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Richtungsstreit in der SPD: Der kranke Mann ist zurück

SPD-Chef Kurt Beck ist zurück auf der Berliner Bühne. Angeschlagen von Krankheit, Umfragen und kritischen Genossen versucht er mühsam, sich gegen die Vorwürfe zu wehren. Die Kritik treffe zum Teil zu. Aber: Der Kater Beck sei zurück und die Mäuse werden jetzt nicht mehr tanzen.

Von Axel Hildebrand

Zwei Wochen hatte er schweigen müssen. Hatte im Bett gelegen mit einer Grippe und eitrigen Mandelentzündung, und auch der Arzt hätte gemeint, zwei Tage müsse er sich noch schonen. In dieser Zeit war die sozialdemokratische Welt noch viel weiter aus den Fugen geraten, als dies ohnehin schon der Fall war.

Spekulationen über einen Rückzug vom Parteivorsitz hatten die Runde gemacht, nachdem Beck eine Tolerierung der hessischen SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti durch die Linke nicht mehr ausschließen wollte - entgegen der bisherigen Parteilinie, nach der es im Westen keine Zusammenarbeit mit den Linken geben sollte. Doch das Vorhaben scheiterte, als sich die Darmstädter Landtagsabgeordnete Metzger dem Links-Kurs von Ypsilanti widersetzte. Dazu kam der Beschuss aus den eigenen Reihen. SPD-Vize Peer Steinbrück hatte die Kommunikation zwischen dem Vorsitzenden und seinen Stellvertretern scharf kritisiert. Beck, der Lügner, hieß es in den Medien. Beck, der Umfaller.

Beck: "Ich lenke"

Der SPD-Chef bemühte sich, die Fragen der Journalisten in seiner buddhaesken Ruhe zu beantworten und hin und wieder auch betont gelangweilt dreinzuschauen. Er wirkt noch gesundheitlich angeschlagen, ein bisschen fahl im Gesicht. "Ich bin fit und handlungsfähig, aber noch nicht so laut", sagt Beck. Aber: "Sie können davon ausgehen: Ich lenke."

So kommen an diesem Nachmittag zwei Welten zusammen. Im Raum der Bundespressekonferenz sind so viele Journalisten wie selten versammelt und ihre Fragen enthalten in schöner Regelmäßigkeit Wörter wie Irritationen, Rücktritt, Wortbruch, Debakel und Verzicht auf Kanzlerkandidatur. Beck wehrt sich, aber er kann das nicht kraftvoll machen. Der Körper ist noch geschwächt und die Umfragen waren selten so schlecht für den Chef einer Volkspartei. Beck hat keinen Vorwärtstrieb. Er muss sich 75 Minuten verteidigen.

Becks eigene Wahrnehmung

Er müsse bereit sein, den Unmut hinzunehmen, der sich über irgendjemanden ergießt, sagte Beck nun. Irgendjemanden. So als sei es irgendwo auch ein großer Zufall, dass gerade er, der Kurt Beck, dran glaube musste. Irgendwen muss es halt treffen, nun ist es zufällig er, so spielt das Leben.

Das ist die Wahrnehmung des Kurt Beck. In solchen Momenten nimmt er die Lesebrille ab und lässt den Blick ins Ungefähre gleiten. Zu seiner linken Seite fließt die Spree, dahinter liegt das Bundeskanzleramt. Es ist jetzt nicht die Zeit, über die Kanzlerschaft nachzudenken, das weiß auch er. Den Blick auf Merkel zu richten. Becks Blick bleibt an diesem Tag vage.

Die Kritik treffe zum Teil zu

Bevor Beck auch nur darüber nachdenken kann, die Bundeskanzlerin zu attackieren, muss er seine eigene Partei wieder unter Kontrolle bringen. Er sieht ein, dass der Zick-Zack-Kurs im Bezug auf die Linkspartei nicht förderlich war. "Ein gewisses Maß an Kritik trifft zu", sagt Beck. Er bedauert den "Galopp in den Abläufen". Aber, das sei auch erklärbar und nach der Beckschen Deutung nicht anders als im Tierreich: "Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse lebendiger."

Eine Zusammenarbeit mit der Linken auf Bundesebene schließt er für die Wahl im nächsten Jahr definitiv aus. Zu groß seien die Unterschiede in der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. "Die Linkspartei ist und bleibt eine gegnerische Partei", sagte er. Am 31. Mai werde eine SPD-Funktionärskonferenz in Nürnberg über den generellen Umgang mit der Linken beraten. In den Ländern sei es weiterhin Sache der SPD- Landesverbände, um über ein Zusammenwirken zu entscheiden.

Kein Wortbruch, findet Beck

Die Wahlerfolge der Linken in Hessen und Niedersachsen hätten die Strategie der SPD, im Westen Koalitionen auszuschließen, jedoch zunichte gemacht. Von einem Wortbruch könne aber keine Rede sein: "Ich kann nicht erkennen, dass ich mein Wort gebrochen habe", sagte Beck.

Bis vor zwei oder drei Wochen habe er die Hoffnung gehabt, dass die Linke in den westdeutschen Flächenländern den Sprung in die Landtage verpassen würde. Diese Hoffnung habe sich in Hessen und Niedersachsen nicht erfüllt. Da sei ihm klar geworden, dass die SPD ihre Strategie weiterentwickeln und die Auseinandersetzung mit der Linkspartei auf Bundes- und Länderebene suchen müsse. "Eine Partei muss die Kraft haben dürfen, eine Strategie, die sich nicht mehr trägt, zu ändern", sagte Beck. So einfach sei das. Auch wenn nur er das so zu sehen scheint.