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Interview mit Flüchtling aus Syrien "Wir können es nicht vergessen, wenn wir es in den Nachrichten sehen"


Wie fühlt sich das an, wenn man sein Leben aufs Spiel setzt, um 3000 Kilometer nach Deutschland vor dem Terror zu fliehen - und der Terror dann im Nachbarland weitergeht? Sulaiman aus Syrien hat es uns erzählt.
Von Jenny Kallenbrunnen

Sulaiman Alahmad ist 23 Jahre alt und kommt aus Damaskus. Im Mai hat er sein Leben riskiert, um vor Terror und Angst in Syrien zu fliehen, und seine geliebte Heimat und seine Eltern verlassen. Fünf Monate lang musste er auf engstem Raum in den Containern einer Hamburger Erstaufnahmeeinrichtung leben. Ich habe ihn dort durch meinen Deutschkurs kennengelernt und mich mit ihm angefreundet.

Gerade ist er in eine WG gezogen. "Jetzt beginnt der erste Schritt meines neuen Lebens im Frieden", hatte er gesagt. Doch am Freitag musste er erleben, dass seine neue Heimat Europa auch nicht sicher ist vor der Gewalt des selbsternannten "Islamischen Staates". Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich das anfühlen muss - und habe ihn gefragt.

Wie hast du von den Anschlägen in Paris erfahren? 

Das erste Mal habe ich durch deine Nachricht davon erfahren - du hattest ja gesagt, ich solle nicht den Fernseher anschalten, damit ich diese Bilder nicht sehen muss. Ich habe dann aber schon bald Bilder und Videos davon auf Facebook gesehen. Das war ein schlimmes Gefühl. 

Was war dein erster Gedanke? 

Ich habe darüber nachgedacht, wer dafür wohl verantwortlich sein könnte, ob es wohl der IS war - und wieso Paris, wieso Frankreich? Habe ich mich gefragt. Ich habe gleich an die Flüchtlinge gedacht, die aus Syrien, aus dem Irak nach Frankreich gegangen sind. Wie müssen sie sich fühlen! Ich habe befürchtet, dass Menschen Flüchtlinge nun mit anderen Augen betrachten und Angst vor uns haben. Aber wir kommen, um in Frieden zu leben und zu überleben. Wir fliehen doch selbst vor den Terroristen. 

Hast du Angst, wenn du siehst, dass der Terror nach Europa kommt?

Ja. Natürlich. Denn ich bin jetzt in Europa. Ich habe all das in Damaskus erlebt. Es ist sehr hart und schlimm, das in Europa zu sehen. 

Wie fühlt sich das an, wenn man 3000 Kilometer weit geflohen ist - und dann in Deutschland von Anschlägen im Nachbarland erfährt?

Es ist so unglaublich traurig. Wir Flüchtlinge wollen die Vergangenheit vergessen. Und wir können es nicht vergessen, wenn wir es immer wieder in den Nachrichten sehen. In Damaskus haben wir es jeden Tag gesehen. Wir haben darin gelebt. Sie haben mein Haus zerstört. Wir haben unser Land verloren. Meine Eltern sind in Damaskus, ich habe mit ihnen über die Anschläge in Paris gesprochen. Meine Mutter sagte: "Pass auf dich auf."

Die Bilder, die du aus Paris gesehen hast - waren das die gleichen wie in Damaskus?

Es war erschreckend ähnlich. Aber in Damaskus töten sie noch mehr Menschen - mit einem einzigen Anschlag gleich 1500. 

Fühlst du dich in Deutschland sicher? 

Ja. In Deutschland ist die Situation anders. Deutschland ist nicht im Krieg. Ich fühle mich sicher hier.


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