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Pressestimmen

Abgang als Außenminister: "Ja, dieser Mann ist die Pest. Ja, er walzt Leute nieder. Und doch wird er fehlen."

Sigmar Gabriel wird der neuen Bundesregierung nicht angehören, sein Ausscheiden als Außenminister ist besiegelt. Kein Wunder, sagen die einen. Ein Fehler, die anderen. Das laute Medienecho zu Gabriels Abgang.

Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks werden neuer Bundesregierung nicht angehören

"Nun endet die Zeit, in der ich politische Führungsaufgaben für die SPD wahrgenommen habe", erklärte Sigmar Gabriel am vergangenen Sonntag. Und bestätigte damit eine Vorahnung, die seit dem kuriosen Schlagabtausch mit Ex-SPD-Parteichef Martin Schulz kursierte: Sigmar Gabriel wird der neuen Bundesregierung nicht angehören - der 58-jährige SPD-Politiker scheidet als Bundesaußenminister aus. Als sein Nachfolger wird der geschäftsführende Justizminister Heiko Maas gehandelt.

Das Medienecho auf Gabriels Abgang ist durchwachsen. Doch in einigen Punkten scheinen sich Kommentatoren einig: Der SPD-Politiker hat Talent - aber sich durch seinen streitbaren Führungsstil gewissermaßen selbst ins Aus befördert.

"Sigmar Gabriel schlug den letzten Nagel in den Sarg"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Das Bedauern hat ihm nicht geholfen. Als Sigmar Gabriel den Satz über den 'Mann mit den Haaren im Gesicht' sagte, schlug er den letzten Nagel in den Sarg, in dem seine Chance, den Posten des Außenministers behalten zu dürfen, ohnehin schon lag. (...) Gabriel war eine der letzten Urgewalten der deutschen Politik. Der neuen SPD-Führung waren seine Alleingänge freilich zu urtümlich."

"Süddeutsche Zeitung"

"Beide (Andrea Nahles und Olaf Scholz, Anm. d. Red.) sind Parteifreunde, aber keine Freunde von Gabriel; beide hat Gabriel früher als SPD-Teilzeitautokrat spüren lassen, wie er Führung verstand. Auch wegen Gabriels manchmal destruktiver Unberechenbarkeit fürchtete das neue SPD-Machtduo wohl, Gabriel werde als freies Radikal im Kabinett dem Ganzen eher schaden. Also haben sie ihn kaltgestellt; nicht nett, aber verständlich."

"Die Zeit"

"Ja, dieser Mann ist die Pest. Ja, er walzt Leute nieder. Ja, er ist wechselhaft. Aber das alles macht ihn nicht aus. Sigmar Gabriel ist auf der anderen Seite eben ein begnadeter Politiker. (...) Doch nun wurde er entmachtet, vermutlich für immer. Wahrscheinlich hat er wirklich nicht mehr hineingepasst in diese neue SPD, die Andrea Nahles und Olaf Scholz da aufstellen, und doch wird er fehlen, denn es gibt nicht viele, die auch nur annähernd so enorme politische Energien haben wir er."

"Spiegel Online"

"Der Abgang des 58-jährigen hat etwas Tragisches: Gabriel ist und war eines der großen politischen Talente der SPD. Analytisch stark, schonungslos auch was die Schwächen seiner eigenen Partei angeht, ein politisches Alphatier, am Stammtisch bei den "kleinen Leuten" ebenso präsent wie auf dem diplomatischen Parkett. Aber er ist eben auch ein impulsgetriebener Mensch, der sich mit seinem ungestümen Charakter oftmals selbst in die Quere kam, seine führenden Genossen immer wieder nervte mit Kurswechseln, Papieren und Wahlkampf-Tipps per SMS. (...) Gabriel hatte seine Fans in der SPD, keine Frage. Aber in der jetzigen Führung hatte er sie nicht mehr."

"Wie kann man einen solchen Kopf nur gehen lassen?"

"Die Welt"

"Sigmar Gabriel hat Talent. Der Sozialdemokrat mag vieles sein, ein genialer Schauspieler seiner selbst, ein zäher Anwalt der eigenen Sache, zudem ein zu kurz geratener Garnisonsfeldwebel, der das männliche Gepluster genauso braucht wie den Wutausbruch. Auch stimmt es: In Gabriel wohnen Feingefühl und Flegelhaftigkeit eng nebeneinander. Vor allem aber ist dieser Feuerkopf ein politisches Urvieh, er besitzt das nötige Bauchgefühl und ist gleichzeitig noch intelligent. (...) Wie kann man einen solchen Kopf nur gehen lassen?"

"Tagesspiegel"

"Es ist soweit, die SPD wird ihre Minister benennen. Und sei es auch so, dass Sigmar Gabriel, der beliebteste Sozialdemokrat, der beliebteste Minister überhaupt, nicht weiter regieren wird – er wird die Gemüter noch über diesen Tag hinaus beschäftigen. Denn da bleibt ja noch was aufzuarbeiten: Wer war es? Wer war der, der Martin Schulz das Amt des Vorsitzenden und das des Außenministers gekostet hat? Gabriel sagt, er sei es nicht gewesen. Schulz sagt, Gabriel sei es nicht gewesen. Bleiben nur noch diese zwei: Andrea Nahles oder Olaf Scholz."

"Straubinger Tagblatt"

"Spätestens mit seiner beleidigten Reaktion auf die drohende Ablösung durch Schulz hat Gabriel sein Schicksal besiegelt. Dass er stillos giftete, seine kleine Tochter habe von Schulz als 'Mann mit den Haaren im Gesicht' gesprochen, kostete ihn die letzten Chancen. Für den Neuanfang der Partei wäre der unberechenbare, zu Alleingängen neigende Niedersachse ein Risikofaktor. Einem Mann der Vergangenheit ein Amt zu überlassen, das die besten Chancen bietet, sich für die Zukunft in Stellung zu bringen, kann sich die ums Überleben kämpfende SPD schon in taktischer Hinsicht nicht leisten."

"Wetzlarer Neue Zeitung"

"Dass Gabriel gehen muss, ist richtig. Und es hat nichts mit machthungrigen Spitzengenossen zu tun, die ihn eiskalt abservieren. Sigmar Gabriel ist zwar ein begnadeter Politiker - scharf in der Analyse und rhetorisch allen in der SPD voraus. Und weit näher an der Basis seiner Partei als der Berliner Politikstudent Kevin Kühnert, der der SPD neuerdings zum Oppositionskurs in der Regierung rät. Aber Gabriel ist kein Teamspieler. Und wenn es ihm gegen den Strich geht, beleidigt er sein engstes Arbeitsumfeld und zieht sogar sein Kind mit rein. Eines Außenministers ist das unwürdig."

Reaktionen zu Gabriel-Wut: "Aber der Onkel hat gesagt, ich darf Außenminister bleiben! Menno!"
fs/Mit Material der DPA