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Philipp Rösler: FDP-Youngster im Nahkampf

Es ist die überraschendste Personalie im neuen Kabinett Merkel: Gesundheitsminister wird der 36-jährige Philipp Rösler, der zu Guttenberg der FDP. Wer ist der Mann? Ein Porträt.

Der Job ist alles, nur kein Spaß. Nirgends ist das Dickicht aus Industrielobbyisten und Verbänden so undurchdringlich, so kompliziert, so zermürbend. Da gibt es die mächtigen Pharmakonzerne, die Ärzte, die Versicherungen, die gesetzlichen und die privaten, und, schließlich, die Patienten. Gesundheitspolitik ist Nahkampf, vor allem auch deshalb, weil es alle und jeden betrifft. Und der Gesundheitsminister ist der oberste Nahkämpfer. Es ist kein Wunder, dass Noch-Ministerin UIla Schmidt, Dienstwagenaffäre hin oder her, als eine der gewieftesten politischen Taktikerinnen im Dickicht gilt.

Umso größer war am Freitag die Überraschung, dass es in Berlin jetzt ein bundespolitischer Novize richten soll, noch dazu ein 36-Jähriger: Philipp Rösler, der Karl-Theodor zu Guttenberg der FDP, vormals Fraktionschef der Liberalen im niedersächsischen Landtag, seit einigen Monaten Wirtschaftsminister in der schwarz-gelben Landesregierung des CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff. Zwar hatte Rösler während der Koalitionsverhandlungen gemeinsam mit Ursula von der Leyen gemeinsam die wichtige Arbeitsgruppe zur Gesundheitspolitik geleitet. Zwar hätte man tollkühn auf den smarten, schlanken Mann setzen können. Aufmerksame Beobachtern des Fernsehprogramms ist dieser Tage vielleicht auch aufgefallen, dass Rösler, wie so eine Art Verhandlungsmaskottchen, auch dauernd irgendwo, vorne, hinten, rechts, links im Bild zu sehen war. Allgemein war aber eher darauf getippt worden, dass die bisherige Familienministerin künftig das Gesundheitsressort führen würde - geliebäugelt hatte die CDU-Frau damit schon 2005. Rösler wird der jüngste Minister im schwarz-gelben Kabinett Merkel sein, das Nesthäkchen.

Westerwelles Trumpf

Für FDP-Chef Guido Westerwelle ist die Nominierung Röslers aus mehreren Gründen ein Erfolg. Zum einen hat er es geschafft, eine der größten Nachwuchshoffnungen der Liberalen ins Kabinett zu hieven. Zum zweiten geht mit dieser Personalie auch eine inhaltliche Ausrichtung der Gesundheitspolitik einher, wie sie der FDP entspricht: Der Gesundheitsfonds wird weitgehend ausgehebelt, eine vermeintlich umfassende Reform ist geplant, zumindest ab 2011. Mit Rösler muss sich nun nicht nur ein FDP-Mann mit dem Defizit der Krankenkassen abmühen. Es ist auch ein FDP-Mann, der die Chance hat, diese Reform zu steuern und auf das Konto der Partei zu verbuchen.

Dabei bringt Rösler zumindest auf den ersten Blick einige wichtige Eigenschaften für den Spießrutenlauf in der Gesundheitspolitik mit. Der ausgewiesene Lakritz-Liebhaber und Hobby-Bauchredner gilt als scharfzüngig, charmant, verbindlich. Und einen klassischen Lebenslauf hat der Mann auch nicht. 1973 wurde er in Vietnam geboren, als neun Monate altes Baby von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Er wuchs in Hamburg, Bückeburg und Hannover auf. Als er vier Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Rösler blieb beim Vater, einem Berufssoldaten. 1992 trat er in die Bundeswehr ein, wurde Sanitätsoffizier und studierte Medizin in Hannover. Im gleichen Jahr trat er der FDP bei und übernahm vier Jahre später den Landesvorsitz der Jungen Liberalen. Im Jahr 2000 kürten in die Liberalen in Niedersachsen zum Generalsekretär. Als die FDP 2003 in den niedersächsischen Landtag zurückkehrte und dort eine Koalition mit der CDU bilden konnte, übernahm Rösler den Vorsitz der Landtagsfraktion. Seit dem Jahr 2005 gehört er auch dem Bundespräsidium seiner Partei an.

"Sie würde mir eher den Kopf abreißen"

Vielleicht hilft Rösler bei seinen künftigen bundespolitischen Aufgaben, bei der Auseinandersetzung mit Industrielobbyisten, Versicherungen, Ärzten, Patienten und dem stets unerbittlichen SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach ja eine vermeintliche Gelassenheit. Denn ernsthaft Sorgen um seine politische Karriere scheint sich der junge Vize-Ministerpräsident aus Niedersachsen schon lange nicht mehr zu machen. Kurz nachdem im Oktober 2008 seine Zwillingstöchter Grietje und Gesche geboren waren und noch bevor er das Ministeramt in Hannover angetreten hatte, überraschte er mit dem Gedanken an seinen Abschied aus der Politik. Immer wieder erklärte er: "Mit 45 ist Schluss." Dem stern verriet er in einem Interview zudem die Ansichten seiner Frau Wiebke zu einen möglichen Wechsel nach Berlin: "Sie würde mir eher den Kopf abreißen, wenn ich jetzt sagen würde: Freunde, ich gehe nach Berlin", sagte Rösler. Glaubt man ihm, dürfte der Haussegen an diesem Freitag im Hause Rösler ziemlich schief hängen.