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Sexueller Missbrauch: Mit Samthandschuhen gegen die Trutzburg

Unabhängige Aufklärung? Von wegen. Die Besetzung des Runden Tischs der Bundesregierung ist zwar hochkarätig, sendet aber eine klare Botschaft an die katholische Kirche: Fürchtet euch nicht!

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Der symbolische Name ist kennzeichnend - und verräterisch. Als Reaktion auf die zahlreichen Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen an Schulen und in Kirchen hat die Bundesregierung einen "Runden Tisch" beschlossen. Er soll die Misere aufarbeiten, soll weitere Skandale in Zukunft vermeiden. Gleich drei Bundesministerinnen sitzen in der Runde. Kein Mann! Was bemerkenswert ist, geht der Missbrauch doch fast ausschließlich vom männlichen Geschlecht aus.

Vorsitzende ist CDU-Familienministerin Kristina Schröder, assistiert von FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und CDU-Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Zuarbeit liefern zwei Arbeitsgruppen, die eine kümmert sich um bessere Vorbeugung, die zweite um die juristische Aufarbeitung. Hinzu kommt eine Missbrauchsbeauftragte in Person der ehemaligen SPD-Familienministerin Christine Bergmann. Eine in der Tat verdienstvolle SPD-Ostfrau, die vielfach durch bemerkenswerte familienpolitische Initiativen und im Kampf gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder, ihre sexuelle Ausbeutung und Kinderpornografie im Kabinett Schröder geglänzt hatte, aber heute immerhin schon 70 Jahre alt ist.

Für eine systematische Aufarbeitung ungeeignet

Doch die politisch hochrangige Besetzung kann nicht ernsthaft davon ablenken, dass hier eine Institution ans Werk gesetzt worden ist, die nicht viel für die systematische Aufarbeitung des Skandals in Schulen und kirchlichen Institutionen taugt. Die Kritik der Grünen daran ist berechtigt.

Das beginnt bei den Personen. Ministerin Schröder ist noch dabei, sich in ihrem Ministeramt überhaupt zurecht zu finden; ihr politisches Gewicht in der CDU ist eher gering. Bei Ministerin Schavan muss die Frage gestellt werden, ob sie nach ihrer langjährigen, engen beruflichen Bindung an die katholische Kirche die unabdingbare Unabhängigkeit für ihre Arbeit am Runden Risch mitbringt. Hat sie den Mumm, etwa dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller offen entgegen zu treten? Der hat die Berichterstattung der deutschen Medien über die Vertuschung des in der Kirche bemerkenswert häufigen sexuellen Missbrauchs mit der Propaganda der Nazis einst gegen die Kirchen verglichen. Leutheusser-Schnarrenberger wiederum fiel bislang dadurch auf, dass sie sich nur sehr bedingt für ein konsequentes strafrechtliches Vorgehen gegen die Täter ausgesprochen hat, zudem nur sehr zaghaft für eine Änderung der Rechtslage etwa beim Blick auf längere Verjährungsfristen bei diesen Verbrechen. Missbrauchte, traumatisierte Kinder finden doch oft erst als längst Erwachsene den Weg zur Anzeige.

Wichtige Themen aus der Diskussion verdrängt

Die wichtigste Voraussetzung für die Aufarbeitung dieses Skandals fehlt somit dem Runden Tisch: die Unabhängigkeit, sowohl die politische wie die religiöse. Alle, die dabei sitzen, sind auf die eine oder andere Weise eingebunden. Das gilt auch für die Sozialdemokratin Bergmann, mit der auch die SPD in eine möglichst kantenlose Bewältigung des Konflikts eingebunden wird.

Was ganz offensichtlich aus der Diskussion verdrängt werden soll: Es geht hier nicht um den bekannten sexuellen Missbrauch von Kindern in Familien oder im sozialen Nahbereich. Bei dem, was hier - endlich - aufgeflogen ist, handelt es sich um Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche und in evangelischen, staatlichen und privaten Schulen. Das sind Institutionen, denen keineswegs unbekannt war und ist, was alles in ihren Schlafzimmern und Sakristeien läuft. Aber die Schweigekartelle funktionierten ebenso wie der geradezu fahrlässig nachsichtige Umgang mit ertappten Missetätern. Die wurden versetzt und durften weiter machen.

Unabhängige Aufarbeitung bleibt aus

Gehört ein Skandal, bei dem so intensiv von den Verantwortlichen geleugnet, vertuscht und verharmlost worden ist, was wirklich geschah, an einen runden Tisch? Nein! Er gehört in die Hände unabhängiger Dritter. Eine unabhängige Kommission des Bundestags mit einschlägig ausgebildeten pädagogischen und psychologischen Experten wäre angemessen gewesen. Und notwendig wäre ohne weitere Verzögerung, dass die staatlichen Stellen die Justiz ohne politische Gängelung arbeiten lassen. Und wenn schon die Verjährung die Täter schützt, so sollte den Opfern wenigstens Entschädigung zugute kommen.

Eine überzeugende Erklärung, weshalb die Kanzlerin diesen Runden Tisch energisch befördert hat, findet sich nicht. Um noch weiteren Ärger mit der Kirche zu vermeiden? Wahrscheinlich. Doch dieses Problem, das natürlich das "C" in ihrem Parteinamen erheblich belastet, lässt sich nicht aussitzen. Der Runde Tisch schont lediglich die ausgeprägte Wagenburgmentalität der katholischen Kirche.

Aber man stelle sich einmal vor: Es fliegt ein gewaltiger Futtermittelskandal auf und dann wird ein Runder Tisch ins Leben gerufen, an dem vor allem die Funktionäre des Bauernverbandes das Sagen haben. Das Protestgeschrei kann man sich gut vorstellen.