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Schlag 12 - Der Mittagskommentar: Stoppt unsere Schnüffel-Freunde!

Was die NSA mit allen wichtigen deutschen Politiker getrieben hat und möglicherweise noch treibt, ist dreist, frech, unmöglich, ein Skandal! Wie die Bundesregierung auf die immer neuen und umfassenderen Enthüllungen reagiert, allerdings auch.

Von Andreas Hoidn-Borchers

So, jetzt alle mal schön aufpassen, gibt 'ne kleine Denksportaufgabe. Los geht's! Was ist das: Porno, Vibrator – Entschuldigung, wir vergaßen: Die Kinder bitte mal für 'n kleinen Moment vorm Ballerspiel parken! – Angst, Selbstmord, Langeweile, Einsamkeit, Krebs, HIV, Hirntumor, Herzinfarkt, Gebet. Und natürlich die Frage: Wie zieh' ich ein Kondom über? Na, klingelt's? Bingo: Das sind die häufigsten Begriffe, die der gemeine New Yorker laut New York Times googelt, wenn er nach Sonnenuntergang nichts Besseres mit sich und seinen Mitmenschen anzufangen weiß, als über's Smartphone oder Tablet zu wischen.

Man hat das ja irgendwie geahnt, was unsere Freunde am anderen Ende der Abhörleitung so umtreibt. Eine merkwürdige Mischung aus Paranoia und Ennui, gepaart mit einer guten Portion Notgeilheit und Erlösungssucht. Aber die letzten beiden lassen wir jetzt mal weg, um uns den eleganten Übergang zum eigentlichen Thema des heutigen Tages nicht zu versauen. Und, NEIN, jetzt kommt mal NICHT Griechenland. Kleine Pause, es gibt schließlich noch genügend anderen Wahnsinn rund um die Welt.

Der NSA Skandal als Polit-Porno

Deshalb machen wir jetzt noch eine kleine Reihe zum hurtigen Rätseln (Sie können die Kinder jetzt übrigens wieder vom Ballern wegholen. Ach, die wollen gar nicht. Auch gut. Es gibt Dinge, mit denen muss man sie noch nicht behelligen. Polit-Porno. Davon werden sie früh genug genug haben). Also: Merkel. Kohl. Schröder. Altmaier. Pofalla. Kauder. Fritsche. Baumann. Hombach. Uhrlau. Na? Macht's auch wieder Bingo? Genau: Ausspähen unter Freunden geht zwar gar nicht. Aber wenn schon, denn schon, nämlich konsequent und lückenlos und jederzeit.

 Das Schlimme ist: Man ist eigentlich gar nicht mehr überrascht, dass die NSA offenbar seit sehr vielen Jahren alle wichtigen deutschen Politiker und deren engsten Mitarbeiter abhört. Die politische Elite eines Landes, das offiziell unter dem Rubrum Bündnispartner katalogisiert wird, für den US-Geheimdienst allerdings irgendwo zwischen Russland und Nordkorea zu rangieren scheint. Wäre man etwas weniger zivilisiert und diszipliniert, man wünschte den Rundumabhörern schon das eine oder andere aus der Google-Hit-Liste an den Hals, und, nein, es ist nicht das Kondom…

Schweigen ist kein Gold sondern eine Zumutung

Das ruchlose Schnüffeln ist allerdings nur ein Teil der Affäre. Der zweite spielt auf Seiten der Opfer, der Abgehörten, bei uns, und er macht einen nicht weniger fassungslos. Und jetzt mal ernst: Geht's eigentlich noch? Ja, es gibt gerade Wichtigeres auf der Welt, GRIECHENLAND zum Beispiel, aber: Diese Gar-nicht-mal-ignorieren-Haltung, die die Große Koalition der Ausspionierten an den Tag legt – die geht auch gar nicht. Anders formuliert: Was die NSA getrieben hat und, wer weiß das schon, möglicherweise noch treibt, ist dreist, frech, unmöglich, ein Skandal. Wie die Bundesregierung auf die immer neuen, immer umfassenderen Enthüllungen reagiert, allerdings auch. Manchmal mag Schweigen Gold sein, in diesem Fall ist es eine Zumutung für jeden, der noch glaubt, dass ein Rest von Bürgerrechten und Anstand auch im digitalen Zeitalter Bestand haben sollte.

Und noch einmal Nein: Es geht hier nicht um irgendeine künstliche Erregung und Empörung. Es geht auch nicht um symbolische Akte wie die Einbestellung des US-Botschafters ins Kanzleramt, um mit ihm ein ernstes Wörtchen zu reden, das ihn sicher schwer beeindruckt. Wer will, dass der Schaden, den die USA angerichtet haben, hierzulande nicht noch größer wird, der muss jetzt handeln. Deshalb: Pfeift auf den Sonderermittler, jenen Alibisichter, der für alle anderen die sogenannten Liste jener durchforsten soll, die vom BND auf Bitten der NSA abgehört wurden. Zieht ihn zurück. Macht die Selektoren öffentlich, zumindest für's Parlament. Es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, Rücksicht zu nehmen. Denn auch für's Ausspähen gilt, gerade unter Freunden:

Wer nicht aufhören kann, muss endlich fühlen.

 

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