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REAKTIONEN: Menschliche Neugier oder mediale Sensationsgier?

Sondersendungen, Schlagzeilen in Riesengröße, eine Trauerfeier wie für ein Staatsoberhaupt: Hannelore Kohls Freitod hat großes Aufsehen erregt. Aber ist sie auch das Opfer eines Medienskandals geworden?

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Siegfried Weischenberg, sieht keinen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung über die CDU-Parteispendenaffäre und dem Freitod von Hannelore Kohl. »Wir müssen uns bitte daran erinnern, dass nicht die Medien diese Affäre aufgedeckt haben, sondern die Staatsanwaltschaft«, sagte Weischenberg am Donnerstag in einem dpa- Gespräch in Hamburg.

Bei der Trauerfeier für Hannelore Kohl hatte der Geistliche Monsignore Erich Ramstetter am Mittwoch in Speyer die Medien scharf angegriffen. Er sprach von »Unterstellungen, Verleumdungen und Hasserfahrungen«, die das Ehepaar Kohl habe erleiden müssen, und von »zerstörenden und auf Vernichtung zielenden Kräften«.

Weischenberg sagte: »Man muss die Dinge trennen. Helmut Kohl ist keine Privatperson, sondern eine absolute Person der Zeitgeschichte. Er war und ist Protagonist der Parteispendenaffäre. Die Berichterstattung der deutschen Medien darüber war insgesamt angemessen. Mit den jüngsten tragischen Ereignissen in der Familie Kohl hat das nichts zu tun.« Wenn nun ein Zusammenhang zwischen dem Selbstmord und der Berichterstattung hergestellt werde, sei das »von Seiten der Familie vielleicht menschlich und psychologisch zu verstehen, gerechtfertigt ist es nicht«.

Aufklärungsarbeit der Medien nach wie vor gefragt

Weischenberg schloss eine Instrumentalisierung des Todes der schwer kranken Hannelore Kohl durch die Politik nicht aus. »Wir kommen aber nicht daran vorbei, dass die Medien auch weiterhin zur Aufklärung der Parteispendenaffäre beitragen müssen - selbstverständlich im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen und ethischer Normen.«

Zu einem anderen Aspekt, der Berichterstattung über das reine Privatleben von Politikern, sagte Weischenberg: »Die Zurückhaltung der Medien, über Intimitäten aus dem Privatleben von Politikern zu berichten, fußt auf Bonner Tradition. Wenn der «Stern» jetzt, wie bei der Berichterstattung über den Freitod von Hannelore Kohl geschehen, über Helmut Kohl und die fast sagenumwobene Figur Juliane Weber (die Büroleiterin Kohls) berichtet, dann ist das ein neuer Akzent.« Der »Stern« sei hier weiter als die anderen Medien gegangen, das Magazin habe »das ganze sehr persönlich abgehandelt«.

Weischenberg ist seit 1999 Bundesvorsitzender des DJV und Professor für Journalistik in Hamburg.

Auszüge aus der Ramstetter-Predigt

»Wir sind hier im Kaiserdom zu Speyer zusammengekommen, um mit der Liturgie unserer Kirche Abschied zu nehmen von Dir, liebe Hannelore, oder um es zukunftgerichtet zu sagen, um ein neues Verhältnis zu Dir, liebe Hannelore, zu finden. Denn Du bist bei Gott. Wie oft hast Du, lieber Helmut, mit Hannelore diesen Dom besucht, um die Liturgie mitzufeiern oder Staatsgästen diesen geheiligten Raum nahe zu bringen! (...)

Zu jeder Zeit erleben wir nicht nur aufbauende und frohmachende Lebenskräfte um uns und in uns, sondern wir sind auch mit den zerstörenden und auf Vernichtung zielenden Kräften konfrontiert. Was dies heißt, habt ihr, lieber Helmut, lieber Walter und Peter bis in diese Stunde in maßloser und extremer Weise erlebt und erlitten.

Hannelore hat dieses schwere Schicksal in partnerschaftlicher Liebe und Treue geteilt und bis zuletzt zu Euch gehalten. Sie hat, wie sie einmal sagte, immer neben Dir und hinter Dir, lieber Helmut, gestanden. Alle Unterstellungen, Verleumdungen und Hasserfahrungen wurden zu eurem gemeinsamen bitteren Leid. Ich weiß nicht, ob es denen bewusst ist, was es bedeutet, einem Menschen die Ehre rauben zu wollen. Dies zielt immer auf Leben und Lebenskraft. (...)

Die Fülle des Leids an Seele und Leib hat sie (Hannelore) diesen Schritt auf den unbegreiflichen und liebenden Gott vollziehen lassen. In der Feinfühligkeit, die ihr auch zu eigen war, hat sie sich von Dir, lieber Helmut, verabschiedet. Sie wusste welchen

Schmerz sie Dir, Walter und Peter, bereitet, aber sie stand unter den Zwängen der Krankheit. Ihre Liebe und Treue, ihre Dankbarkeit für das lange gemeinsame Leben bringt sie in ergreifender Weise zum Ausdruck. (...)

Zuletzt zwang ihre Krankheit sie, das Licht zu meiden und in der Dunkelheit zu leben. Es war ein Martyrium, weil sie dadurch vom Leben abgeschnitten wurde und nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnte. Wie schmerzlich war es für sie, nicht an der festlichen Hochzeit von Dir, lieber Peter und Elif, teilnehmen zu können. Als mein Bruder und ich gleich nach der Rückkehr aus der Türkei ihr von der feierlichen und großartigen Hochzeit berichten konnten und ihr sagten, dass wir überzeugt sind, Peter und Elif würden ein glückliches Paar, da weinte sie vor Glück und Schmerz, weil sie bei diesem Schritt auf euer gemeinsames Leben außen vor bleiben musste. In außergewöhnlich großer Herzlichkeit und Dankbarkeit hat sie sich von uns verabschiedet. (...)

Wer in der Dunkelheit leben muss, sehnt sich nach dem Licht! Hannelore Kohl hat sich nach dem unvergänglichen Licht gesehnt, nicht nach den untergehenden Sonnen. Wir glauben und beten, dass Gott sie seine Herrlichkeit schauen lässt. Dass er ihre Tränen trocknet und ihr den Frieden und die ewige Ruhe schenkt.»