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Sondierungsgespräche nach Wahl in Berlin: Rot-Grün traut sich mehr als erwartet

Die rot-grüne Liaison in Berlin könnte noch zur Liebesheirat reifen. Doch sie könnte genauso gut wieder zerbrechen - am Streit über 3,2 Kilometer Autobahn-Beton. Noch ist nichts entschieden. Die CDU kann am Donnerstag ihre Chancen nutzen.

Dass es Spaß gemacht hat, das fast vierstündige Gespräch mit den Grünen - so weit wollte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) am Mittwoch selbst nicht gehen. Nach der Atmosphäre des ersten rot-grünen Sondierungsgespräches gefragt, gab er aber immerhin genau diesen Eindruck einer Beteiligten aus der zehnköpfigen Runde wieder. Lächelnd traten Wowereit und Grünen-Frontfrau Renate Künast vor die wartenden Journalisten im Säulensaal des Roten Rathauses, um Wohlfühllaune zu verbreiten. So entspannt hatte Künast lange nicht ausgesehen.

Rauher Wahlkampf, friedliche Sondierung

Nun gehört es sicher zu den Ritualen solcher Sondierungsrunden, anschließend von konstruktiven Gespräche in guter Atmosphäre zu sprechen. Doch Grüne und Sozialdemokraten waren im Wahlkampf als Hauptkonkurrenten um das Amt des Regierungschefs ziemlich rau miteinander umgegangen.

Und nun sollen die äußerst knappen Mehrheitsverhältnisse für Rot-Grün im künftigen Abgeordnetenhaus - mit 76 Mandaten nur eins über der absoluten Mehrheit - plötzlich nicht mehr wichtig sein. "Das hat gar keine Rolle gespielt", sagte Wowereit. Ausgerechnet: Gerade er würde ein oder zwei Heckenschützen aus den eigenen Reihen wie bei seiner Wahl 2006 zum Regierenden Bürgermeister als erster zu spüren bekommen.

Das Vertrauen soll es richten

Stattdessen betonte der SPD-Politiker das bereits in dem ersten Gespräch geschaffene Vertrauen. Ein Seitenhieb auf die "satte Mehrheit der Bundesregierung", die ihr auch nicht helfe, sollte das untermauern. "Auf das Vertrauen kommt es an", wiederholte er eines seiner Entscheidungskriterien, ob sich die SPD am Ende für die Grünen oder die CDU entscheiden wird.

Doch die Beschwörungsformeln täuschen nicht darüber hinweg, dass die Kuh noch lange nicht vom Eis ist. Verheimlicht wurde nicht, dass man sich im Streit über den Weiterbau der Autobahn A100 auch bei einem Schälchen Kartoffelsuppe nicht einigen konnte. Deswegen wird es nach den Gesprächen mit der CDU an diesem Donnerstag voraussichtlich eine zweite Sondierungsrunde geben.

Infrastrukturprojekte als Knackpunkt

Wie ein Mantra hatte Wowereit zuvor immer wieder betont, wer nicht zu den beiden wichtigsten Infrastrukturprojekten der Stadt wie dem künftigen Hauptstadtflughafen auch mit begrenzten Nachtflügen oder der A100 stehe, wolle offenbar lieber weiter an kleinen Biotopen bauen, die Berlin aber keine neuen Arbeitsplätze brächten. Umgekehrt hatte Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann noch in der letzten Plenumssitzung vor der Wahl gewettert, dieses 420-Millionen Euro teure Betonstück Autobahn sei mit den Grünen nicht zu bauen.

Direkt danach gefragt, ob daran ein Koalitionsvertrag mit der SPD scheitern könnte, verschanzte sich Künast hinter den Regeln der Sondierung und verwies auf die Vertraulichkeit. Wer wie nachgibt, ohne allzusehr sein Gesicht zu verlieren, ist noch nicht ausgemacht. Die vielleicht schon gefundenen Kompromisslinien sollen zunächst mal in der eigenen Partei beraten werden.

Wowereit weiß, dass die Hälfte seiner SPD-Truppen am liebsten zusammen mit den Grünen das Autobahn-Teilstück verhindern würden. Die Grünen wissen, dass ihre Basis ihnen ein Ja um die Ohren hauen würde. Und Künast weiß, dass sie für ihre weitere Karriere in der Bundestags-Fraktion Rot-Grün in Berlin hinkriegen muss.

Kirsten Baukhage/DPA / DPA