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Schnauze Wessi!: Der Westen macht krank

Allergien, Depressionen, Demenz - seit 20 Jahren breiten sich in Ost-Deutschland seltsame Krankheiten aus. Eine Anamnese.

Von Holger Witzel

Noch schlapp vom letzten Sprint aufs Klo frage ich mich, wo dieses Virus wieder herkommt. Der Wirkung nach könnte es aus Darmstadt sein, wo ich letzte Woche tatsächlich war. Oder habe ich es mir beim Elternabend eingefangen, wo eine gewisse Diskussions-Diarrhöe grassierte? War es womöglich mein zweitbester Freund Ludger, der einen dreimal täglich mit Handschlag begrüßt, um seine wahre Herkunft zu verschleiern? Und plötzlich sehen meine fiebernden Augen die Dinge klar wie nie: Es ist der Westen, der einen krank macht - eine einzige Seuche.

Bis 1989 kannte zum Beispiel ich nur einen einzigen Menschen mit Heuschnupfen. Er war vom Sport befreit, benutzte riesige Stofftaschentücher, und obwohl er die stets mit dramatischer Geste aus der Hosentasche wedelte, steckte er keinen von uns an. Es blieb eine rätselhafte Krankheit, immer nah am Simulantentum, aber als ihn das ewige Geniese dann wirklich vor der Volksarmee bewahrte, genoss er auch jede Menge Neid und Respekt.

Heute muss keiner mehr zur Armee, dafür klagt jeder dritte Deutsche über Atemwegsallergien. Mit denen, die empfindlich auf Nahrungsmittel, Medikamente oder Insektengift reagieren, die unter Kontaktallergien und Neurodermitis leiden, kommen Forscher locker auf 50 Prozent der Bevölkerung. Es gibt inzwischen sogar Tage, da höre ich mich öfter "Gesundheit" sagen als "Schnauze Wessi!". Und das kann, bei aller Freude über 20 Jahre Deutsche Einheit, auch nicht gesund sein.

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Niemand in der Planwirtschaft kannte Burn-Out-Syndrome, außer vielleicht die Planwirtschaft selbst. Mal einen Tripper, okay. Aber Aids, ADS oder ADHS? Wo kommen auf einmal diese ganzen rätselhaften Defizite an Abwehrkraft, Aufmerksamkeit und der Gelassenheit her, auch mal eine ruhige Kugel oder eine Nummer in der Mittagspause zu schieben? Gar nicht zu reden von Rückenschmerzen, die mir persönlich vor 20 Jahren auch noch völlig fremd waren. Inzwischen sitze ich auf einem sinnlos teuren, orthopädisch ausgefeilten Stuhl, habe den aufrechten Gang verinnerlicht beziehungsweise gelernt, dass Rückgrat heute auch nicht immer gefragt ist. Trotzdem spüre ich die Ausbeuter jeden Abend im Kreuz.

Auch wir hörten in den 80er Jahren gern traurige Musik, waren oft betrunken oder beides und vögelten vielleicht auch mehr als heute, mit Mitte 40. Trotzdem benutzte kein Mensch Viagra und niemand kam auf die Idee, ganz normale Massenphänomene wie Sexsucht, Alkoholismus oder Depressionen immer gleich als Volkskrankheit abzustempeln. Dabei nahm die DDR, einmal abgesehen von Gegenden nördlich des Polarkreises oder Ost-Westfalen, sicher einen Spitzenplatz unter den deprimierenden Orten dieser Welt ein.

Nur damit das klar ist: Ich möchte keinesfalls die DDR-Zahnarztbohrer, andere Verbrechen des Regimes oder gar die Menschenversuche westdeutscher Pharmakonzerne an ahnungslosen Zonis relativieren. Aber seltsam ist schon, was für seltsame Krankheiten hier neuerdings wüten.

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Plötzlich bekommen Freunde in meinem Alter einen Herzinfarkt und ihre Kinder ein Attest, weil sie nicht auf Anhieb richtig lesen und schreiben können. Nach Angaben der Vereinten Nationen geht die Zahl der HIV-Infektionen weltweit zurück, aber im Osten Deutschlands steigt sie weiter. Etliche Landsleute sterben immer noch in viel zu schnellen Autos, andere in Afghanistan. Manche reden den ganzen Tag von bisher unbekannten Krankheiten wie Anthroposophie, Antriebs- und Langzeitarbeitslosigkeit. Bei einigen Frauen überlagern sich diese Symptome sogar, dann machen sie eine Heilpraktikerausbildung. Mit jedem jungen Republikflüchtling steigen prozentual die Demenzerkrankungen. Viele Menschen sind so traurig, dass sie ihr Leben in Demokratie und Freiheit am liebsten für immer vergessen würden. Andere wiederum haben vergessen, wie traurig es vorher war.

Dass im Westen an jeder Ecke eine Apotheke leuchtet, hat mich schon 1989 irritiert. Trotzdem lassen sich die vielen neuen Beschwerden nicht allein mit der pharmazeutischer Gier, der vor allem im Osten wachsenden Armut oder einem gewissen Nachholbedarf an Drogen erklären. Was ist passiert, dass Kinder nur noch unter Medikamenten still sitzen, während sich ihre Eltern tot arbeiten oder vor dem Fernseher auf die nächste Hartz-IV-Spritze warten? War an den Warnungen vor dem kranken Imperialismus am Ende mehr dran, als der gesunde Menschenverstand eines robusten DDR-Bürgers wahrhaben wollte? Freiheit ist ansteckend, hochinfektiös! Wie bei mutierten Viren müssen sich unbekannte Erreger eingeschlichen haben, auf die unser Immunsystem nicht vorbereitet war. War das gleich mitgelieferte Breitband-Wundermittel Demokratie vielleicht auch nur ein Placebo? Ergeht es uns wie diesen Urwald-Stämmen, die mit Glasperlen oder Fernsehgeräten aus dem Amazonas gelockt werden, bevor sie an fremden Zivilisationskrankheiten zu Grunde gehen?

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Wissenschaftler rätseln seit 20 Jahren, warum es in der DDR kaum Allergiker gab, aber sich gerade diese Zahlen schneller nivellieren als die Löhne oder etwa der Bevölkerungsanteil der Angeber. Manche Studien schieben es auf fehlende Nahrungsmittelzusätze. Darauf, dass es im Gemüseladen der HO nur einheimische Äpfel gab, Erdbeeren zur Erdbeerzeit und auch sonst kaum Fast-, Fix- und Fertig-Food in der Kaufhalle. Mit anderen Worten: Weil in der DDR im Großen und Ganzen gesünder gegessen wurde. Eine Studie versuchte sogar, die bessere Allergieabwehr mit dem höheren Butterkonsum zu erklären, im Gegensatz zu den ernährungsbewussten Margarine-Schmierern im Westen. Aber auch diese Hypothese half nicht weiter. DDR-Kindern tränten die Augen vielleicht wegen der Luftverschmutzung und weil sie kein Nutella bekamen, aber nicht wegen Haselnussallergien. Weil es in den Bruchbuden überall zog, fanden Hausstaubmilben kein gemütliches Zuhause. Der ständige Industrienebel hat unsere Schleimhäute abgehärtet, die ständigen Infekte aus der Kinderkrippe unser Immunsystem. Dagegen hatten harmlose Allergene wie Birkenpollen keine Chance und nach der so genannten Hygienehypothese hatte es offenbar auch Vorteile, dass kaum jemand einsam bei Müttern aufwuchs, die immer schon alles mit Meister Propper poliert hatten, bevor der Nachwuchs es in den Mund nahm. Heute dagegen gibt es unter allergischen Kindern und Jugendlichen fast keine Unterschiede mehr. Wenigstens bei den Krankheiten klappt es also mit der deutschen Einheit. Ost-Kinder - das kann man im Rückblick ruhig auch mal wertfrei konstatieren - waren arm und gesund. Nun sind sie krank und arm.

Als Hauptgrund für diese Entwicklungen nennen Experten immer wieder - na bitte - den "westlichen Lebensstil", was immer das jenseits von Wehleidigkeit und Pharma-Interessen bedeutet. Letztlich wird es sein wie in der Rüstungsindustrie: Wer massenhaft Wegwerftaschentücher produziert, muss auch dafür sorgen, dass sie irgendwann mal benutzt werden. Ab und zu braucht man einen eine Epidemie, Schweinegrippen, Vogelgrippen - nur nicht Kinderkrippen für alle. Das würde der Allergie-Industrie schaden. Dafür vertragen Kinder plötzlich keine Milch mehr.

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Niemand hat diese versteckten Kosten der Deutschen Einheit je beziffert. Am Ende wird man sie auch den Ostdeutschen anlasten, obwohl sie nur für den Aufschwung der westdeutschen Gesundheitsindustrie sorgen. Auch deshalb und natürlich aus Gründen der Quarantäne sollte man Westdeutschen vorsichtshalber nicht mehr die Hand geben. Möglicherweise sind sie auch selbst die aggressivsten Allergene für uns. Ich jedenfalls bekomme sofort Pickel, wenn ich wieder mal den Kopf zu spät zurückziehe und eine mir eigentlich fremde Kollegin Küsschen andeutet. Es sind vergiftete Judasküsse, nichts weiter. Oder eine Kontaktallergie?

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Füllhorn Rente 63 ?
Wer 2018 NEU in den Ruhestand ging a) und die „abschlagsfreie Rente 63“ mit mindestens 45 Versicherungsjahren kassierte, erhielt im Schnitt 1265 Euro monatlich, 1429 Euro (als Mann) bzw. 1096 Euro (als Frau) RENTE. b) und wer die „normale“ Altersrente kassierte, erhielt monatlich im Schnitt 950 Euro, 1080 € (als Mann) bzw. 742 Euro (als Frau) RENTE. Nach Adam Riese bedeutet das, das erst Zeiten ab dem 18. LJ für die Rentenversicherung gewertet werden, dass männliche Nicht-Akademiker über 45 Arbeitsjahre hinweg mehr als 25 Euro monatlich pro Stunde verdient haben müssten. sprich: ab 1973 ! (zu DM-Zeiten 50 DM Stundenverdienst ! ... als Nicht-Akademiker ??) Meine Erfahrung ist, dass man mit 18 zur Armee musste und das anschließende Studium frühestens im 25 LJ beenden konnte -- also in 1981 ! (25 + 45 = 70. LJ mit Altersrente ohne Abzüge). Ergebnis: erst in 2026 könnten vergleichbare Akamdemiker (nach 45 Vers.Jahren) in VOLLE Rente gehen. PS: Nach Rechnung der „Die Linke“ bräuchte man über 37 Jahre hinweg einen Stundenverdienst von mind. 14,50 Euro (29 DM), um NICHT auf die „Grundsicherung für Altersrentner“ angewiesen zu sein; also den statistischen Wert von 800 Euro mtl. Rentenbezug zu überschreiten. Wer erkennt den Zaubertrick der „abschlagsfreien Rente 63“ ? Wer kennt den Zaubertrick, in weniger Zeit, mit weniger Ausbildung, maximale Top-Renten-Ergebnisse zu erzielen ? (welches nicht einmal die gierigsten Börsenbanker und Versicherungsmakler in einer Demokratie für realisierbar hielten) ?
  • Holger Witzel