lassen.

Die Verteidigerin Beate Zschäpes tut den Antrag mittags in einer Stellungnahme als "Schuss ins Blaue“ ab. Doch Thomas Bliwier bleibt hart: Auch die Verteidigung müsse interessieren, welche Kenntnisse die Landesämter hatten. Schließlich sei das, ebenso wie der ihnen unangenehme Brief, möglicherweise relevant für die Schuldfrage und Strafzumessung ihrer Angeklagten.

mit dpa