Es ist noch nicht lange her, da gab Till Backhaus dem Wal Timmy keine Chance mehr. Man möge ihn einfach „in Ruhe sterben lassen“, forderte der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Doch Timmy starb nicht. Wenige Tage später hat Backhaus nun die vergangene Nacht auf einem Schlauchboot verbracht, um Timmy möglichst nahe zu sein. „Ich glaube an dieses Tier“, sagt der Minister mittlerweile.
Timmys Odyssee durch die Ostsee ist ein geradezu episches Ringen einer bemitleidenswerten Kreatur um Leben und Tod. Immer wieder schwimmt er los und taucht dann wieder auf, gestrandet auf der nächsten Sandbank. Parallel dazu aber ist auch der verzweifelte Versuch eines Ministers zu beobachten, im Angesicht dieses Schauspiels der Natur nicht politisch unterzugehen. Beides ist ähnlich ausichtslos.
Timmy dominiert das Leben von Till Backhaus inzwischen fast so wie Moby Dick das Leben von Kapitän Ahab. In Herman Melvilles Roman will der Kapitän den Wal zur Strecke bringen, Backhaus muss ihn loswerden. Ahab will den Wal tot sehen, Backhaus braucht ihn lebend. Im Roman endet das Duell, weil sich Ahab in der Leine seiner Harpune verfängt. Im richtigen Leben könnte Till Backhaus in den Fallstricken seines Schlingerkurses hängenbleiben. Und mit ihm eine ganze Landesregierung.
Der Walkampf ist längst Teil des Wahlkampfs
Klar, Timmy hat nun wirklich andere Sorgen. Wahrscheinlich würden seine großen, traurigen Augen nur verständnislos glotzen, wenn man ihm von einem Schlauchboot aus zuriefe, dass sein Fall, seine Qual, womöglich sein Sterben längst zu einem Politikum geworden sei. Dass womöglich der Ausgang der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern von seinem Schicksal abhängt. Dass der „Walkampf“ längst Teil des Wahlkampfs geworden ist.
Till Backhaus steht im Mittelpunkt dieses Dramas. Er ist der Landwirtschaftsminister im Kabinett von Manuela Schwesig und seit Wochen politisch für den Wal verantwortlich. Schwesig selbst hat sich von Timmy lieber ferngehalten. Sie hat ein gutes Gespür für Themen, von denen man als Politiker besser die Finger lässt, weil man sie nicht wirklich beeinflussen kann. Backhaus soll das für sie erledigen. Irgendwie. Wenn es gut ausgeht, soll es ihr recht sein. Geht es schief, trägt der Minister die Verantwortung. Was ein guter Ausgang und was ein schiefer ist, ist dabei nicht eindeutig.
Der Mann, dessen Leben sich seit Wochen um den Wal Timmy dreht, ist mit 28 Dienstjahren Deutschlands am längsten amtierender Minister. Seit 1998 hatte der Sozialdemokrat in Harald Ringstorff, Erwin Sellering und Manuela Schwesig drei verschiedene Regierungschefs, aber immer dasselbe Ressort: Landwirtschaft – mal mit Umwelt, mal ohne; mal mit Fischerei, mal ohne. 1999 brachte er mit dem Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (63 Buchstaben) das Gesetz mit dem bis dahin längsten Titel auf den Weg. Wirklich bundesweit bekannt wurde Backhaus allerdings erst, als er 2022 über die damalige Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang lästerte, früher seien „Dick und Doof zwei Personen“ gewesen. Dafür entschuldigte er sich später.
Dem Wal gehen die Kräfte aus, dem Minister auch
Backhaus gilt als volksnah. Bei Veranstaltungen begrüßt er möglichst jeden Gast mit Handschlag. Die „Zeit“ mutmaßte einst, bei 1,6 Millionen Einwohnern in Mecklenburg-Vorpommern sei es denkbar, dass Backhaus in seinen Ministerjahren mit jedem schon einmal gesprochen habe. Er sagt gerne: Ich bin ein Diener des Volkes.
Aber was genau will das Volk, wenn es um Timmy geht? Backhaus hat die vergangenen Tage als die schlimmsten in seiner Ministerzeit bezeichnet. Er wurde beschimpft, angefeindet, bedroht. Dem Wal gehen die Kräfte aus, dem Minister auch.
Menschen können Menschen gegenüber ignorant sein. Wenn es aber um Tiere geht, kennen manche Menschen kein Pardon. Vor vielen Jahren setzte sich eine Juso-Politikerin mal dafür ein, Kurden nicht in Bürgerkriegsgebiete der Türkei abzuschieben. Niemand interessierte das. Als sie aber damit drohte, im Falle weiterer Abschiebungen den kleinen süßen Hund ihrer Nachbarin zu töten, rasteten die Tierschützer aus – und mit ihnen der Boulevard.
Wie orientierungslos Backhaus durch die Walkrise schwimmt
Egal, wie der Fall Timmy endet: Backhaus hätte nur gewinnen können, wenn er den Wal persönlich in die Nordsee gezogen hätte. Dazu wird es nicht mehr kommen. Für jedes andere Ende aber gilt: Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht. Und was man macht, ist für irgendjemanden immer falsch. Die Natur entzieht sich bisweilen menschlichen Regeln und ignoriert menschliche Empathie. Die Grausamkeit der Natur mit sich selbst, muss man manchmal einfach aushalten.
Der Minister Backhaus aber schwimmt fast so orientierungslos durch die Walkrise wie Timmy selbst durch die Ostsee. Erst hat er sich an wissenschaftlichen Einschätzungen orientiert und sie dann über den Haufen geworfen. Er hat den Wal den Experten überlassen, ehe er sich selbst zum Experten erklärte: „Ich glaube“, sagte Backhaus nach einem Vis-à-vis mit Timmy, „dass er mich sehr, sehr genau registriert und mich wahrgenommen hat.“ Wie es aussieht, ist Backhaus vom pragmatischen Minister zum Getriebenen seiner Emotionen geworden.
Man muss ihm das nicht vorwerfen. Aber nützen wird es ihm nichts. Und Timmy auch nicht.