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"Schnauze Wessi" zum 3. Oktober: Die Asamoah-Verschwörung

Der 3. Oktober ist Nationalfeiertag und niemand weiß warum. Von der deutschen Einheit einmal abgesehen, verbirgt das Datum ein weiters bizarres Geheimnis. Eine Enthüllung.

Von Holger Witzel

Diesen Montag haben die meisten Deutschen frei. Manche ernten die letzten Äpfel im Garten, ein paar halten Reden, viele betrinken sich einfach. So feiert das Land nun schon seit 21 Jahren den "Tag der Deutschen Einheit". Und noch rätselhafter als der Anlass ist eigentlich nur das Datum.

Warum veräppeln wir uns nicht am 2. Oktober, halten die Festreden gleich am 11.11. oder saufen beispielsweise am 26. September etwas mehr als sonst? Warum musste die DDR ausgerechnet am 3. Oktober 1990 „dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland" beitreten, wie es der offizielle Euphemismus seinerzeit noch formulierte? Es war keine leichte Recherche, zumal ich schon nach dieser ersten Fundstelle („Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich!“) ständig lachen musste. Aber schließlich habe ich habe es doch heraus bekommen.

Es waren stressige Wochen damals. Die einen wollten unbedingt Westdeutsche werden, die anderen unbedingt Westdeutsche bleiben. Für die einen sollte sich alles ändern, für die anderen nur die Postleitzahlen, und das war schon eine Zumutung. Die einen dachten, wir renovieren dieses kleine, dreckige Land einmal komplett durch, schreiben die Kosten von den Steuern ab und vermieten es dann an die Ureinwohner weiter. Die anderen dachten, sie müssten nur Hammer, Zirkel und Ährenkranz aus ihrer Fahne schneiden und könnten danach weiter als Schmied, Ingenieur oder Bauer arbeiten. Dabei waren sie nur als Konsumenten vorgesehen, einen Beruf, für den es in der DDR nicht mal eine Ausbildung gab.

Ihr erstes Westgeld hatten sie schon für gebrauchte Autos und Videorekorder ausgegeben, während die anderen nach 17 Millionen ausgehungerten Verbrauchern auch noch deren Grundstücke und Fabriken übernehmen wollten. Damit dieser Deal eine halbwegs rechtliche Grundlage bekam, musste der sogenannte Einigungsvertrag noch schnell durch die Parlamente beider Staaten gepeitscht werden und die vier Siegermächte alles abnicken. Die einen waren so naiv wie die anderen. Gier und Torschlusspanik prägten den Sommer 1990. Fehlte nur noch ein Stichtag - so weit die offizielle Version.

Der 3. Oktober war der einzige freie Termin für Politiker

Diese Hektik und das gern bemühte "enge historische Zeitfenster" dienen seitdem als Generalausrede für allerlei Fehler, die sich dabei eingeschlichen hatten - wie es der Zufall wollte stets zum Nachteil einer Seite. In Wahrheit spielten weder weltpolitische, noch allein wirtschaftliche Bedürfnisse des Westens ein Rolle, ja nicht einmal wahltaktische der angeschlagenen Regierung Kohl, wie Kritiker im Zusammenhang mit der schnellen Währungsunion in den letzten 22 Jahren oft vermuteten. Der 3. Oktober, so belegen es bis heute verschollene Protokolle, wurde nur deshalb Nationalfeiertag, weil die wichtigsten Politiker keinen anderen Termin mehr frei hatten.

Die seitdem gerade an diesem Tag oft beschworene innere Einheit war schon in der geheimen Termin-Findungs-Kommission nicht herstellbar. Tagelang stritten sie über ein passendes Datum. Es sollte die eigenen Befreiungskräfte der Ostdeutschen nicht überbewerten wie etwa der 9. Oktober, an dem ein Jahr zuvor 70.000 Leipziger um ihre Innenstadt gezogen waren, erstmals unbehelligt, aber bei klar angedrohter Lebensgefahr. Zudem brauchte man ein Datum, an dem Deutsche in der Vergangenheit nicht allzu viel Kristall zerschlagen hatten, weshalb der 9. November von vornherein ausschied. Neben allem historischen Ballast hatte am Tag des Mauerfalls ja auch keiner etwas Besonderes geleistet. Ein missverständliche Presserklärung wäre zwar eine unsympathische Gründungsurkunde für ein wirklich neues, gemeinsames Land gewesen wäre. Aber genau das wollte ja keiner.

Nur ein paar unverbesserliche Bürgerrechtler ritten immer noch auf einer neuen Verfassung herum, wie es das Grundgesetz eigentlich vorsah. Doch das was schneller geändert, als sie diese Secondhand-Demokratie überhaupt durchschauen konnten. Als Alibi durften sie in einer Bundestags-Kommission noch ein paar Jahre darüber reden. Auch ihre Bedenken zum 3. Oktober waren schnell vom Tisch gewischt. Dass es der zweite Todestag von Franz Josef Strauß war, der die menschenverachtende Diktatur noch ein paar Jahre vorher mit Milliardenkrediten stabilisiert hatte, störte die Befürworter des Datums nicht. Selbst die Einweihung des Ost-Berliner Fernsehturms am 3. Oktober 1969 schreckte niemanden ab. Es musste – dagegen konnten schließlich auch die aufrechten Bürgerrechtler nichts mehr einwenden – unbedingt der Geburtstag von Gerald Asamoah sein.

Neben den Terminproblemen von Kohl und Kollegen war das der kleinste gemeinsame Nenner. Sogar England und Frankreich konnte man diesen scheinbar lapidaren Kompromiss als Sicherheit dafür unterjubeln, dass sich niemand mehr vor gesamtdeutschen Gefühlen fürchten muss. Der knapp 12-jährige Junge aus Ghana war damals gerade frisch nach Deutschland gekommen und spielte beim Ballspielverein Werder Hannover. Es sei nicht abzusehen, so notierte der Protokollführer, "dass A. einmal in der deutschen FNM o.ä. spielen wird". Die Abkürzungen "o.ä." und "FNM" werden von Historikern heute unterschiedlich interpretiert. Für manche ist "Fußball-National-Mannschaft oder ähnliches" allerdings ein Beleg, dass die Kommission genau wusste, was sie tat. Manche vergleichen den Tag der Deutschen Einheit deshalb sogar mit der moralischen Wiederaufrüstung nach dem 1. Weltkrieg. Aber letztlich kommt es darauf auch nicht an, weil die Protokolle, ihre einzige Quelle – wie gesagt – verschollen sind.

Neue Nationalhymne nötig

Die Verschwörer von damals möchten aus guten Gründen lieber nicht darüber sprechen. Der Einheitskanzler lehnt Interviews, die mit Geld und Ehrenwörtern zu tun haben, traditionell ab. Die Verhandlungsführer auf ostdeutscher Seite leiden unter Alkoholsucht oder möchten erst die eben verlängerte Stasi-Überprüfung abwarten.

Einer deutet immerhin an, dass auch eine neue Nationalhymne für lange Diskussionen sorgte. Ein Vorschlag mit dem Titel "Wir sind das Volk" wurde aus "Zeitgründen" abgebügelt. Angeblich hätte das vor allem Westdeutsche überfordert, die sich gerade erst an die dritte Strophe der alten Nazi-Hymne gewöhnt hatten. Peinliche Zwischenfälle wie kürzlich bei den Ruder-WM, als die ungarischen Gastgeber eine veraltete Platte auflegten, nahm man dafür gern in Kauf. Ebenso die Zurückhaltung von Sportlern wie "A. o.ä.", die vorsichtshalber nicht mal die Lippen bewegten.

Als Asamoah vor zehn Jahren eingebürgert wurde, die ersten Tore für die "FNM" schoss und schließlich sogar von ahnungslosen Propaganda-Funktionären für die Kampagne "Du bist Deutschland" eingespannt wurde, drohte die ganze Sache aufzufliegen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte 2004 die Notbremse ziehen und – unter der Legende, Haushaltslöcher zu stopfen - den Tag der Deutschen Einheit künftig nur noch am jeweils am ersten Sonntag Oktober feiern.

Es gab heftige Kritik, weniger wegen der Entwertung des Feiertages, als wegen der Arbeitszeitverlängerung für sein ohnehin geschundenes Agenda-Volk. Den wahren Hintergrund ahnte auch niemand, als die sächsische CDU vor einiger Zeit Überlegungen anstellte, historische Gedenktage unter einen ähnlich strengen Schutz zu stellen wie die sogenannten "stillen Feiertage", an denen Demonstrationen, aber eben auch Sportveranstaltungen gesetzlichen Einschränkungen unterliegen. Karfreitag, Totensonntag, Tag der deutschen Einheit - das wäre zwar auch den Gefühlen vieler Menschen entgegen gekommen, denen der 3. Oktober oder der 9. November im Nachhinein wie das 9/11 Deutschlands vorkommt. Ex-Grenzsoldaten etwa, Mitarbeitern im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen oder Millionen anderen Arbeitslosen. Aber prompt warf man den Politikern vor, nur kritische Proteste zur Einheit verhindern zu wollen.

Inzwischen hat der DFB-Vollstrecker Löw die Affäre ähnlich elegant gelöst wie die jahrelange Schande eines ostdeutschen Kapitäns. An seinem 31. Geburtstag sitzt Gerald Asamoah diesen Montag sogar ganz ohne Verein zu Hause. So danken sie es einem, wenn man zwischen die Räder politisch korrekter Ränke gerät. Nach 43 Länderspielen will er deshalb auch nicht mehr Deutschland sein, sondern künftig lieber im Ausland spielen.

Wer trotz dieser Indizien nicht an die Asamoah-Verschwörung glaubt, kann ja mal auf die Rede des Bundespräsidenten achten. Nach dem Islam wird er sicher auch dieses Jahr wieder eine Eingemeindung vornehmen. Vielleicht gehört nun Griechenland zu Deutschland, vielleicht sogar Sachsen-Anhalt. Aber jede Wette, dass er einem Mann wieder nicht zum Geburtstag gratuliert. Ich schon – wem denn sonst an diesem Tag: Alles Gute, Asa!