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Rezension: Musterländle mit Schattenseiten

Baden-Württemberg wird vielgepriesen. Doch: Das Musterländle hat auch Schattenseiten. Die stellen sechs Journalisten in ihrem neuen Buch "Wir können alles. Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle" heraus. stern.de hat es für Sie gelesen.

Von Manfred Zach

Bücher, in denen Baden-Württemberg als deutsches Musterländle gepriesen wird, gibt es viele - kritische Auseinandersetzungen mit diesem, vor allem von der seit Jahrzehnten regierenden CDU sorgsam gepflegten Mythos sind hingegen eher die Ausnahme. Kein Wunder, Lob verkauft sich nun mal besser als Tadel, vor allem bei denen, die davon betroffen sind. Unter dem provozierenden Titel "Wir können alles. Filz, Korruption & Kumpanei im Musterländle" unternehmen sechs Journalisten den Versuch, auch die politischen und gesellschaftlichen Schattenseiten dieses Vorzeigelandes auszuleuchten. Herausgekommen ist ein gut geschriebenes, außerordentlich unterhaltsames Buch, in dessen journalistischen Neuigkeitswert man allerdings keine zu hohen Erwartungen setzen sollte.

Als Herausgeber fungiert Josef-Otto Freudenreich, seines Zeichens Chefreporter der "Stuttgarter Zeitung" und wie die Co-Autoren Rainer Nübel, Meinrad Heck, Wolfgang Messner, Rüdiger Bäßler und Hans Peter Schütz allesamt der Gattung Edelfedern zugehörig. Sprachlich perlt und schäumt das zuweilen gewaltig-schön, man spürt die Lust von Sechzigzeilenmenschen, sich auf 240 Buchseiten austoben zu dürfen. Zudem sind alle Sechs dem Objekt ihrer schriftstellerischen Begierde privat und beruflich verbunden, vier als Redakteure beziehungsweise freie Korrespondenten der "Stuttgarter Zeitung", Hans Peter Schütz als früherer Politikchef und Rainer Nübel als Mitarbeiter des "Stern". Auch der Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer ist baden-württembergisches Eigengewächs, sein literarisch-programmatischer Kopf Hubert Klöpfer einer, der es mit einem kleinen, aber feinen Programm immer wieder in die überregionalen Feuilletons schafft.

Von Pizza-Connections und Eiernudelskandal

Was nun ist so abgründig an dem Landstrich, den Theodor Heuss, erster Bundespräsident der deutschen Nachkriegsrepublik und gleichfalls in der Wolle gefärbter Württemberger, als "Modell deutscher Möglichkeiten" bezeichnet hat? Erstaunlich und nachgerade erheiternd viel Subversives hat offenbar mit Teigwaren zu tun. Ob es um angeblich anrüchige Pizza-Connections des derzeitigen Ministerpräsidenten oder um tatsächlich höchst unappetitliche Details aus einem über zwanzig Jahre zurückliegenden Eiernudelskandal geht - man hat den Eindruck, der Baden-Württemberger denkt in Sachen chronique scandaleuse mehr an verdorbene Bubenspitzle (ein beliebtes schwäbisches Nudelgericht) als an verkommene Spitzbuben. Das ist irgendwie tröstlich, jedenfalls für die, denen ein gütiges Geschick es erspart hat, in Gegenden leben zu müssen, wo Banker Milliarden verzocken oder leibhaftige Kommunisten an die Macht drängen. Aber sonderlich aufregend ist es auch nicht, womit dieser Befund bestens zu der im Land geschätzten kollektiven Gemütslage des "So isch no au wieder" passt.

Der Reiz des Buchs besteht denn auch weniger in empörenden Enthüllungen (deren es sicher welche gäbe, aber da haben die Autoren nur vage Andeutungen gemacht und sich ansonsten dem Dictum strenger Hausjuristen gebeugt, die alle harten Brocken bis zur Unkenntlichkeit rund geschliffen haben), sondern in reportagehaften Charakterisierungen von Land und Leuten. Ob schlitzohrige Landräte, machtgeile Bürgermeister oder die Bodenhaftung verlierende Unternehmer - alle sind sie Teil einer politisch-gesellschaftlichen Kultur, in der wichtig ist, wer Geld oder gute Beziehungen "nach oben" hat, was meist dasselbe ist. In dieser Melange gedeihen Blender wie der frühere Flowtex-Boss Manfred Schmieder prächtig, der es mit einer Handvoll Vertrauter und ein paar Bohrmaschinen geschafft hat, ein riesiges Kartenhaus aus nicht gedeckten Milliardenkrediten zu errichten und dafür handfeste politische Unterstützung einzuheimsen.

Das engmaschige Geflecht zwischen Politik und Presse

Man begreift nach der Lektüre auch besser, warum die Landespresse im allgemeinen recht pfleglich mit dem wirtschaftlichen und politischen Führungspersonal umgeht - von Ausnahmen wie dem Späth-Rücktritt 1991 oder der harschen Reaktion auf Oettingers Trauerrede für Hans Karl Filbinger einmal abgesehen. Es ehrt die Autoren, dass sie das zuweilen ziemlich engmaschige Geflecht zwischen Politik und Presse nicht verschweigen - auch dies entspricht eben der Tradition eines Landes, das sich zwar verbal durchaus aufs Grobe versteht, im Innersten aber lieber harmonisch miteinander umgeht, am liebsten bei einem Viertele Trollingerwein und (selbstredend handgeschabten) Spätzle.

Apropos verbal und handgeschabt: Vielleicht das größte Verdienst des Journalistensextetts ist die gekonnte Persiflage jenes unsäglichen Werbespruchs "Wir können alles. Außer Hochdeutsch". Kein anderes Land der Welt gibt Millionen dafür aus, Bürger als Fremdlinge auszugrenzen, die der Hochsprache mächtig sind. Baden-Württemberg, das Schiller, Hölderlin und Hegel zum Weltkulturerbe beigesteuert hat, schon. Dann doch lieber das gute alte "Modell deutscher Möglichkeiten". Denn möglich ist vieles; man muss es allerdings auch beweisen können.