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Krieg in Afghanistan: Obama zieht die Samthandschuhe aus

Die US-Armee hat in Afghanistan eine Großoffensive gestartet. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Ein halbes Jahr nach Amtsantritt muss US-Präsident Barack Obama endlich handeln. Lange hat er den Partnern zugehört, jetzt will er auch von ihnen Taten sehen - und setzt Kanzlerin Merkel unter Druck. Obama will von ihr Soldaten und viel mehr Geld.

Von Katja Gloger

Es gibt da so ein paar Charakterzüge, die man den Menschen in den USA zuschreibt, die man hierzulande auch gerne "Amis" nennt: Demnach essen sie zu viele Hamburger, und sie glauben, die USA seien das beste Land der Welt. Sie sind aus Prinzip optimistisch und ziemlich rücksichtslos, sie drängen immer nach vorn. Und für manche Wörter haben sie einfach keine rechte Verwendung: da sollte der sprachgewandte John Kornblum, einst US-Botschafter in Berlin, eine englische Übersetzung für das Wort "Schuldenbremse" finden. "Gibt es nicht", sagte er flachsend, "Amerikaner kennen keine Bremsen."

Das gilt auch für Politiker in Washington, den Präsidenten eingeschlossen. Denn nach Washingtoner Zeitrechnung ist Barack Obama nicht "erst" sechs Monate im Amt. Er ist "schon" sechs Monate im Amt. Und eigentlich muss er die entscheidenden Weichen seiner Politik schon jetzt gestellt haben.

Eine "entscheidende Phase"

Denn in weniger als einem Jahr muss Obama schon wieder in den Wahlkampf ziehen. Im kommenden Jahr stehen mal wieder Kongresswahlen an, da gilt es, wichtige Mehrheiten zu sichern. "Bei uns herrscht eben immer Wahlkampf", sagt John Kornblum.

In weniger als einem Jahr also muss der Präsident seinen Wählern erste Ergebnisse präsentieren. Muss zeigen, dass er einige seiner ehrgeizigen Pläne in die Tat umgesetzt hat. Dass er seine Versprechen, weltweit so wunderbar eloquent vorgetragen, auch halten kann. "Jetzt beginnt die entscheidende Phase in Obamas Präsidentschaft", lautet Anfang Juli die Schlagzeile der "Financial Times".

Erfolge müssen her

Und er will ja wirklich ein großer Präsident sein. Will Geschichte schreiben. Von Anfang an machte Obama klar, dass er sein eigenes Land revolutionieren, die Welt wirklich verändern will. Selbstbewusst sieht er sich in einer Linie mit Abraham Lincoln und Franklin Roosevelt und John F. Kennedy. Vorbilder, die er schon im Wahlkampf zitierte. Die Wirtschaftskrise gilt ihm und seinen Strategen als Chance: "Es wäre eine Schande, wenn man diese Krise verschwenden würde", sagt Rahm Emmanuel, Obamas einflussreicher Stabschef.

Bald also muss er Erfolge präsentieren. Eine Gesundheitsreform, die den Namen verdient. Besserung der Wirtschaftslage, Klimaschutz.

Und in der Außenpolitik gilt dies vor allem für ein fernes, gefährliches Land am Hindukusch, in dem bald schon knapp 70.000 US-Soldaten kämpfen werden und ein Ende des Krieges nicht absehbar ist. Denn auch wenn Deutschlands Verteidigungsminister das partout anders sehen will: die USA; die Nato befindet sich in Afghanistan im Krieg. Gerade hat Obama 21.000 zusätzliche Soldaten in Marsch gesetzt. Er hat eine Großoffensive in der Südprovinz Helmand befohlen, 4000 Marines gehen dort gerade gegen Taliban vor.

Stichwort "Verantwortungs-Partnerschaft"

Höchste Zeit also, auch bei Freunden und Partnern zur Sache zu kommen. Denn Phase I ist jetzt abgeschlossen. Phase I, das war die "listenting and learning tour". In den vergangenen Monaten waren Amerikas Emissäre überall in der Welt unterwegs, "um zu hören und zu lernen", wie es so nett heißt. Der Präsident, der Vizepräsident, der Sicherheitsberater und auch die fleißige Außenministerin. Und all' die guten Ratschläge der Freunde flossen in die "policy review" ein, jenen komplizierten Prozess der Überprüfung und Neuausrichtung der US-Außenpolitik. Die Schalmaien-Klänge beschreibt Anne-Marie Slaughter, Planungschefin im State Department: "Wir sind voller Demut gegenüber all dem, was die Welt uns entgegenbringt."

Aber jetzt ist es Zeit, zur Sache zu kommen. Jetzt nimmt man seine Freunde, auch die Deutschen, beim Wort. Offiziell heißt das jetzt: "Verantwortungs-Partnerschaft". Im Klartext: man fordert konkrete Zusagen, Verpflichtungen. Auch wenn Angela Merkel sich ganz betont locker gab bei ihrem Besuch im Weißen Haus vergangene Woche - diese neue "Verantwortungs-Partnerschaft" könnte ziemlich unangenehm werden für die Deutschen und ihre Kanzlerin.

Druck auf Berlin

Den Auftakt machte gestern Morgen im sonnig-schwülen Berlin ein Mann, der die Floskeln der Diplomaten-Sprache eigentlich beherrschen müsste wie kein zweiter: Ivo Daalder, US-Botschafter bei der Nato. Nur wenige Wochen nach Obamas Amtsantritt wurde Daalder nach Brüssel geschickt, die Nato gilt als Schlüsselposten. Und er schickte einen seiner Besten: Ivo Daalder ist in den Niederlanden geboren, lebt seit Jahrzehnten in den USA, einer wie er ist in beiden Welten zuhause. Seit Jahrzehnten spezialisiert auf Außenpolitik, ein Meister der Think-Tanks, er hat 12 Bücher geschrieben, eines seiner letzten ist eine Abrechnung mit der Politik der Bush Jahre: "Entfesseltes Amerika."

Natürlich war es kein Zufall, dass Ivo Daalder nach Berlin gekommen war, um Klartext über Afghanistan zu sprechen. Natürlich war es kein Zufall, dass er dafür - ganz undiplomatisch - zunächst einmal maximale Öffentlichkeit suchte, bevor er sich mit Kollegen hinter verschlossenen Türen traf. Als ob er demonstrieren wollte: es gibt keinen Weg zurück. Als ob er die zögerliche Kanzlerin zwingen will, Stellung zu beziehen.

Eine öffentliche Rede also auf dem "Transatlantischen Forum", dazu Pressegespräche. Und was er zu sagen hatte, erinnerte stellenweise an die erste Angriffswelle einer politischen Großoffensive. Verbindlich im Ton, stets bemüht um Gemeinsamkeiten, doch in der Sache eisenhart: "Unsere frühere Strategie in Afghanistan war falsch", sagte Ivo Daalder. "Wir haben zugehört, wir haben gelernt. Unsere neue Strategie folgt der Politik der Entwicklungshilfe, der Diplomatie und der Verteidigung, die viele unserer Alliierten schon seit längerem favorisieren. Aber es reicht nicht aus, wenn wir einander nur in die Augen schauen."

Mehr Soldaten und viel mehr Geld

Und Daalder hatte auch gleich ein paar konstruktive Vorschläge mitgebracht. Die 400 deutscher Soldaten, die zur Absicherung der Wahlen nach Afghanistan geschickt werden, die sollten bleiben. "Sicherheitslage verbessert sich ja nicht durch irgendein Wunder. Und unsere Generäle haben bestimmt genug Aufgaben für sie."

Doch vor allem sollen die Deutschen das tun, was sie schon immer am besten konnten: zahlen.

Mit 750 Millionen Dollar zahlten die USA den Großteil der Kosten für afghanische Flüchtlingslager, so Daalder. Die gesamte EU sei mit gerade mal 76 Millionen Euro dabei. Entscheidend aber sei der Aufbau der afghanischen Armee, zu dem sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet habe.

Die Milliarden Dollar teure Armee

Und dann rechnete Daalder vor, kühl und klar: "Wir helfen beim Aufbau der afghanischen Armee, 134.000 Mann. Es wird mindestens 17 Milliarden Dollar kosten, diese Armee aufzubauen - und jährlich weitere zwei Milliarden Dollar, diese Armee zu unterhalten. WIR müssen diese Rechnung zahlen. Die USA haben in diesem Jahr 5,6 Milliarden Dollar bereitgestellt, im kommenden Jahr sollen es 7,5 Milliarden Dollar sein. Wir stellen 21.000 zusätzliche Soldaten zur Verfügung, schicken Hunderte ziviler Experten. Wir erfüllen unsere Verpflichtungen." Europa und Deutschland können mehr tun. Und sie müssen mehr tun."

Denn die internationale Gemeinschaft zahle bislang gerade mal 350 Millionen Dollar für die Ausbildung der afghanischen Armee. Nach ersten Schätzungen brauche man mindestens zwei Milliarden Dollar mehr. "Wenn wir nicht mehr Geld ausgeben, dann werden wir mehr Soldaten schicken müssen. Nämlich 134.000 Soldaten mehr. Wir müssen entschlossen und sofort handeln."

Amerikas Forderungen liegen auf dem Tisch

Die Zeit drängt. In einem Jahr schon sollen erste Erfolge sichtbar sein, heißt es in Washington. Denn dann muss Obama dem Wahlvolk seine weitere Strategie für Afghanistan erklären. Noch mehr Opfer? Noch mehr Geld? Oder vielleicht schon das, was im Moment noch niemand aussprechen will: einen Zeitplan für einen möglichen Truppenabzug. Eine Exit-Strategie.

Phase I ist vorbei, Phase II hat begonnen: Amerikas Forderungen liegen auf dem Tisch. Und als ob er es noch einmal bekräftigen müsse, sagte Top-Diplomat Daalder: "Wenn ich sage WIR, dann meine ich WIR". Und so freundlich, so verbindlich klang das einen Moment lang gar nicht mehr. Vielmehr so, als ob er mit einem störrischen Kind reden müsse.