HOME
Kommentar

Erfundener Lebenslauf: Petra Hinz - die fade Ausrede nach einer monströsen Lebenslüge

Wie rechtfertigt man eine Lebenslüge? Petra Hinz, die SPD-Bundestagsabgeordnete, die ihre Vita weitgehend erfunden hat, lässt dies ihren Anwalt erledigen. Das Ergebnis ist untauglich. Natürlich.

Petra Hinz am Rednerpult im Bundestag - die SPD-Politikerin hat ihre Vita massiv gefälscht

Petra Hinz während einer Rede im Deutschen Bundestag (26. November 2014)

Petra Hinz ist keine Bundestagsabgeordnete mehr. Einen halben Tag, nachdem die SPD-Politikerin aus Essen zugegeben hat, die wichtigsten Teile ihres Lebenslaufs erfunden zu haben, hat sie ihr Mandat niedergelegt. Der Bundestag hatte schon am Vormittag reagiert und die Vita der 54-Jährigen auf seiner Web-Seite korrigiert. Vom beruflichen Werdegang bleibt nun noch: 1983 Fachhochschulreife, danach Praktikum bei der Sparkasse, von 1985 bis 1987 Ausbildung zur Moderatorin. Dann zwölf Jahre nichts und danach - etwas nebulös formuliert - vier Jahre "im Bereich Immobilien- und Standortentwicklung". Etwas dünn für eine Bundestagsabgeordnete.

Viel gewichtiger erscheint, was nun fehlt: "Frau Hinz hat (...) keine allgemeine Hochschulreife erworben. Sie hat darüber hinaus kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert und auch keine juristischen Staatsexamina abgelegt", lässt sie ihren Anwalt auf ihrer persönlichen Homepage mitteilen. Die gesamte juristische Kompetenz, mutmaßlich wichtigster Wegbereiter für die politische Karriere der gebürtigen Essenerin ist ein Lüge. Petra Hinz ist als Hochstaplerin entlarvt. Sie hat ihre Wähler, ihre Kollegen und Weggefährten, ihre Familie und Freunde massiv getäuscht und ihr Vertrauen missbraucht.

Petra Hinz hat selbst keine Erklärung

Gibt es für ein solches Verhalten eine Erklärung? Petra Hinz hat sie offensichtlich selber nicht. "In der Rückschau vermag Frau Hinz nicht zu erkennen, welche Gründe sie seinerzeit veranlasst haben, mit der falschen Angabe über ihren Schulabschluss den Grundstein zu legen für weitere unzutreffende Behauptungen über ihre juristische Ausbildung und Tätigkeit", heißt es in der Erklärung auf ihrer Homepage. Vor rund 20 Jahren habe sie versucht, wenigstens das Abitur nachzuholen, doch politische Tätigkeit und Engagement habe das letztlich verhindert.

Die Größe, zu diesem Zeitpunkt ihren Fehler einzugestehen, brachte Petra Hinz seinerzeit nicht auf. Sie ließ sich 2005 sogar noch in den Bundestag wählen. Es waren Journalisten, die die Vita der Politikerin hinterfragten, die letztlich die Wahrheit ans Licht brachten. Und selbst jetzt, wo sie aufgeflogen ist, schafft es die Sozialdemokratin nicht, sich hinzustellen und klar zu sagen, dass sie einen monströsen Fehler gemacht hat. Stattdessen lässt sie ihren Anwalt eher fade erklären: "Sie ist (...) sehr bestürzt, nicht die Courage aufgebracht zu haben, für ihr Fehlverhalten geradezustehen."

Dies wirklich und glaubhaft zu tun, steht Petra Hinz nach diesen Worten noch bevor. Die 54-Jährige ist abgetaucht, ihre Social-Media-Accounts sind gelöscht. Noch mehr als vor der Öffentlichkeit wird sie sich bei ihrem engsten Umfeld erklären müssen. Freunde und vor allem die Familie von Petra Hinz wird die Frage nach dem Warum quälen. Ebenso wie die Frage, wie es überhaupt möglich war, dass diese Lüge so lange unentdeckt bleiben konnte.

Erklärung zum Lebenslauf-Betrug auf der Homepage von Petra Hinz

Die Erklärung zum massiv gefälschten Lebenslauf auf der Homepage von Petra Hinz am 19.7.2016

Die Erklärung von Petra Hinz im Wortlaut

Im Auftrag unserer Mandantin Frau Petra Hinz, MdB, teilen wir Folgendes mit:

Frau Hinz hat im Jahr 1983 am heutigen Erich-Brost-Berufskolleg der Stadt Essen die Fachhochschulreife erworben. Sie hat jedoch keine allgemeine Hochschulreife erworben. Sie hat darüber hinaus kein Studium der Rechtswissenschaften absolviert und auch keine Juristischen Staatsexamina abgelegt.

In der Rückschau vermag Frau Hinz nicht zu erkennen, welche Gründe sie seinerzeit veranlasst haben, mit der falschen Angabe über ihren Schulabschluss den Grundstein zu legen für weitere unzutreffende Behauptungen über ihre juristische Ausbildung und Tätigkeit. Mitte der 1990er Jahre unternahm sie den Versuch, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachzuholen und so zumindest einen Teil ihrer bio-grafischen Falschangaben zu heilen. Aufgrund ihrer zeitlichen Beanspruchung als Mitglied im Rat der Stadt Essen und ihre ehrenamtlichen politischen Engagements musste sie diesen Versuch jedoch bereits nach etwa einem Jahr wieder aufgeben.

Es ist klarzustellen, dass Frau Hinz zu keinem Zeitpunkt rechtsberatend tätig war. Ihre Angestelltentätigkeit in den Jahren 1999 bis 2003 war nicht juristischer Natur.

Das politische Engagement von Frau Hinz war und ist von Aufrichtigkeit und Integrität geprägt. Sie ist daher sehr bestürzt, nicht die Courage aufgebracht zu haben, für ihr Fehlverhalten geradezustehen. Sie bittet ihre Wegbegleiter, ihre Mitarbeiter, ihre Freunde und Familie, all die Menschen, die ihr vertraut haben, und auch die allgemeine Öffentlichkeit von ganzem Herzen um Entschuldigung.

19.07.2016

(Quelle: www.petra-hinz.de)


Update: Die erste Version dieses Textes entstand, bevor Petra Hinz ihr Bundestagsmandat abgelegt hat. Er wurde nach ihrem Verzicht aktualisiert.

Themen in diesem Artikel