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Prozess: Wüppesahl und die abgehackte Hand

Wahnsinn oder Intrige? Er war Abgeordneter, ist Polizist und soll einen brutalen Raubmord geplant haben. In Hamburg hat der bizarre Prozess gegen den schillernden Thomas Wüppesahl begonnen.

Ist der Mann nun gemeingefährlich oder ist er das Opfer einer Intrige? Sicher ist auf jeden Fall, dass Thomas Wüppesahl schon vor dem Prozess, der am Freitag vor dem Hamburger Landgericht eröffnet wurde, ein Prominenter der ganz besonderen Art ist: Er war ein Querulant im Staatsdienst, ein Polizist, der dadurch zum Politiker wurde, dass er die eigenen Leute aufs Korn nahm. Wüppesahl ist Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft kritischer Polizistinnen und Polizisten", ab 1987 saß er für eine Legislaturperiode im Bundestag, zunächst für die Grünen, dann als Fraktionsloser.

Konflikt mit der Justiz

Wüppesahl machte das Stänkern zum Erfolgsprinzip - einerlei, ob er gegen Atomkraftwerke, Vorgesetzte oder Regierende wetterte. Als die glorreiche Zeit vorbei war, geriet Wüppesahl, immer noch Quertreiber, in Konflikt mit der Justiz. Im vergangenen Jahr wurde der Mann, der mit seinem grauen Bart und dem schütteren Haar an den Idealtyp eines linken Sozialkundelehrers erinnert, zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er einen Lkw-Fahrer genötig hatte.

Wahnsinn oder Intrige? Was die Staatanwaltschaft Wüppesahl am Freitag vorwarf, hat jedoch ein anderes Kaliber als Nötigung: Wüppesahl soll einen grausamen Raubmord geplant haben. Das Vorhaben klingt wie aus einem Roman. Der Geldtransporter eines Einkaufszentrums in Berlin-Friedrichshain soll das Ziel des Kriminalhauptmeisters gewesen.

Genickschuss und Arm abhacken

Gemeinsam mit dem Komplizen Andreas Sch. habe er den Transporter überfallen, den Geldboten per Genickschuss töten und ihm mit einem Beil den Arm abhacken wollen. So wäre ein Koffer mit 400.000 Euro in seinen Besitz gekommen. Anschließend, so trug der Staatsanwalt am Freitag vor, habe Wüppesahl ein vorbeifahrendes Auto als Fluchtwagen kapern wollen. Die Anklage lautet auf Planung eines Raubmordes und Verstoß gegen das Waffengesetz. Bei einer Verurteilung stehen hierauf bis zu 15 Jahren Haft.

Wahnsinn? Bei seinem ersten Auftritt im schwer gesicherten Saal 237 des Landgerichts, in dem normalerweise der Prozess gegen den mutmaßlichen Terroristen Mounir al Motassadeq stattfindet, schwieg der 49-Jährige. Er trug einen hellbeigen Anzug mit weißem Hemd und heller Krawatte, hob sich deutlich ab von den Richtern, Staatsanwälten und Verteidigern in ihren schwarzen Roben. Äußerlich wirkt er ruhig, grüßte alte Bekannte: "Was machst Du denn hier", fragt er und schmunzelte viel. So, als ob ihn das alles gar nichts anginge. Vor Beginn des Verfahrens hatte er gesagt, bei den Vorwürfen handele es sich um einen "haltlosen Spuk", einen Versuch "mich bewusst und gezielt (endlich) aus dem Hamburger Polizeidienst zu entfernen". Nur, wer soll diese Intrige gesponnen haben?

Ein Freund als Hauptzeuge der Anklage

Aufgeflogen ist das angebliche Vorhaben Wüppesahls durch Andreas Sch., einem Freund und freigestellten Kriminalpolizisten. Dieser behauptet, Wüppesahl habe ihn gebeten, für den Raubmord eine Waffe zu beschaffen. Andreas Sch. gab nach eigener Aussage gegenüber Wüppesahl vor, bei der Sache mitzumachen, informierte insgeheim jedoch das Dezernat "Interne Ermittlung" der Polizei. Im Oktober 2004 wurde der Ex-Abgeordnete festgenommen, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

In dem Prozess soll Andreas Sch. als Hauptzeuge der Staatsanwaltschaft auftreten. Wüppesahl selbst, so sagte sein Pflichtverteidiger Peter Wulf am Freitag, werde sich erst nach dieser Aussage am 14. März äußern. Ein weiterer Verteidiger des Ex-Abgeordneten versuchte jedoch schon am ersten Prozesstag die Glaubwürdigkeit des Zeugen anzugreifen.

"Einfach erzählen, was er erlebt hat"

Dieser habe noch im Ermittlungsverfahren hartnäckig Einsicht in die Prozessakten gefordert. "Das spricht nie für einen Zeugen. Der hat nicht die innere Unbefangenheit einfach zu erzählen, was er erlebt hat", sagte Rechtsanwalt Uwe Maeffert. Sowohl Gericht als auch Staatsanwaltschaft hatten Andreas Sch. die Akteneinsicht verweigert.

Seiner ersten Strafe ist Wüppesahl im vergangenen Jahr übrigens entgangen. Das Urteil musste aufgehoben werden, weil ein Formfehler gefunden wurde.

Florian Güßgen mit Material von DPA