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Militärexperte Oberst a.D. Thiele: "Die Bundeswehr hätte im Kriegsfall gerade mal für zwei Tage Artillerie-Munition"

Sehen Sie im Video: Nele Balgo spricht mit Ralph Thiele, Militärexperte, Oberst a.D. und Vorsitzender der Politisch-Militärischen Gesellschaft über die Lage der Bundeswehr.






Wir haben seit den 1990er-Jahren in der Rüstung gespart, wenn man alles zusammenrechnet wären es 500 Milliarden Euro.
Die 100 Milliarden Euro, die jetzt kommen sollen für die Bundeswehr, stünden bislang auf einer Liste, die aber zurzeit auch reduziert würde. Damit würde es bei weitem nicht reichen die fehlenden Bestände damit aufzufüllen. Die Rüstungsindustrie habe bislang nur Aufträge aus dem Ausland, die haben früh reagiert und nachbestellt. Deutschland würde das bisher nicht tun, was er sehr erschreckend findet. Zu Klingbeils Forderung, die Industrie müsse ihre Kapazitäten hochfahren, sagt Thiele: "Diese Ermahnungen an die Industrie sind eigentlich wohlfeil." Denn man könne nicht Produktionsabläufe und Personal vorhalten, wenn die Bundeswehr nicht bestelle.
Bundeswehr hatte keine Dringlichkeit
Deutschland sei der Sinn für Dringlichkeit abhandengekommen. Das sei auch bei der Nato eines der wichtigsten Beurteilungskriterien für Truppen der "Sense of Urgengy". Der Angriff auf die Ukraine hätte ein dringliches Warnsignal sein müssen. "Ich möchte fast grobe Fahrlässigkeit dazu sagen, dass wir nichts bestellt haben bislang", so Thiele. Er vergleicht den Bestellprozess in der Rüstungsindustrie mit dem der Covid-Impfstoffe. Trump wollte damals erst bestellen und trotzdem hat Deutschland abgewartet.
Das Problem dazu sei, dass wichtige Zulieferungsstoffe aus China nicht mehr kommen, andere Nationen hätten frühzeitig bestellt. Bei uns kämen frühstens etwas in 2-3 Jahren an. "Eigentlich fahren wir mit der Bundeswehr derzeit ein Abrüstungsprogramm." Ganz besonders mangelt es Thiele zufolge an der Artillerie. Die letzte deutsche Artilleriemunitionsfabrik hatte ihren Auftrag vor 19 Jahren. Weil keine Aufträge mehr kamen, habe sie inzwischen dicht gemacht. Damals seien 9000 Schuss Munition bestellt worden. Damit kämen wir im Falle der Verteidigung maximal – selbst bei kleinem Schussraten – zwei Tage aus, wahrscheinlich seien eher Minuten. Deshalb könnten wir weder der Ukraine etwas abgeben, noch uns selbst verteidigen. Belgier und Niederländer könnten uns nicht retten. Man erwarte es von Deutschland als wirtschaftsstärkste Nation die Kernleistung.
Bei Raketentechnologien sei die Ausbildungserfordernisse sehr hoch. Beim Patriot-System, wie es die Ukrainer fordert, seien rund 100 Personen nötig, um die Raketen zu bedienen und auch einen Ausbildungsvorlauf bräuchten. IRIS-T, was ja bereits geleifert wurde, können nur ein paar wenige Personen das System bedienen. IRIS-T ist also vom Design als auch von der Präzision besser als das Patriot-System, was der Vorgänger sei. Wir würden uns zum Kriegsteilnehmer machen, wenn wir das Patriot-System inklusive Personal schicken. Die polnische Politik versuche Deutschland gerade in Bedrängnis zu bringen, um uns zu einem direkteren Engagement zu bewegen. In der Nato würden harte Kämpfe zwischen den einzelnen Staaten stattfinden. Es seien die einzelnen Staaten, die vorgeben, was sie geben wollen und was nicht, nicht die Nato selbst.
Oberst a.D. Ralph Thiele schätzt Lage in Ukraine ein
Zur aktuellen Lage: Die Ukraine habe schon über 100.000 Soldaten verloren, ob durch Todesfälle oder Verletzungen. Sie ziehen aktuell Männer um die 45 Jahre alt sind, um die Lücken zu füllen. Putin hat 120.000 Männer aktuell in der Ausbildung, zudem werde weiter mobilisiert. Unter den Angriffen auf die Infrastruktur leiden auch die Streitkräfte, denn auch sie brauchen Strom für Transporte oder um Verletzte zu versorgen. "Über die Zeitachse werden wir ein Problem haben die Soldaten weitermotiviert zu halten, ausgerüstet zu halten und weiter erfolgreich gegen die Russen zu sein." Zur Einschätzung der Lage im Süden der Ukraine sagt Thiele: "Ich rechne ja mit der Walze." Dabei gehe es nicht um kluge Konzepte, sondern man erdrückt den anderen nur durch Masse.
Er rechnet damit, dass Putin das gerade vorbereite. Er wolle die Ukraine überraschen.
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Von einer Zeitenwende hatte Bundeskanzler Scholz auch mit Blick auf die Bundeswehr gesprochen. Doch was die Ausrüstung angeht, ist das Geld offenbar noch nicht bei der Truppe angekommen.

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