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Schülerzeitung: Demokratie machen in der Schule

Schülerzeitungen gibt es schon lange. Ihre Geschichte ist eine Reise von braven Schulberichten, aufmüpfigen Redakteuren bis zur Faszination Zeitung.

Von Sarah Benecke

Die Schülerzeitungen der 50er Jahre waren brav. In der Schule wurde nicht diskutiert, es wurde getan, was der Lehrer sagte. Disziplin und Ordnung waren gesellschaftliche Normen, denen sich auch die jungen Menschen anzupassen hatten. Von revolutionärem Geist war entsprechend wenig zu spüren, politische Beiträge waren dünn gesät. Dabei waren viele Schülerzeitungen doch nur aus einem Grund ins Leben gerufen worden: Demokratie.

Die meisten Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg

Auch, wenn es im 19. Jahrhundert bereits vereinzelt Schülerpresse gab, erlebte sie ihre große Gründungsphase doch nach dem zweiten Weltkrieg. Die Amerikanische Besatzungsmacht setzte sich in dieser Zeit für die Demokratisierung des Schulsystems ein - und ein zentraler Bestandteil dieses Prozesses waren die Schülerzeitungen. Die Jugend jedoch hatte wohl erst mal genug von Umsturz und Veränderung. "Es musste sich erst mal ein demokratisches Potenzial herausbilden", erklärt Dr. Sabine Reh, Professorin für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaften an der TU Berlin. Sie untersuchte im Rahmen eines Seminars die Themen in Schülerzeitungen von 1951-1962. Da die Vorstellung, ihr Studium um ein paar Semester zu verlängern, bei den Studenten keine große Freude hervorrief, mussten sie die Auswahl der Zeitungen allerdings eingrenzen. Kurzerhand beschloss die kleine Forschungsgruppe, einfach alle Zeitungen aus Orten, die mit "W" anfangen zu untersuchen. Anschließend ging das Gestöber los. Die Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin beherbergt den größten Bestand von Schülerzeitungen im Zeitraum von 1952 bis 1968. Hier verbrachten Sabine Reh und ihre Studenten so manchen Nachmittag, um vergilbte Artikel zu lesen und sie in mühsamer Kleinarbeit in Kategorien einzuteilen.

Heraus kam, dass die jungen Redakteure meist leichte Kost bevorzugten: Mindestens die Hälfte des Blattes bestand stets aus Humor und Rätseln, Schulmitteilungen oder Berichten über Ereignisse in näherer Umgebung. Bequem jedenfalls für die Recherche. Und auch den strengen Lehrern wird es gefallen haben, die Gehorsam ja bekanntlich gewohnt waren. Trotzdem schien sich das Projekt Schülerzeitung steigender Beliebtheit zu erfreuen. Bis Ende der 50er Jahre war ihre Anzahl deutlich gestiegen. Dr. Reh und ihre Mitarbeiter zählten 1951 nur zwei, sechs Jahre später schon rund vierzig Exemplare - jedoch nur, wohl gemerkt, in Weimar, Wiesbaden, Wismar und anderen "W"-Orten. 62 % davon erschienen an Gymnasien. Genau das war allerdings auch der Ort, an dem die Schüler im Laufe der 60er Jahre immer aufmüpfiger wurden. "In den Fünfzigern waren die noch nicht so frech", meint Sabine Reh. "Das änderte sich aber Mitte der Sechziger ganz schnell. Da gab es viele kritische Beiträge zum Ost-West-Konflikt, zur DDR oder zur Wiedervereinigung". Die Zeit um 1968 sei zudem eine sehr spezielle gewesen, sehr politisiert und radikal. "Da wurden linke, kommunistische Positionen vertreten, wie sie heute gar nicht mehr denkbar sind".

Diese Radikale Phase der Schülerpresse flaute mit der politischen wieder ab. Was blieb, war eine stetig wachsende Anzahl an jungen Zeitungsmachern, die der Faszination ihres Blattes erlegen sind. Seit Anfang der 90er Jahre entstehen auch immer mehr Schülerzeitungen an Grund- und Realschulen. Selbst etliche Sonderschulen haben schon ein eigenes Medium, von Schülern für Schüler gemacht. Ein Phänomen, das man in den Jahrzehnten zuvor kaum beobachten konnte, ist gleichzeitig eine sehr positive Entwicklung - für Kreativität und Demokratie an deutschen Schulen.