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Suizid in Schmölln: Flüchtling sprang aus dem 5. Stock - starke Zweifel an "Spring doch"-Rufen

Der Tod eines jugendlichen Flüchtlings schockiert Deutschland. Er war am vergangenen Freitag aus dem Fenster seiner Unterkunft gesprungen. Von Schaulustigen sollen "Spring doch"-Rufe zu hören gewesen sein. Doch Thüringens Ministerpräsident zweifelt daran.

Unterkunft

Nach dem tödlichen Fenstersturz eines 17-jährigen Flüchtlings aus dem fünften Stock seiner Flüchtlingsunterkunft ist noch nicht abschließend geklärt, ob ihn Anwohner tatsächlich zum Suizid ermuntert haben

Sollten sich die Berichte bestätigen, wäre es ein Zeugnis von Grausamkeit und einem vollkommenen Mangel an Mitgefühl: Nachdem ein Flüchtling am vergangenen Freitag im thüringischen Schmölln aus seinem Fenster gesprungen war, kursieren Berichte, wonach Schaulustige dem jungen Somalier zugerufen hätten, er solle springen. Offiziell bestätigt sind diese jedoch nicht. Und mittlerweile kommen immer mehr Zweifel daran auf, dass es diese Rufe wirklich gegeben hat.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow sagte im Deutschlandfunk er habe starke Zweifel daran, dass Personen den jungen Mann zum Sprung ermuntert haben. Das Geschehen habe möglicherweise eine andere Entwicklung gehabt, sagte Ramelow. Ein Nachbar, der nach eigenen Angaben gerufen hat, habe dies auf den Sprung in das von der Feuerwehr aufgespannte Sprungtuch bezogen, erklärte Ramelow. Der junge Mann war jedoch neben dem Sprungtuch aufgeschlagen und im Krankenhaus an seinen inneren Verletzungen gestorben. "Am Ende bleibt es bei einem schlimmen Todesfall eines jungen Menschen, der seine Verzweiflung nicht aushalten konnte", so Thüringens Ministerpräsident.

Kommentare im Netz zum Teil "katastrophal"

Auf Twitter schrieb Ramelow später, "Ich trauere um den jungen Mann und lasse alle Umstände aufklären". Kommentare in sozialen Netzwerken, die den Suizid des Flüchtlings befürworteten, bezeichnete er als "inhuman" und "katastrophal". Diese seien beschämend, so der Politiker.

Derzeit geht die Polizei nicht mehr davon aus, dass Anwohner den Flüchtling zu der Tat ermunterten. "Nach jetzigem Kenntnisstand ist das nicht der Fall", sagte ein Sprecher der Landespolizeidirektion und berief sich dabei auf Beamte, die an dem Einsatz beteiligt waren, und befragte Augenzeugen. "Diejenigen, die das am Anfang gesagt haben, konnten das in der Zeugenbefragung nicht mehr deutlich verifizieren."

Ein Polizeisprecher sagte der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag, eine Mitarbeiterin der Einrichtung habe bei ihrer Befragung erklärt, dass die Worte "Spring doch" so nicht gefallen seien. Der Geschäftsführer der Betreuungseinrichtung, David Hirsch, hatte am Samstag erklärt, dass eine Mitarbeiterin entsprechende Rufe gehört hatte. Stattdessen habe sie offenbar gemeint, etwas Ähnliches gehört zu haben. 

Landrätin Sojka "tief erschüttert"

Auch Äußerungen von Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade hatten Spekulationen befeuert, dass solche Rufe zu hören waren. Dem MDR sagte er: "Uns liegen auch Informationen vor, dass einige, ich nenne sie mal Schaulustige, diesem Vorfall lange beigewohnt haben, und wohl auch Rufe gefallen sein sollen wie ‚Spring doch‘". Polizei und Feuerwehr bestätigten entsprechende Rufe hingegen nicht. Sie hielten sich nach eigenen Angaben längere Zeit vor der Unterkunft auf.

Den Polizei-Angaben zufolge war der Jugendliche zuvor wegen psychischer Probleme in Behandlung. Kurz vor der Tat habe er in der Unterkunft randaliert, weshalb die Polizei gerufen wurde. Die Beamten konnten ihn aber nicht mehr vom Sprung aus dem fünften Stock abhalten. Polizei und Feuerwehr bestätigten, dass sich Schaulustige vor der Unterkunft aufhielten. Nach Polizeiangaben filmte ein Passant die Szenen mit einem Handy. Er sei noch vor Ort aufgefordert worden, das Video zu löschen, was er vor den Augen der Beamten auch getan habe.

Das Landratsamt im Kreis Altenburger Land, zu dem Schmölln gehört, will sich ebenfalls mit dem Vorfall befassen. Dazu plant Landrätin Michaele Sojka (Linke) nach eigenen Angaben Gespräche mit den zuständigen Ämtern und den Mitarbeitern der Einrichtung, die die minderjährigen Flüchtlinge betreut. Sojka reagierte "tief erschüttert", auf den Tod des jungen Mannes.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

amt mit DPA