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Rocker-Club Gremium MC: "Wir fordern Rehabilitation"

Im Fall des in Potsdam überfallenden Deutsch-Äthiopiers Ermyas M. soll einer der Verdächtigen Kontakte zum Motorrad-Club Gremium MC gehabt haben. Auf stern.de äußert sich erstmals ein Mitglied der Club-Führung zu den Vorwürfen und über das schlechte Image von Rockern.

Um den Fall des in Potsdam fast tot geprügelten Deutsch-Äthiopers Ermyas M. ist es zurzeit ruhig geworden. Einer der mutmaßlichen Schläger wurde immer wieder mit dem Rocker-Club Gremium MC in Verbindung gebracht. So habe einer der Führungsfiguren des Clubs bei der Polizei angegeben, dass er den Verdächtigen Björn L. kenne. Nicht zum ersten Mal stehen die Rocker unter dem Verdacht, Kontakte zur rechten Szene zu unterhalten. Im Interview mit stern.de wehrt sich Mike Asboe, Mitglied aus der Führungsspitze, gegen die "Vorverurteilung" und "permanente Verleumdungen".

Es soll sich herausgestellt haben, dass die beiden Beschuldigten des Potsdamer Überfalls beim Gremium-Präsidenten in Potsdam beschäftigt waren. Verbindungen scheint es gegeben zu haben.

Fakt ist und das wurde auch direkt nach der Festnahme der beiden eidesstattlich von unserem Potsdamer Präsidenten erklärt: Einer der beiden vermutlichen Täter hat mal zeitweise in seiner Firma gearbeitet - und das war es auch schon. Die zwei sind nicht und waren nie Mitglied in unserem Club und kommen auch nicht aus unserem Umfeld. Schlimm genug, dass das passiert ist, aber es gibt definitiv keinen Bezug zu uns.

Ist das Beschäftigungsverhältnis vielleicht nichts?

Wann wird sonst eine Verbindung zum Privatleben eines Geschäftsmannes hergestellt, wenn einer seiner ehemaligen Teilzeitbeschäftigten straffällig wird? Das wird in dem Fall doch nur erwähnt, weil der ehemalige Arbeitgeber ein Rocker ist. Und diese schlecht recherchierte und einseitige Berichterstattung hat leider System. Jetzt ist das Maß voll!

Was haben Sie vor?

Wir werden juristisch gegen diese Falschmeldung vorgehen. Mehrere Rechtsanwälte sind eingeschaltet und versuchen eine Richtigstellung der Fernseh- und Presseberichte zu erwirken. Wir bestehen auf einer vollständigen Rehabilitierung des Gremium MC und werden in Zukunft konsequent gegen Verleumdungen vorgehen. Solche Leute wie die beiden mutmaßlichen Täter haben keine Chance, bei uns aufgenommen zu werden. Wer radikale Tendenzen zeigt, fliegt aus dem Club.

Wenn man dem jüngsten Bericht des Verfassungsschutzes Bayern glaubt, sind Sie als Mitglied des Gremium MC ein Schwerverbrecher, ein organisierter Krimineller.

Solche Aussagen belasten mich nicht im Geringsten. Der Gremium MC hat annähernd 1300 Mitglieder in Europa, darunter können auch einige schwarze Schafe sein. Doch deshalb gleich einen ganzen Club und sogar die komplette Rocker-Szene als kriminell abzustempeln, ist für mich Rufmord.

Wollen Sie damit behaupten, Rocker sind Chorknaben?

Nein, das sind wir nicht und wollen wir auch nicht sein. Die Kriminalitätsrate bei uns im Club ist sicher nicht höher als in einem Kegelverein. Aber schlechte Nachrichten über Rocker sind medienwirksamer als gute über Kegler. Das gilt für den Staat und für die Presse. Beide dichten uns immer wieder die irrsinnigsten Geschichten an. Das schadet nicht nur uns, sondern auch den anderen großen Rocker-Clubs wie den Hells Angels, Bandidos und Outlaws.

Das kann nicht Ihr Ernst sein, dass Sie sich nicht wesentlich von einem Kegelclub unterscheiden? Immer wieder stehen Rocker wegen Drogenhandel, Zuhälterei oder Waffendelikten vor Gericht. Von Kegelfreunden kann man das nicht gerade behaupten.

Genau das ist das Problem: Macht sich jemand strafbar, der Mitglied in einem Kegelverein ist, wird das nie im Zusammenhang mit seinem Hobby gebracht, sondern immer isoliert betrachtet. Ist der Straftäter Mitglied in einem Motorradclub, wird gleich der ganze Verein als kriminell eingestuft.

Vielleicht liegt es an Ihnen selbst: Das eiserne Kreuz ist Teil des Rückenzeichens. Haben Sie sich keine Gedanken darüber gemacht, dass Sie schon allein deshalb in die Neonaziszene einsortiert werden könntet?

Klar haben wir darüber geredet, aber nicht damit gerechnet, dass bei uns offensichtlich andere Maßstäbe gelten als bei anderen. Das eiserne Kreuz ist das Erkennungszeichen der Bundeswehr und prangt auf deren Fahrzeugen und Flugzeugen. Soldaten sind deshalb keine Nazis, uns aber wird das unterstellt. Bis vor einigen Jahren hatten wir ein keltisches Kreuz verwendet und es 2002 geändert, weil das keltische immer wieder mit dem christlichen Kreuz verwechselt wurde. Auch weil Brüder aus unseren Chaptern in Bosnien-Herzegowina Moslems sind. Mit einem christlichen Kreuz auf dem Rücken hätten sie Probleme in ihrer Heimat bekommen. Wir sind weder politisch noch vom Glauben her in irgendeiner Richtung festgelegt.

In der Richtigstellung zu den Presseberichten auf Ihrer Homepage über den Potsdamer Vorfall steht, dass sie keinerlei politische Interessen verfolgen. Um was geht es Ihnen?

Uns verbindet grundsätzlich das gemeinsame Hobby Motorradfahren. Am Gremium MC fasziniert zudem das enge Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Beziehung der Mitglieder untereinander ist schon fast familiär. Mir gibt es das Gefühl, zu Hause zu sein. Egal in welcher Stadt ich gerade beruflich zu tun habe sind Member unseres Clubs, bei denen ich jederzeit herzlich willkommen bin, mit denen ich um die Häuser ziehen und bei denen ich übernachten kann, wenn es mal sein muss. Tiefe Freundschaft ist ein wunderbares Gefühl.

Das hört sich ja fast wie eine Liebeserklärung an den Club an.

Ich bin seit sechs Jahren Vollmitglied, war zuvor schon einige Jahre im Umfeld des Clubs unterwegs und bin fest überzeugt, dem Gremium zwischenzeitlich ewige Treue schwören zu können. Bei über 1300 Leuten hat man zwar viele unterschiedliche Meinungen, aber es ist ein geiles Gefühl, Mitglied einer so starken Gemeinschaft zu sein. Nach sieben Jahren Zugehörigkeit zum Club darf man sich unser Symbol - eine Faust, die durch die Wolken stößt - stechen lassen. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt. Ich hätte schon noch Platz für gute Tattoos.

Damit sich dann Mitglieder aus rivalisierenden Clubs gleich erkennen und sich eins mit dem Baseballschläger überziehen können.

Die meisten Rocker steigen nicht gleich bei den großen ein, sondern kommen oft aus kleineren Clubs. Auch dort herrscht oft eine tiefe Freundschaft. Wenn sich dann die Wege trennen sollten und der eine zu den Hells Angels geht und der andere zum Gremium, ist deshalb die persönliche Sympathie doch nicht beendet. Es ist absoluter Quatsch, dass in der Szene Krieg herrscht. Einzelne Vorfälle, die persönlicher Natur sind, werden von schlagzeilengeilen Zeitungsleuten aufgebauscht und dann ist gleich wieder die ganze Szene ein gewaltbereiter Haufen von Totschlägern. Einer böse, alle böse. Das Trauerspiel wiederholt sich leider regelmäßig.

Interview: Peter Ilg