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Joachim Gauck bei Obama: Ein Ossi in Amerika

Joachim Gauck trifft Barack Obama im Weißen Haus. Für den Bundespräsidenten erfüllt sich mit diesem USA-Besuch ein Lebenstraum.

Von Jens König, Washington

Themen gab es genug für Joachim Gauck und Barack Obama: Syrien, die Flüchtlingskrise, den NSA-Skandal

Eine Stunde sprachen Gauck und Obama - 30 Minuten länger als geplant

Joachim Gauck war schon über 50 Jahre alt, als er das erste Mal Amerika besuchte. Er stand im Nationalarchiv in Washington, er wollte die Urschrift der amerikanischen Verfassung sehen. Gauck war überrascht, als er eine lange Schlange von Menschen sah: Weiße, Schwarze, Latinos, Asiaten, Junge, Alte, sie alle standen dort, um einen Blick auf das historische Dokument werfen zu können. Er kam mit einem elfjährigen Jungen ins Gespräch. "Woher kommst du", fragte der Junge. "Aus Deutschland", antwortete Gauck. "Und du?" - "Aus Texas." - "Und was machst du hier?" - Antwort des Jungen: "Ich besuche meine Verfassung."

Gauck blieb der Mund offen stehen. Er war in der DDR groß geworden, einem Land, in dem die Verfassung nicht das Papier wert war, auf dem sie stand. Dieser kleiner Junge aus Texas rührte ihn. "Ich war einem Amerika begegnet, von dem ich vorher nichts wusste", wird er später sagen. Einem Amerika, dessen Grundidee ihn fortan begeisterte und sein Denken bestimmte: ein stolzes Land freier Bürger zu sein. Er, der Ossi, prägte sich die ersten Worte der amerikanischen Verfassung ein: "We the People ..." - "Wir, das Volk ...".

Fast 25 Jahre später besucht Gauck erneut Washington. Und wieder ist es eine Premiere: Sein erster USA-Besuch als Bundespräsident. Diesmal muss er nicht anstehen. Er kommt mit einer Cadillac-Limousine ins Weiße Haus vorgefahren.

"Erfüllung eines Lebenstraums"

Gauck sitzt jetzt im Oval Office, dem mythenbeladenen Büro des amerikanischen Präsidenten, neben ihm Barack Obama, hinter ihm, im goldenen Rahmen, ein Gemälde von George Washington. Gauck ist aufgeregt, ergriffen, geschmeichelt, man spürt das. Er, der Rostocker Seemannssohn, der fast 40 Jahre seines Lebens hinter der Mauer gelebt hat, der nicht im Traum daran denken konnte, einmal Präsident des wiedervereinigten Deutschland zu werden - er ist Gast des mächtigsten Mannes der Welt, wird eine gute Stunde mit ihm sprechen, 30 Minuten länger als geplant: über die deutsche Einheit, Syrien, die Flüchtlingskrise, den NSA-Skandal. Am Tag zuvor hat er gestanden, dass dieser Besuch "die Erfüllung eines Lebenstraums" sei.

Gauck ist der erste Bundespräsident seit 18 Jahren, dem die Ehre zuteil wird. Normalerweise geben sich US-Präsidenten nur mit deutschen Bundeskanzlern ab, und Gauck ist, anders als Angels Merkel, in den USA keine große Nummer. Ein Präsident ohne Macht und Einfluss. So verdankt Gauck diesen Besuch, den er eine "Geste" nennt, dann auch den guten Worten und dem Einfluss der Kanzlerin. Sie soll, so hört man in Washington, bei ihrem Treffen mit Obama im Februar die Türen im Weißen Haus für den Bundespräsidenten geöffnet haben. Nach dem Gespräch sagt Gauck, dass es "dann doch sehr politisch" gewesen sei. Es klingt, als sei er überrascht davon. Normalerweise werden bei solchen Treffen nur vorbereitete Statements ausgetauscht.

Gauck steht vor dem Westeingang des Weißen Hauses, vor ihm die Fernsehkameras. Er erzählt jetzt dem deutschen Publikum von seinem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten. Wie Obama die "Vorbildrolle Deutschlands in Europa" bei der Aufnahme von Flüchtlingen lobte. Wie Obama einräumte, in dieser Frage aktiver werden zu müssen. Wie Obama nur "zu Teilen" die Befürchtungen der Deutschen wegen der NSA verstand.

Ein später Höhepunkt in Gaucks Leben

Und wie war es für Sie persönlich, Herr Bundespräsident?
Antwort: "Alles, was ich hier erlebe, ist hoch emotional ."

Als wollte er sagen: Dass mir das auf meine alten Tage noch passiert. Dieser Besuch bei Obama ist ja nicht nur ein Wunder angesichts Gaucks Lebensgeschichte - für den Bundespräsidenten Gauck ist er auch ein später Höhepunkt. Er ist jetzt 75, in anderthalb Jahren endet seine Amtszeit, und es spricht fast alles dafür, dass er nicht noch einmal antritt, sondern den verdienten Ruhestand in seinem Ferienhaus an der Ostsee verbringt.

Gauck stand stets im Verdacht, nicht nur ein glühender, sondern auch ein etwas unkritischer Transatlantiker zu sein. Dass er sich im Sommer 2013 lange nicht zur NSA-Affäre und der Ausspähung deutscher Staatsbürger geäußert hatte, befeuerte diesen Argwohn. Gerade in Zeiten, da die deutsch-amerikanischen Beziehungen belastet sind und der Antiamerikanismus in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet ist. Dabei irritiert Gauck viele Deutsche nicht deswegen, weil er etwa unkritisch gegenüber den USA wäre, sondern weil er sich ein fast schon amerikanisches Pathos leistet.

In Philadelphia, die beiden Tage vor seinem Washington-Besuch, konnte man das gut beobachten. Gauck ließ sich tief in seine Gefühle fallen. "Jedem, dem die Freiheit etwas bedeutet, geht hier das Herz auf", sagte er in dieser für die Geschichte der USA so bedeutsamen Stadt. Die Sonne schien, in seinem Rücken lag die Independence Hall, der Ort der Unabhängigkeitserklärung und der amerikanischen Verfassung, schräg gegenüber die Liberty Bell, die Freiheitsglocke. "Heilige Stätten der Demokratie" nannte sie der Bundespräsident, so selbstverständlich, als wäre er in ihrem Schatten aufgewachsen.

An der Seite der USA - und Deutschlands

Einen Tag später, in der University of Pennsylvania, zeigte Gauck jedoch, dass sich Pathos und Realitätssinn nicht widersprechen. Der Präsident hielt dort vor Studenten eine kluge, selbstbewusste, unbequeme Rede über Deutschland und Amerika. Er drückte sich weder vor den fast schon in Vergessenheit geratenen Errungenschaften noch vor den unbequemen Wahrheiten des gemeinsamen Bündnisses. "Die Freiheit, die uns verbindet" war die Rede überschrieben. Gauck schonte darin weder die US-Amerikaner noch die Deutschen. Er fragte, was es mit Terrorismusabwehr zu tun habe, wenn die Telefone des deutschen Landwirtschaftsministers abgehört werden. Er sagte aber auch, dass er die Amerikaner verstehe, die sich fragten, warum wir Deutsche uns auf die amerikanischen Geheimdienste verlassen, wenn wir sie dauernd kritisieren. Der Bundespräsident machte deutlich, wo er steht: an der Seite der USA - und Deutschlands. "Die transatlantische Partnerschaft ist in Zeiten neuer Mächte und neuer Herausforderer kein optionales Bündnis", sagte er. "Sie ist und bleibt das essenzielle strategische Bündnis unserer Tage."

Als Gauck in Philadelphia die Liberty Bell besichtigte und sich über den berühmten Riss in der Glocke aufklären ließ, stellte ein deutscher Germanist der Universität von Pennsylvania eine Frage, die ihn, so sagte er, schon lange beschäftige: "Warum haben die Amerikaner ausgerechnet eine kaputte Glocke mit einem Riss zum Symbol ihres Freiheitsstrebens auserkoren?" Die Gastgeberin, Direktorin des National Park Service, zuckte mit den Schultern. Plötzlich rief Gauck: "Das kann ich erklären!" Für ihn mache erst der Riss das Symbol perfekt. "Denn die Freiheit, die wir gestalten, ist nie vollkommen."