Obama in Berlin Der Selbsteinlader


Berlin steht Kopf wegen des Besuchs von Barack Obama: Immer dicht dran am Präsidentschaftskandidaten ist der Zentrale Verkehrsdienst von Berlin, der für einen reibungslosen Ablauf sorgt. Stern.de war im Einsatzwagen dabei und verrät, wem Obama als erstes die Hand geschüttelt hat.
Von Pieke Biermann

Um kurz nach halb zehn wird's ein klitzekleines bisschen spannend im schwarzen Van des Zentralen Verkehrsdienstes (ZVkD) mit der schwenkbaren Kamera oben drauf, dem Polizeiemblem auf der Tür und der Aufschrift EINSATZLEITUNG unter den verspiegelten Fenstern: Über Funk kommt die Meldung: "Voraussichtliche Landung 9:50." Das heißt, zwanzig Minuten vor der Planung. Normalerweise ist das egal. Der ZVkD plant Strecken wie Timing grundsätzlich mit Spielräumen.

Heute ist das anders. Der Van hat jetzt zwar mehr als den halben Weg zum Flughafen Tegel hinter sich, allerdings an der Spitze einer blinkenden Blaulicht-Kolonne: Vor sich nur das grünweiße "Signal-Fahrzeug" mit der weißen Fahne, die "Putzer" auf Motorrädern, und ein paar Bullis für MSS, FE und BeDo - auf Deutsch den Mobilen Streckenschutz, die Festnahmeeinheit und Beweissicherung/Dokumentation; hinter sich diverse dunkle Limousinen der Sicherungsgruppe des BKA, einen Fünfer-Keil aus Motorradfahrern in Weiß und Froschgrün und eine ganze Schlange aus Fahrzeugen für den Gast und seine Delegation. Der Gast ist der irakische Ministerpräsident El-Malaki, der zwei Tage auf Einladung der Bundesregierung zum Arbeitsbesuch in der Hauptstadt war und eigentlich in diesen Minuten bereits seinen Flieger besteigen wollte. Shake-Hands mit dem Senator aus Illinois auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel ist nicht vorgesehen. Allenfalls ein fliegender Wechsel. Die irakische Präsidentenmaschine sollte um zehn abheben und die amerikanische Kampagnenmaschine um zehn nach zehn aufsetzen.

Nach Maliki kommt "O-Force-One

Kurzes Kopfschütteln im schwarzen Van. BeDo-Mann Christian Zielatkiewicz grient nur leise und behält ansonsten mit Kameraschwenks und -zooms das Umfeld im Blick. Funker Frank Schaum zuckt kurz mit einer Schulter, die andere braucht er für den schweren altmodischen Telefonhörer am Ohr, der noch immer zu den Funkanlagen der Berliner Polizei gehört. Führungsassistent Stefan "Grabo" Grabowski winkt ab: "Wird sein wie meistens, landen tut der dann doch um 10:30..." Michael Schock, der ZVkD-Leiter greift zum Telefon und fragt nach, ob protokollmäßig irgendwas beschlossen sei, was sie wissen müssten, während Olaf Erdmann, der Fahrer neben ihm, genau so gemessen weiterfährt wie vorher. Eine Kolonne aus lauter "Sicherheitszellen" beschleunigt man nur, wenn's handfeste Gründe gibt.

"LFZ landet", tönt es aus dem Funklautsprecher, als der Van kurz vorm Tor ankommt. Das Luftfahrzeug mit Barack Obama. Es ist 9 Uhr 50. Die gesamte El-Maliki-Kolonne schleicht vorbei an drei großen Reisebussen an den weißen SUVs mit US-Diplomatenkennzeichen, aus denen lehrbuchkorrekte Secret-Service-Männer gucken - Pokerface, auf der Nase schmale Spiegelstreifen, für die das Wort eyeshades vollkommen reicht, Sonnenbrille wäre viel zu voluminös -, zum Flugfeld.

Und da kommt sie langsam durch die Sonne angerollt: "O-Force One", mit dem aufgepinselten Kampagnenslogan "Change you can believe in", dreht eine Kurve und parkt hinter der irakischen Maschine. ZvKD-Chef und Führungsassistent springen aus dem Van. Einsatz Nr. 1 geht jetzt zu Ende, Einsatz Nr.2 hat soeben angefangen. Die Leitung des gesamten Einsatzes hat jetzt die Direktion 4, höchster Polizist ist ab sofort deren Leiter. Ihm ist der ZVkD, verantwortlich für alle Verkehrsmaßnahmen, Begleit- und Personenschutz, sobald die zu schützende Person sich außerhalb von "Zielpunkten" bewegt, jetzt unterstellt.

O-Force One steht einfach da. Nebenan wird El-Maliki mit militärischen und protokollarischen Ehren verabschiedet. 250 bis 300 solche Einsätze für "Personen, die auf Einladung eines Verfassungsorgans" Berlin besuchen, erledigt der ZVkD pro Jahr. Gelassen, routiniert, computergestützt und bis in Bild und Ton gut vernetzt mit all den anderen Polizisten, die für deren Sicherheit sorgen: Dass es alternative Strecken für die Kolonnen gibt, gehört dazu, und dass die mehrmals voraufgeklärt werden.

Auch Selbsteinlader werden geschützt

Der ZVkD hat selbst auch Zivilbeamte, und notfalls werden die auch aus der Kolonne heraus aktiv, wenn irgendjemand am Straßenrand seinen Mittelfinger oder rechten Arm allzu hoch hält. Kolonnenaufbau und Aufwand richten sich nach der vorher ermittelten Gefährdungsstufe des Gastes. Bei 3 "liegen Anhaltspunkte für eine Gefährdung vor", bei 2 "ist ein Anschlag nicht auszuschließen", bei 1 "ist mit einem Anschlag zu rechnen". Wie groß der Motorrad-Keil ist, hängt dagegen vom Status des Gastes und des Besuchs ab. Einen Fünfzehner-Keil gibt's nur für Gäste des Bundespräsidenten, die selbst Staatsoberhäupter und auf Staatsbesuch sind.

Barack Obama, der immer noch lediglich designierte Bewerber um das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, hat Sicherheitsstufe 2. Nur - Gast ist er nicht. Ihn hat niemand eingeladen. Er ist "Selbsteinlader". Geschützt wird er selbstverständlich trotzdem, mit insgesamt über 1000 Polizisten, auch aus Brandenburg und Niedersachsen und von der Bundespolizei.

Eine überraschende Ehre für einen Sicherheitsmann

Endlich - der handverlesene Pressetross ist inzwischen hinten ausgestiegen und auf die Busse zugeströmt, die irakische Maschine ist weg - endlich geht die Tür vorn auf und Barack Obama kommt die Treppe herunter. Tatsächlich schmal, elegant, federnd und ein bisschen à la Fred Astaire.

Unten angekommen, streckt er die Hand aus und greift, freundlich lächelnd, nach der ersten Hand im Begrüßungsspalier aus Uniformierten und Protokollleuten. Es war die von Grabo. "Ich hab noch versucht, mich zurückzuziehen!" seufzt er hinterher. Nicht dass er nicht gern Mr. Obama die Hand zum Willkommensgruß reichen würde. Aber er war doch rangmäßig noch lange nicht dran! Es muss an den eyeshades gelegen haben. Grabo hatte die auch auf. Zufällig.

Die Kolonne setzt sich in Marsch Richtung Kanzleramt. Gleich vorm Tor in der kleinen Stichstraße stehen die ersten Berliner mit Foto-Handys, auch einer mit Profikamera. Über Funk kommt die Mitteilung: "Am ZP Presse und Schaulustige vor Ort." ZP ist der Zielpunkt, das Kanzleramt. Auf der Afrikanischen in Höhe Ottawastraße wird das erste US-Fähnchen geschwenkt.

An Ampeln und Straßenecken entlang fast der gesamten Route stehen Leute in kleinen Grüppchen, manche winken. Kein böses Hupen aus den Autos, die im Stau stehen, bis die Kolonne ohne Keil vorbei ist. Vor dem Kanzleramt ist die Menge schon beträchtlich, bekommt aber nichts zu sehen.

Eine Klassenfahrt ins Kanzleramt

Für den "Selbsteinlader" kommt die Kanzlerin nicht hinunter zum Haupteingang. Er muss durch den Nebeneingang. Aber irgendein liebenswerter Mensch an der Pforte Nord scheint Erbarmen zu haben. Zwanzig, dreißig Pubertisten dürfen als Publikum aufs Gelände: Schüler des St. Bonaventure-Gymnasiums in Dillingen, vermutlich auf Klassenfahrt. Und Obama sieht sie sofort, kaum dass er aus dem Fahrzeug federt. Er winkt. Sie juchzen und schlenkern die Arme. Die Bilder aus all ihren Handys sind vermutlich verwackelt. Aber sie haben die Joker des Tages gezogen.

Ein Teil der ZVkD-Kräfte wird jetzt über Funk "mit Dank entlassen". Die drei weiteren ZP des Besuchstages - Hotel Adlon, Auswärtiges Amt und abends die Goldelse - sind Kurzstrecken von zwei bis fünf Minuten. Da muss nicht soviel freigesperrt und freigehalten werden. Auch die Schaulustigen sind noch nicht so massenhaft vertreten, dass irgendjemand besorgt sein müsste. Und der eine oder andere Berliner, der Barack Obama auch gern persönlich im Städtchen willkommen heißen, darf ein Viertelstündchen einen Hotelbesuch machen - der Regierende Bürgermeister zum Beispiel.

Danach war erstmal Ruhe für den Kandidaten. Um kurz nach halb fünf hat der ZVkD ihn in ein zweites Hotel begleitschützt, für einen kurzen Rückzug in die Wohlfühl-Abteilung des Ritz Carlton. Vorbereitung fürs große "Bad in der Menge" am frühen Abend.


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