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Schnauze, Wessi!: Kochen bei "Freunden"

In der DDR wurden Sowjetsoldaten ironisch "Freunde" genannt. Heute halten sich westdeutsche Besatzer dafür und kochen auch noch gern. Eine Verwechslung.

Von Holger Witzel

Wenn die Küche zum Hobbykeller wird, fehlt vermutlich Oral-Sex, meint Holger Witzel.

Wenn die Küche zum Hobbykeller wird, fehlt vermutlich Oral-Sex, meint Holger Witzel.

Wir waren zu "einem zwanglosen Abend unter Freunden" eingeladen und ich verrate sicher nicht zu viel, wenn ich die Gastgeber Gesa und Niklas nenne. Nach etlichen Absagen wegen kranker Kinder oder plötzlicher Dienstreisen gab es diesmal keine glaubwürdige Ausrede mehr - dafür einen ebenso kurzen wie sinnlosen Streit, wer diese hartnäckigen Leute eigentlich mit in die Ehe gebracht hat. Ich glaube ja nach wie vor, meine Frau hätte mal neben Gesa im Theater gesessen und sich zu einer Facebook-Freundschaft nötigen lassen. Sie schwört allerdings, mir wäre Niklas bei einer Party eines Freundes meines zweitbesten Freundes Ludger vorgestellt wurden. Egal: Wir kennen sie jedenfalls vom Sehen und ahnten ungefähr, was uns erwartet.

Eine Einladung auf Büttenpapier und "U.A.w.g." ist naturgemäß etwas anderes als: "Kommt mal vorbei, Nudeln und Wein sind immer da". Das erklärte Ziel, "interessante Leute miteinander bekannt zu machen", wirkt unter ihresgleichen vielleicht schmeichelhaft - bei uns tötete es nur den Rest Neugier ab. Im Wesentlichen - so hatte sogar Ludger gewarnt - dienen diese Abende dazu, möglichst viel Gewese um die Sitzordnung zu machen. Pünktlichkeit jedenfalls wird nicht erwartet und entlarvte uns gleich als Neue.

Gesa kreischte hysterisch in die Sprechanlage. Ihr Handtaschen-Hund kam uns kläffend und vier Etagen entgegen. Die anderen Bewohner sollten ruhig mitbekommen, dass im Dachgeschoss wieder mal gefeiert wird. Ihr Zorn war hinter jeder Wohnungstür zu spüren. Aber wo soll man sich beschweren, wenn sowjetische Panzer durch die Straßen dröhnen oder die noch lauteren Hausbesitzer über einem wohnen? Zu den Gepflogenheiten des neuen Besatzungsrechtes gehören auch Gesas Judasküsse rechts und links - zum Glück nicht mehr auf den Mund wie bei Breschnew und Honecker.

Westdeutsche Männer wollen immer besser sein

Die anderen Gäste kannten den Brauch offenbar schon, der mit "Niko kocht!" trotz Ausrufezeichen beinahe zurückhaltend angekündigt war. Eine halbe Stunde brauchte er allein, um uns einen groben Überblick über die Möglichkeiten seiner semiprofessionellen Küche zu verschaffen. Dann erklärte er sein Rezept, das er - zusammen mit einer Schürze - von drei Wochen von einem Wochenendkurs in Paris bei irgendeinem Meisterschüler eines Schülers von Paul Bocuse mitgebracht hatte. Natürlich erwähnt er auch den Preis des Seminars - "ohne Flug und Hotel!" -, der mir so bekloppt vorkam, dass ich immer noch fürchte, ihn falsch verstanden zu haben und die vierstellige Zahl vorsichtshalber nicht wiedergebe.

Es muss Gründe geben, warum vor allem westdeutsche Männer die Zubereitung von Mahlzeiten in den letzten Jahren massenhaft als kultgleiche Zeremonie für sich entdeckt haben. Wie immer artet es bei ihnen sofort in Angeberei aus, Selbstverständlichkeiten in Wettbewerbe. Sie müssen mit allem, was sie tun, irgendwem irgendwas beweisen und irgendwie besser sein. Allein diese Haltung nötigt mich an dieser Stelle, vollkommen überflüssigerweise knappe Zeichen der Kolumne zu verschwenden, nur um zu erklären, dass ich auch koche, wenn ich Hunger habe oder dran bin. Es haben sich bisher auch nur wenige Mitesser beschwert oder Beschwerden davon bekommen. Dennoch werde ich mich nicht zu Vergleichen hinreißen lassen, die Gastrosexuelle Männer beleidigen könnten. Nur so viel: Wenn die Küche zum Hobbykeller wird, fehlt vermutlich Oral-Sex. Oder sie halten das für Gleichberechtigung. Gesa wahrscheinlich auch - so lange die einheimische Putzfrau am nächsten Morgen aufräumt.

Endlich baute Niko - "Voila!" - seine jüngste Neuanschaffung vor uns auf und erwartete wohl überwältigende Reaktionen, mindestens eine Ohnmacht. Leider sah es nur aus wie eine Rührschüssel mit Digital-Anzeige. Das Grammzeichen am Ende rettet mich schließlich. "Eine Küchenwaage", sagte ich und täuschte Gewissheit vor wie ein Quiz-Kandidat, der zu schnell auf den roten Knopf gehauen hatte. Anscheinend lag ich nicht vollkommen daneben, aber auch nicht ganz richtig, denn der Showmaster deutete heftige Zahnschmerzen an, als wolle er das gerade noch gelten lassen. "Eine PKKW 2010 exa", sagte er schließlich und strich zärtlich über den Rand der Schüssel. "Mit Spritzwasserschutz, Tara-Funktion, alles in allem 350 Euro." Die Lithiumbatterie hält angeblich 10 Jahre, sei aber extra gewesen.

Bohneneintopf in Braunkohlen-Kantinen

Ich pfiff so angemessen durch die Zähne, dass sich Anstand und Ironie gerade noch die Waage hielten. Dann durfte ich ihm beim Salat zur Hand gehen, zumindest die Blätter waschen und schleudern, das Vinaigrette blieb natürlich seine Sache. Ich hasse Rucola, aber das nur nebenbei. Vermutlich wollte Niko auch nur sehen, ob ich mit seiner Edelstahlsalatschleuder zurechtkäme. Doch glückliche Umstände wollten es, dass ich - nur mit Kopfsalat, Zitronendressing und Geschirrtüchern aufgewachsen - 1994 in Hamburg schon einmal so ein Gerät erklärt bekam und danach eine Woche lachen musste. Eine Salatschleuder! Mindestens drei Teile Abwasch für ein paar angeblich knackigere Blätter Grünzeug.

Für den Hauptgang schmorte bereits ein "Limetten-Kalbsblanquette" in einem der beiden brusthohen Öfen vor sich hin. "Eigentlich essen wir gar kein Fleisch mehr", entschuldigte sich Gesa, während Niko das Geheimnis seines geschmeidigen Spätzleteiges beschwor. "Blasen! Blasen! Blasen schlagen!" Und so wechselten sich ihre Monologe ab, ohne aufeinander einzugehen. Und diese seltsame Art der Gesprächsführung änderte sich im Grunde auch später nicht, als die anderen Gäste am Tisch saßen und jeder von sich erzählte. Insgesamt waren wir acht. Sechs Leute redeten gleichzeitig aneinander vorbei. Wir schwiegen. Meine Frau, weil sie das so gelernt hat. Und ich, weil ich mich aufs Schlucken ohne zu Kauen konzentrierte.

Vielleicht war es keine Absicht, aber Niklas hatte wirklich an alle Zutaten gedacht, die ich schon einzeln meide wie Moslems Schweinskopfsülze. Seine Spätzle gingen komplett im Koriander unter. Dazu Kokosmilch, Ingwer, Kapernäpfel, Sellerie - für meinen Geschmack ausnahmslos eklige Widerwärtigkeiten der angeblich modernen Küche. Dazu sein Lamento über die immer noch schlechten Einkaufsmöglichkeiten. Gesas Gestocher im Essen und in Themen, die sich allesamt um ihre Figur drehten. Den bulimischen Gabel-Ellbogen aufgestützt, wie wir das sonst nur von gemischtdeutschen Kindergeburtstagen kannten. Genau kann ich mich nicht erinnern: Aber vermutlich wurde selbst der Bohneneintopf in Braunkohlen-Kantinen eleganter mit Alulöffeln aus Plasteschüsseln gefördert.

"Und was habt ihr so gegessen?"

Ein paar Mal äffte meine Frau die Tischmanieren nach, aber mir war nicht zum Lachen. Essen und Gespräche waren kurz davor, die Contenance meines Zäpfchens zu überwinden, während Niklas zum siebenten Mal fragte, ob das nicht ganz wunderbares Fleisch sei. Die anderen Gäste versicherten es ihm unter immer neuen Hinweisen auf die letzten kulinarischen Höhepunkte ihres eigenen Herdes. Meine Frau, auch mehrfach zu einer Antwort genötigt, stimmte schließlich mit der Einschränkung zu: "Obwohl wir sonst eigentlich keine Tierbabys essen."

Sie genoss die betretene Pause, bis Niko die Situation zu retten versuchte und fragte: "Was habt ihr eigentlich so gegessen, wenn mal Gäste kamen - ich meine früher so, in der ehemaligen DDR?"

Fast kam es mir vor, als hingen die anderen kurz an den Lippen von uns zwei Ehemaligen, gierig auf irgendeine Menschenfressergeschichte von verbrutzeltem Fleisch-Ersatz auf Holzkohlenimitat, aberwitzigen Sättigungsbeilagen oder dieser russischen Wurstsuppe, deren Namen sie sich nie merken konnten. Meine Frau täuschte einen vollen Mund vor. Ich schluckte schwer und antwortete erwartungsgemäß: "Meistens Soljanka."

Andächtig nickten sie - und als keine Pointe mehr zu erwarten war, ging es weiter um ihren Scheiß. Einer war Anwalt, hatte in den ersten zehn Jahren Westdeutsche bei der Privatisierung von Ostbetrieben beraten, inzwischen wickelt er deren Insolvenzen ab - "WinWin" und so weiter. Fast hatten wir den Abend überstanden, als es mir doch plötzlich hochkam. Es waren nicht mal die Gespräche, ich hatte zum Schluss auf so eine Kapernbeere gebissen und stürzte - gefolgt von Gesas erschrockenem Kläffer - zum Klo.

Der drohende Spieleabend

Sie müssen jetzt nicht weiterlesen, aber ich habe es nicht ganz geschafft. Bis ich alles wieder los war, verpasste ich außerdem die Crème brûlée - oder war es "catalane"? Unterdessen schleckerte Gesas Hund den Badezimmerboden blitzsauber, was auch nicht zur Beruhigung meiner Speiseröhre beitrug. Jedenfalls musste ich dankend ablehnen, als der Hausherr für mich noch einmal seinen Handfeuerwerfer zum Flambieren zücken wollte.

In keinem Text über Westdeutsche habe ich mich je so ausgekotzt wie an diesem Abend. Und dass Gesa und Niko nun doch noch erfahren, dass es eigentlich nur ihrem Hund geschmeckt hat, war der eigentliche Zweck dieser Anekdote. Sie verabschiedeten uns nämlich mit den Worten, es sei immer so "erfrischend, auch mal Einheimische da zu haben". Wir bekamen drei neue Freundschaftsanfragen auf Facebook. Weitere Einladungen drohten. Spieleabende womöglich. Nun hoffentlich nicht mehr.

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