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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: "Charlie Hebdo": Hat die Freiheit der Kunst ihre Grenzen?

Schmähung, Beleidigung, Drohung - manche Kunstwerke sind ein Fall für die Justiz. Trotzdem sollten wir uns nicht von Bilderstürmern einschüchtern lassen.

Von Anja Lösel

Martin Kippenbergers ans Kreuz genagelter Frosch sorgte Anfang der Neunziger für Aufregung

Martin Kippenbergers ans Kreuz genagelter Frosch sorgte Anfang der Neunziger für Aufregung

Nein, die Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" sind nicht schön. Einige von ihnen sind sogar abstoßend, grob und platt. Zugegeben: ein paar auch lustig, böse und frech. Kunstwerke sind sie wohl eher nicht.

Aber ob die Karikaturen uns gefallen oder nicht: Niemand darf sterben für ein Bild, das den Propheten Mohammed lächerlich macht. Oder den Papst. Oder Moses. Oder Jesus. Ganz sicher wollen wir, dass in einer aufgeklärten Gesellschaft kritische, sogar fiese und verletzende Karikaturen möglich sind.

So konnten wir das in den letzten Tagen immer und immer wieder lesen. Aber stimmt das eigentlich? Wollen wir wirklich, dass alles möglich ist? Jede Beleidigung? Jede Schmähung? Gibt es keine Grenzen? Doch, die gibt es. Denn in Deutschland haben wir den sogenannten Blasphemie-Paragraphen 166. Der verbietet die Verunglimpfung von "Inhalten des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses". Und steht in Konkurrenz zur Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst. Es ist also nicht alles möglich.

Papst mit Urinfleck

2012 zeigte das deutsche Satiremagazin "Titanic" Papst Benedikt mit einem Urinfleck auf der Soutane. Dazu den Text: "Die undichte Stelle ist gefunden" - eine Anspielung auf den sogenannten "Vatileaks"-Skandal. Gemein und nicht besonderes lustig. Papst Ratzinger erhob Klage. Der Presserat sprach eine Rüge gegen "Titanic" aus.

Auch Kunstwerke wie der gekreuzigte Frosch des Künstlers Martin Kippenberger oder der bitterböse Jesus-Film von Herbert Achternbusch empörten den Papst und viele Katholiken. Tatsächlich war beides zugleich lustig und geschmacklos. Und doch muss diese Art von Kunst möglich sein, gerade weil sie Debatten anstößt und Grenzen aufzeigt. Das sah im Fall "Titanic" sogar Joseph Ratzinger ein und zog seine Klage gegen Titanic zurück.

Neue Dimension erreicht

Wer aber bestimmt, was beleidigend ist? Nicht irgendwelche Verrückten, die zur Selbstjustiz schreiten und um sich ballern, sondern: die Gerichte. Diesmal aber ist alles viel schlimmer. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp spricht im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" von "Bildersturm": Islamisten zerstörten Buddha-Statuen in Afghanistan, das Weltkulturerbe in Syrien und Bibliotheken in den Vororten von Paris. Aber Menschen haben sie bisher nicht getötet. Bredekamp: "Einen kollektiven Mord an Künstlern hat es in der Kunstgeschichte niemals zuvor gegeben." Nun ist eine neue Dimension erreicht. Bredekamp fürchtet, dass in Zukunft die Meinungsfreiheit nicht mehr garantiert ist. Dass Künstler, Karikaturisten, Filmemacher, Schriftsteller (wie Salman Rushdie) um ihr Leben bangen müssen. Und dass sie im schlimmsten Falle zu Opfern werden. Sein Fazit: "Wir müssen immer wieder kämpfen für den Freiraum der Kunst." Und lernen, zwischen einem Bild und seinem Urheber zu unterscheiden.

Die Lehre daraus ist ein großes TROTZDEM: Karikaturen wie die von "Charlie Hebdo" müssen sein, auch wenn sie uns nicht gefallen. Uns nicht einschüchtern zu lassen, tolerant und gelassen zu bleiben, ist die einzige Chance. Wo die Grenzen der Kunst sind, dürfen im Extremfall nur Gerichte entscheiden und festlegen, nicht verletzte Gläubige und schon gar nicht fanatisierte Waffenträger.

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